Hitlers geheimer Reaktor: Standen die Nazis wirklich kurz vor dem Atom-Durchbruch?

Hitlers geheimer ReaktorStanden die Nazis wirklich kurz vor dem Atom-Durchbruch?
05.10.2026, 18:51 Uhr
Von Kai Stoppel

Kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs entdeckten US-Truppen im Felsenkeller von Haigerloch einen geheimen Atomreaktor der Nazi. Jahrzehntelang galt die These, er habe kurz vor dem Durchbruch gestanden. Neue Analysen zeichnen ein ganz anderes Bild.
War Nazi-Deutschland auf dem Weg, eine eigene Atombombe zu bauen? Bis kurz vor Kriegsende wurde an einem geheimen Ort in Süddeutschland an einem Kernreaktor gebastelt. Angeblich stand dieser kurz vor dem Durchbruch, behauptete später der leitende Forscher, Nobelpreisträger Werner Heisenberg. Eine neue Studie hat untersucht, wie weit die Atom-Fortschritte der Nazis wirklich waren - und kommt zu einem ernüchternden Ergebnis.
Der deutsche Reaktor wurde 1945 von US-Truppen in einem Felsenkeller in Haigerloch, im heutigen Baden-Württemberg entdeckt. Offizieller Name des Experiments war B8, danach hat sich die Bezeichnung Haigerloch-Reaktor durchgesetzt. Der Reaktor bestand aus einem Betontank gefüllt mit Wasser und einem etwa zwei Meter breiten wie hohen Metallkessel im Inneren. In dem Kessel hingen fast 700 Uranwürfel an Drähten in schwerem Wasser - eine besondere Variante von Wasser, die Neutronen abbremst und eine kontrollierte nukleare Kettenreaktion ermöglichen soll.
Heisenberg hatte zwei Jahre nach Kriegsende er in einem Artikel behauptet, dass dem Haigerloch-Reaktor lediglich eine "relativ geringe Menge Uran" für eine selbsterhaltende nukleare Kettenreaktion - auch Kritikalität genannt - gefehlt hätte. Dies wäre ein wichtiger Fortschritt für das Nazi-Atomprogramm gewesen.
Nicht ausreichend Uran im Dritten Reich
Doch war das Dritte Reich wirklich kurz vor dem atomaren Durchbruch? Eine neue Studie hat sich das genauer angeschaut. Das internationale Forschungsteam überprüfte, ob die Behauptung von Heisenberg zutraf. Die Forscher analysierten dafür zwei originale Würfel aus Natururan aus dem deutschen Projekt. Auch werteten sie historische Aufzeichnungen, technische Berichte, Korrespondenzen und andere Archivmaterialien aus.
Das Fazit: Um die Kritikalität zu erreichen, hätte der deutsche B8-Reaktor doppelt so viel Uran benötigt, wie er tatsächlich besaß - und damit mehr als den geschätzten deutschen Kriegsbestand. Zudem hätte B8 mehr als doppelt so viel schweres Wasser benötigt - ebenfalls deutlich über der verfügbaren Menge. Insgesamt lägen diese Werte "weit entfernt" von Heisenbergs optimistischen Einschätzungen, schreiben die Autoren in der Studie.
Schweres Wasser war zwar wichtig für den Nazi-Reaktor, aber schwer zu beschaffen: Die einzige Quelle war damals das Werk von Norsk Hydro in Norwegen. Zwar wurde Norwegen ab April 1940 von Deutschland kontrolliert, die Anlage wurde allerdings bei einem alliierten Bombenangriffe im November 1943 zerstört.
Grafit von schlechter Qualität
Doch es gab auch noch Grafit als Alternative - mithilfe dieser Form des Kohlenstoffs hatten die USA im Jahr 1942 in ihrem ersten Kernreaktor, dem sogenannten Chicago Pile-1, eine Kritikalität erreicht. Zwar verfügte das Dritte Reich ebenfalls über Grafit. Doch dieses hatte laut der Studie nicht die nötige Qualität, um eine selbsterhaltende Kettenreaktion im Reaktor zu gewährleisten.
Zusammenfassend lautet das Urteil: Es fehlte Nazi-Deutschland sowohl an ausreichenden Mengen als auch an ausreichend hochwertigem Material, um einen Kernreaktor zu bauen - und damit den Weg hin zur deutschen Atombombe zu ebnen. Die Studie wurde in der Fachzeitschrift "PNAS Nexus" veröffentlicht.
Der deutsche B8-Reaktor wurde ab Ende April 1945 von der amerikanischen Alsos-Mission demontiert. Uran, schweres Wasser und Teile der Anlage wurden in die USA gebracht. Die beteiligten deutschen Atomforscher wurden gefangen genommen und später in England interniert. Heute befindet sich in dem Felsenkeller in Haigerloch das Atomkeller-Museum.
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