Erbschaftsteuer: Dürfen Betriebsvermögen verschont werden?
"Das aktuelle Erbschaftssteuersystem ist ungerecht", sagt Wirtschaftsjuristin Julia Jirmann. Das Bundesverfassungsgericht prüft, ob Steuervorteile für große Unternehmenserbschaften zulässig sind.
13.10.2026 | 5:29 minEs ist die immerwährende Debatte um Steuergerechtigkeit, die am Dienstag auch am Bundesverfassungsgericht (BVerfG) geführt wird. Das höchste deutsche Gericht muss klären, ob im Erbfall oder bei einer Schenkung die unterschiedliche Besteuerung von Privat- und Betriebsvermögen mit der Verfassung im Einklang steht. Kritikern zufolge verstößt das aktuelle Steuerrecht gegen das Gleichheitsgebot des Grundgesetzes.
Wer erbt, muss die Gesellschaft über die Erbschaftsteuer beteiligen. Doch viele Erben von Familienunternehmen bleiben von diesem Grundsatz weitgehend verschont. Dem Staat entgehen so Milliarden.
20.01.2026 | 9:05 minWorum geht es vor dem Bundesverfassungsgericht?
So sieht es auch der Kläger vor dem Verfassungsgericht. Er erbte von seiner Tante ein Wertpapierdepot und ihr privates Vermögen. Auf das Erbe musste er Erbschaftsteuer zahlen. Der Mann findet es ungerecht, dass er für das kleine Vermögen Steuern zahlen musste, wohingegen die Erben von großen milliardenschweren Unternehmen nach der aktuellen Rechtslage oftmals von Steuerzahlungen verschont bleiben.
Denn für Unternehmenserben gibt es hohe Steuerfreistellungen, die sogar bis zu einem vollständigen Erlass der Erbschaftsteuer führen können. Für das private Erben gibt es aktuell keine vergleichbaren Vergünstigungen. Weil der Kläger vor den Finanzgerichten scheiterte, legte er Verfassungsbeschwerde in Karlsruhe ein.
Sarah Tacke klärt die Fakten rund ums Erben und diskutiert mit Politikern und Steuerrechtfachleuten über ein gerechteres Erbschaftssteuerrecht.
13.08.2026 | 61:15 minAuf welcher Grundlage prüft das BVerfG die Klage?
Das Karlsruher Gericht muss nun prüfen, ob mehrere Vorschriften des Erbschaftsteuer- und Schenkungssteuergesetzes sowie eine Vorschrift des Bewertungsgesetzes verfassungsgemäß sind.
Geklärt wird, ob die Möglichkeiten für Unternehmenserben, sich im Erbfall von der Steuerlast zu befreien,
- entweder für alle Erben gelten,
- gänzlich abgeschafft werden müssten
- oder ob es eines gerechteren Verfahrens bedarf.
Es geht also nicht um die Höhe der Besteuerung von Erbschaften.
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- Reformpläne zur Erbschaftssteuer: Was bei Betrieben schwierig ist
Wie wird das Erbe von Unternehmensvermögen besteuert?
Eigentlich hängt die Höhe der zu zahlenden Erbschaftsteuern von der Höhe des vererbten Vermögens ab. Heißt: Je höher das Erbe, desto höher auch die Steuerlast. Doch bei betrieblichen Vermögen ist das anders: Ab einem gewissen Vermögen zahlen die Erben tatsächlich im Verhältnis häufig weniger Steuern oder können sogar ganz von den Steuerzahlungen befreit werden.
Die Erbschaft- und Schenkungsteuer erreichte 2025 mit 21,4 Milliarden Euro einen neuen Rekordwert. Grund waren vor allem große Vermögensübertragungen.
26.08.2026 | 0:29 minDas liegt daran, dass das Erbschaftsteuer- und Schenkungsgesetz für das Erbe von Kapitalgesellschaften, Gewerbebetrieben oder land- und forstwirtschaftlichen Vermögen verschiedene Begünstigungen vorsieht.
Beispiel: Wer ein Betriebsvermögen erbt, das unter 26 Millionen Euro liegt, ist bis zu 85 Prozent steuerfrei. Und der Erbe eines Betriebsvermögens über 26 Millionen Euro kann unter Umständen gänzlich von der Zahlung der Erbschaftsteuer freigestellt werden, sollte er "bedürftig" sein. Dafür muss er beispielsweise nachweisen, dass er die anfallenden Steuern nicht aus seinem aktuellen Privatvermögen begleichen kann.
Als "bedürftig" im Sinne des Gesetzes gilt ein Unternehmenserbe jedoch auch, wenn er sein Vermögen zum Beispiel auf minderjährige Kinder oder auf privatnützige Familienstiftungen überträgt.
Was sagen die verschiedenen Seiten?
Die Befürworter der steuerrechtlichen Ausnahmen für Unternehmen halten diese Regelungen für notwendig. Sie argumentieren, dass Erben von Unternehmen ansonsten schlimmstenfalls aufgrund von Steuerzahlungen gezwungen wären, das Unternehmen aufzugeben, und damit auch der Verlust von Arbeitsplätzen einherginge.
In Deutschland besitzen zehn Prozent mehr als zwei Drittel aller Vermögen. Verpflichtet Reichtum, Gutes für das Gemeinwohl zu tun?
21.01.2025 | 28:45 minDas Netzwerk Steuergerechtigkeit sieht in der bestehenden Rechtslage hingegen einen Verstoß gegen den Gleichheitsgrundsatz: Zwar dürfe der Gesetzgeber Unternehmensvermögen etwa zur Sicherung von Arbeitsplätzen steuerlich privilegieren. Doch die aktuell gewährten Privilegien gingen zu weit.
Wann ist mit einer Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zu rechnen?
Am Dienstag findet die mündliche Verhandlung statt - eine Entscheidung wird erst im kommenden Jahr erwartet.
Sollte Karlsruhe die Privilegierung für das Erbe von Betriebsvermögen für verfassungswidrig halten, muss der Gesetzgeber die Erbschaftssteuerregelung ändern. Wie viel Zeit dieser für Korrekturen bekäme, kann das Gericht vorgeben.
Über dieses Thema berichtet das ZDF-Morgenmagazin am 13.10.2026 ab 5:30 Uhr.
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