Trotz Masterabschluss Essen ausliefern – darf RAV das fordern?

- 141 Tage dauert die Jobsuche in Zürich bei unter 30-jährigen Hochschulabsolventinnen und -absolventen aktuell im Schnitt. Das sind zwei Wochen mehr als noch vor zwei Jahren.
- Laut den RAV verlangen Firmen oft Berufserfahrung und stellen wegen der unsicheren Weltlage zurückhaltend ein.
- Sie raten zu Praktika, befristeten Einsätzen oder Branchenwechseln und erwarten mit der Zeit auch Jobs unter dem Qualifikationsniveau.
Wer nach Jahren an der Uni seinen Abschluss im Sack hat, hofft auf einen guten Einstieg ins Berufsleben. Doch selbst mit einem Masterabschluss kann es schwierig sein, eine passende Stelle zu finden. Laut dem Staatssekretariat für Wirtschaft Seco waren im Juli 2026 rund 18’500 Personen mit Masterabschluss arbeitslos.
Eine Umfrage von 20 Minuten bei den Arbeitsmarktbehörden in Zürich, Luzern und Basel-Stadt zeigt: Hochschulabsolventinnen und -absolventen müssen teilweise mehr Geduld mitbringen. Und wer länger keinen Job findet, sollte Praktika, befristete Einsätze oder einen Branchenwechsel in Betracht ziehen.
Jobsuche dauert länger
In Zürich benötigten beim RAV gemeldete Personen unter 30 mit Hochschulabschluss zuletzt durchschnittlich 141 Tage, um einen Job zu finden. Das sind laut dem Amt für Arbeit zwei Wochen mehr als vor zwei Jahren. Die Suchdauer liege aber weiterhin deutlich unter dem Durchschnitt aller gemeldeten Stellensuchenden von 227 Tagen. Auch Luzern beobachtet längere Suchphasen, betont jedoch, dass Hochschulabsolventinnen und -absolventen weiterhin gute Arbeitsmarktchancen hätten.
In Basel-Stadt ist die Arbeitslosigkeit laut dem Amt für Wirtschaft und Arbeit über alle Alters- und Bildungsgruppen angestiegen. Besonders betroffen seien akademische Berufe und Führungskräfte. Inhaltlich würden Spezialistinnen und Spezialisten in Marketing, Vertrieb und IT herausstechen.
Firmen fordern Berufserfahrung, die Studierende nicht mitbringen
Doch wieso haben gut ausgebildete junge Menschen Mühe, einen Job zu finden? Das Problem liege weniger an mangelnden Qualifikationen als an den Anforderungen der Unternehmen, erklärt WAS Wirtschaft Arbeit Soziales Luzern. Firmen würden selektiver rekrutieren und häufig Berufserfahrung erwarten, die vielen Absolventinnen und Absolventen fehlt.
Zürich nennt zudem fehlende Bewerbungsroutine und berufliche Netzwerke. Basel-Stadt verweist auf die unsichere weltwirtschaftliche Lage: Unternehmen seien zurückhaltend mit Neueinstellungen. Zudem sei die Zahl offener Stellen in der Schweiz in den vergangenen Jahren merklich zurückgegangen.
Trotz Master ins Praktikum?
Wer monatelang keine passende Stelle findet, sollte laut den RAV sein Suchfeld erweitern. In Luzern wird empfohlen, auch verwandte Tätigkeiten und andere Branchen in Betracht zu ziehen. Alle drei Kantone empfehlen je nach Situation auch befristete Einsätze, Projekte oder Praktika, um Erfahrung zu sammeln. Zürich nennt zusätzlich Mentoring oder Einzelcoachings. Basel-Stadt setze bei der Beratung auf spezialisierte Teams für Schwerpunktbranchen.
Müssen Akademiker Jobs annehmen, für die sie überqualifiziert sind?
Masterabgängerinnen und -abgänger berichten auf Social Media davon, als Essenslieferanten oder Burgerbrater zu jobben. Müssen sie gemäss RAV irgendwann Jobs annehmen, für die sie überqualifiziert sind? Grundsätzlich ja, zeigen die Antworten der Behörden. «Das kann mit zunehmender Dauer der Arbeitslosigkeit erwartet werden», sagt etwa Luzern. Allerdings gelten gesetzliche Regeln, und die individuelle Situation werde berücksichtigt.
Wie Zürich erklärt, müssen Stellensuchende unter 30 Jahren auch Stellen ausserhalb des angestammten Suchbereichs annehmen. Basel-Stadt betont, dass zunächst eine Stelle gesucht werde, die den Fähigkeiten und Erfahrungen entspricht. Gleichzeitig müssten Stellensuchende im Rahmen ihrer gesetzlichen Pflichten auch andere zumutbare Arbeit annehmen. Möglich sei etwa ein Zwischenverdienst.
Empfehlung zum Berufswechsel?
Nicht immer ist eine Weiterbildung die Lösung. Luzern empfiehlt sie nur, wenn sie die Chancen auf dem Arbeitsmarkt konkret verbessert. Ein Branchenwechsel werde geprüft, wenn Kompetenzen auch in anderen Bereichen gefragt sind. Eine vollständige Neuqualifizierung komme erst infrage, wenn die bisherigen Perspektiven langfristig eingeschränkt seien. Basel-Stadt unterstütze einen Branchenwechsel, wenn sich aufgrund der Ausgangslage wenig Chancen im angestammten Beruf abzeichnen. Allerdings warnt die Behörde, ein Branchenwechsel sei auf dem Schweizer Arbeitsmarkt nicht leicht umzusetzen.
Welchen Weg würdest du nach einer langen Jobsuche am ehesten wählen?
Lynn Sachs (sac) arbeitet seit 2020 für 20 Minuten. Sie ist stellvertretende Leiterin des Ressorts News.
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