Wahlen in Israel – Nach dem Massaker: Wie wählt man in einem Kibbuz neben Gaza?

Sie habe das Vertrauen verloren, sagt Jeanette. Seit dem 7. Oktober 2023 sei sie nicht mehr sicher, wer die Menschen seien, die auf der anderen Seite der Grenze wohnen.
Jeanette arbeitet in der Verwaltung der Landwirtschaft und wohnt seit 30 Jahren in Nir Yitzhak. Der Kibbuz liegt wenige Kilometer von der Grenze zum Gazastreifen entfernt. Als sie als junge Frau mit ihrem Mann hierherzog, um eine Familie zu gründen, sei die Welt eine andere gewesen.
«Mindestens 20 Palästinenser aus Gaza arbeiteten bei uns – im Dorf, auf den Feldern. Sie gingen bei uns ein und aus, niemand hatte Angst», erzählt Jeanette. Danach, ab dem Jahr 2000, sei es schwieriger geworden, die zweite Intifada begann, es gab Raketenangriffe, im Kibbuz wurden Bunker gebaut, immer weniger Arbeiter aus Gaza durften die Grenze überqueren.
Und dann der 7. Oktober. In Nir Yitzhak tötete die Hamas acht Personen, weitere acht nahmen die Kämpfer als Geiseln mit. Sie habe sich verraten gefühlt, sagt Jeanette. Sie, die immer politisch links und für den Frieden gewesen sei.
Links sei sie zwar noch immer, bekräftigt die 60‑Jährige. Trotzdem erwägt sie, am 27. Oktober Gadi Eisenkot und seine Partei «Jashar!» zu wählen. Der frühere Generalstabschef Eisenkot sei zwar «überhaupt nicht links», aber er sei derjenige mit den besten Chancen, Benjamin Netanjahu aus dem Amt zu drängen.
Traditionell links
In Nir Yitzhak wählt man traditionell mehrheitlich links. Auch Nahshon. Der 66-Jährige war jahrelang in der Friedensbewegung aktiv, half etwa mit, kranke Palästinenserinnen und Palästinenser in israelische Spitäler zu bringen.
«Viel stärker getroffen hat mich, dass die Menschen in Gaza es danach nicht geschafft haben, sich auch nur im Kleinsten für die Geiseln, für den Frieden einzusetzen.»
Der 7. Oktober und seine Folgen hätten auch seine Ansichten infrage gestellt. Dass viele in Gaza sich über den Hamas-Überfall gefreut hätten, das sei das eine. Das sei schrecklich, aber gehöre zum Krieg. «Viel stärker getroffen hat mich, dass die Menschen in Gaza es danach nicht geschafft haben, sich auch nur im Kleinsten für die Geiseln, für den Frieden einzusetzen.»
Noch mehr Mühe mache ihm aber, was das Ganze mit seinem Land, Israel, gemacht habe, fügt Nahshon an. «Alle sind nur noch für mehr Krieg, mehr Gewalt, mehr Stärke.» Jegliche moralischen Standards seien verloren gegangen. Er könne sich nicht damit abfinden, was seit dem 7. Oktober aus Israel geworden sei.
Grosse Hoffnungen darauf, dass es zu einem Wechsel komme, mache er sich aber nicht, sagt Nahshon. Er kenne zu viele Leute, die inzwischen auch offen Dinge sagten, die zuvor undenkbar schienen.
Leute wie Avi. Auch er ist in Nir Yitzhak aufgewachsen. «Entweder sind die Palästinenser nicht mehr hier oder wir. Jemand muss gehen.» Avi lässt keinen Zweifel daran, wer das ist. «Niemand in der Welt will die Juden, Israel ist der einzige Ort für sie. Und ich bin Jude. Darum bleibe ich hier.»
Wer nicht freiwillig geht, ist tot.
Und die Palästinenserinnen und Palästinenser? Sie hätten angegriffen und müssten nun mit den Konsequenzen zurechtkommen. «Freiwillige Auswanderung oder totale Vernichtung. So einfach ist das. Wer nicht freiwillig geht, ist tot.»
Mit dieser Ansicht ist Avi im Kibbuz Nir Yitzhak in der Minderheit. Nahshon will die Hoffnung auf ein friedliches Zusammenleben mit den palästinensischen Nachbarn nicht begraben. Er sei Optimist.
Die Furcht des Optimisten
Aber er fürchtet sich vor dem Ausgang der Wahlen. «Wenn Netanjahu an der Macht bleibt, dann weiss ich wirklich nicht, was tun.» Vielleicht werde er das Land verlassen, sagt Nahshon. Obwohl es ihm extrem schwerfallen würde.
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