"Maul zu, Frau Merkel!": Linkspopulist Mélenchon tritt an, um den deutsch-französischen Motor zu zerstören

"Maul zu, Frau Merkel!"Linkspopulist Mélenchon tritt an, um den deutsch-französischen Motor zu zerstören
13.09.2026, 10:34 Uhr
Von Lea Verstl
00:00
07:27

Jean-Luc Mélenchon warnt die Franzosen vor der Aufrüstung Deutschlands und dem angeblichen Spardiktat aus Berlin. Der Linkspopulist beschwört das deutsche Feindbild im Wahlkampf immer wieder. Mit Erfolg: Im Rennen um das Präsidentenamt kann er die Stichwahl erreichen.
Im April könnten die Franzosen die Wahl zwischen zwei Extremen haben. Ein mögliches Szenario nach aktuellen Umfragen: Neben Marine Le Pen vom rechtsextremen Rassemblement National schafft es der Linkspopulist Jean-Luc Mélenchon von La France insoumise in die Stichwahl fürs Präsidentschaftsamt. Trotz ihrer verfeindeten Lager liegen Le Pen und Mélenchon bei außenpolitischen Themen nicht weit auseinander: In Russland sehen sie keine existenzielle Gefahr für Frankreich, die Nato finden beide überbewertet, als Feindbild dient ihnen die Europäische Union – weil die angeblich dem Diktat deutscher Interessen unterworfen ist.
In all diesen Punkten gibt sich Mélenchon noch extremer als Le Pen, vor allem bei seiner Polemik gegen die Deutschen. Während Le Pens Misstrauen gegenüber Deutschland und der EU nationalistisch begründet ist, speist sich Mélenchons scharfe Kritik an Berlin und Brüssel aus einer linkspopulistischen Tradition: Der Marxist sieht durch die aus seiner Sicht marktliberale und technokratische EU-Ordnung die Souveränität des Volkes bedroht. Ein großer Dorn im Auge ist Mélenchon der deutsch-französische Motor in der EU und damit das Sinnbild der Freundschaft zwischen Paris und Berlin nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Motor wird aus seiner Sicht einseitig von deutschen Interessen angetrieben. Am liebsten würde Mélenchon ihn sprengen, um die Europäischen Verträge komplett neu zu verhandeln.
Antideutsche Töne verbreitet der Linkspopulist seit vielen Jahren, wobei er schon ausfallend wurde. Ende 2014 beleidigte er die damalige Kanzlerin auf Twitter, auf Deutsch schrieb er: "Maul zu, Frau Merkel!" Zu jener Zeit tobten in der EU heftige Diskussionen um Angela Merkels Forderungen nach Austerität und Haushaltsdisziplin als Antwort auf die Eurokrise. Auch Paris war unter Druck geraten – und musste aufgrund des Lochs im französischen Staatshaushalt, das bis heute klafft, Spar- und Reformschritte zusagen. Der Ärger der Franzosen über die wirtschaftliche Unsicherheit und das deutsche Spardiktat steigerte Mélenchons Popularität. Das Wahlbündnis linksextremer Parteien erreichte bei den Präsidentschaftswahlen 2012 ein Rekordergebnis mit Mélenchon als Spitzenkandidat.
Mélenchon schimpft über deutsche "Arroganz"
Drei Jahre später widmete Mélenchon ein ganzes Buch der Verachtung, die er für die Deutschen empfindet. Unter dem Titel "Der Bismarckhering (Das deutsche Gift)" veröffentlichte er ein Pamphlet, in dem er die deutsche Politik als Gefahr für Europas Nachbarn darstellt. Darin klagt er über die deutsche "Arroganz" und spricht von einem "Monster", das jenseits des Rheins entstanden sei. Er geht so weit, zu behaupten, die politische Konfrontation mit deutschen Regierungen sei "eine der Voraussetzungen für die Befreiung der Völker". In Interviews kritisiert Mélenchon noch immer diese "Arroganz", auch in deutschen Medien wie der "Welt am Sonntag", wenngleich er sich mit wilden Beleidigungen gegenüber deutschen Regierungschefs inzwischen zurückhält. Im Wahlkampf gibt er sich zahmer, um auch für Wähler der politischen Mitte anschlussfähig zu sein.
Mélenchon begann seine Karriere politisch gemäßigter, im sozialistischen Establishment. Zuvor war er in einer trotzkistischen Gruppierung aktiv gewesen. 1951 in Tanger geboren, kam Mélenchon 1962 nach der Trennung seiner Eltern mit seiner Mutter und Schwester nach Frankreich. Zunächst lebte die Familie in der Normandie, später im Jura. Vor seiner politischen Karriere arbeitete er als Philosophielehrer und Journalist. 1976 trat er der Sozialistischen Partei (PS) bei, später wurde er Senator für das südlich von Paris gelegene Département Essonne. Unter Premierminister Lionel Jospin war Mélenchon von 2000 bis 2002 beigeordneter Minister für berufliche Bildung.
Bereits 2005 wetterte Mélenchon gegen den EU-Verfassungsvertrag, der nach ablehnenden Referenden in Frankreich und den Niederlanden nicht ratifiziert wurde. Sein größter Kritikpunkt war die aus seiner Sicht neoliberale wirtschaftspolitische Ausrichtung. Damit stellte sich Mélenchon gegen die offizielle Linie der PS. Drei Jahre später verließ er die Partei und warf ihr vor, sich wirtschaftsliberal entwickelt zu haben. Anschließend gründete er die Parti de Gauche und profilierte sich als politische Stimme links der Sozialisten. Von 2009 bis 2017 gehörte er dem Europäischen Parlament an. 2016 rief er La France insoumise ins Leben, eine linkspopulistische Partei mit klarer Agenda gegen die EU-Fiskalregeln sowie gegen den von Mélenchon verhassten Ordoliberalismus deutscher Prägung, der ideologischen Grundlage der sozialen Marktwirtschaft.
Mélenchon fordert Nato-Austritt Frankreichs
Im Juli erklärte Mélenchon, die Abkommen zu Verteidigungs- und Industriepolitik, die Emmanuel Macron mit Friedrich Merz geschlossen hat, direkt aufzukündigen, sollte er in den Élysée einziehen. Insbesondere die vereinbarte Vertiefung der Zusammenarbeit bei der nuklearen Abschreckung möchte Mélenchon beenden. Er verbittet sich jede Einmischung in die französische Außenpolitik und fordert den Austritt aus der Nato. Frankreich soll die volle Kontrolle über sein Atomwaffenarsenal behalten. Zugleich sieht Mélenchon die in Deutschland stationierten Nuklearsprengköpfe der USA als Sicherheitsrisiko für Nachbarstaaten.
Alarmiert zeigt er sich auch von Deutschlands Anspruch, eine der stärksten konventionellen Armeen Europas zu werden. Nach dem Wahlsieg der AfD in Sachsen-Anhalt warnte Mélenchon auf X: "Die extreme Rechte ist nach Deutschland zurückgekehrt." Für ihn eine Demonstration "der Blindheit der zentristischen europäischen Politik". Vor diesem Hintergrund sei die Aufrüstung Deutschlands "für Frankreich inakzeptabel".
Das erinnert an Warnungen aus Berlin: Kaum jemand möchte sich die Sicherheitspolitik einer Präsidentin Le Pen ausmalen, die dann über französische Atomwaffen verfügt. Mit einem Präsidenten Mélenchon wäre die Aussicht für die Deutschen aber nicht viel besser. Noch ist nicht klar, wer es im April in die Stichwahl schafft. Marine Le Pen liegt in den Umfragen jedoch deutlich vorn und gilt bislang als nahezu gesetzt. Gegen Mélenchon würde sie laut aktuellen Umfragen klar gewinnen.
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.