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Friday, October 23, 2026

Werkausgabe zu Lebzeiten – Christoph Geiser: «Ich wollte Lebenslügen zerstören»

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13 Bände in grauem Leinen. Tausende Seiten mit Romanen, Erzählungen und Essays – alles aus der Feder des in Bern lebenden Schriftstellers Christoph Geiser.

«Das ist mein Leben», sagt der 77-Jährige, «mein Leben war immer Schreiben». Und es war Auseinandersetzung – mit sich, mit den Zeitumständen, mit familiären, gesellschaftlichen und politischen Zwängen.

Literatur eines Rebellen

Dies macht die Werkausgabe erfahrbar. Sie legt Zeugnis ab von einem Schriftstellerleben, das vom Wunsch nach Freiheit getrieben war. Von Selbstermächtigung. Und von der Suche, eine Sprache dafür zu finden.

Ein älterer Mann in einem beigen Pullover sitzt auf einer Bank vor einer strukturierten Wand.
Legende: Der Schweizer Schriftsteller Christoph Geiser. Dank der Werkausgabe wird der Künstler nun neu erfahrbar. (Aufnahme von 2013) KEYSTONE/Ayse Yavas

Christoph Geisers Bücher stehen zwar für sich, doch sie sind keine Einzelwerke. Sind einzelne Etappen eines Prozesses, der ein ganzes Leben dauerte.

Christoph Geiser: «Werkausgabe in 13 Bänden». Secession, 2022–2026.

Dazu gehört auch die faszinierende sprachliche Entwicklung, die der Autor durchmachte – vom ruhig-realistischen Stil hin zu einer Literatur, die mit sprachlichen Konventionen spielt, sie durchbricht und das kühne Experiment wagt.

Gegen das Verschweigen

Es sind einige grosse Themen, welche das Werk prägen. Dazu gehört die Herkunft aus der grossbürgerlichen Basler Familie, der Christoph Geiser entstammt.

Dort wurde vieles verschwiegen. Da war etwa sein Grossvater mütterlicherseits, der Schweizer Diplomat Hans Fröhlicher. Er war während des Zweiten Weltkriegs Botschafter in Berlin und stand verschiedentlich in der Kritik, er sei nazifreundlich.

Oder dann gab es die Grossmutter väterlicherseits, eine gewisse Rochle Helene Saizeff. Sie stammte aus Weissrussland, war Jüdin, zog um 1900 in die Schweiz, heiratete dort und landete in der Psychiatrie.

Über die politische Vergangenheit der Familie, über ihre Verstrickungen und über die jüdischen Wurzeln wurde im Hause Geiser kaum je gesprochen. Seine «schrecklich politische Familie», wie er sie nennt, machte er in seinen frühen Romanen «Grünsee» (1978) und «Brachland» (1980) zum Thema.

In seinem aktuellen Buch «Die Spur der Hasen», dem letzten Band der Werkausgabe, macht Christoph Geiser seine Grossmutter väterlicherseits zum Thema. Sie war eine weissrussische Jüdin, die um 1900 in der Schweiz studierte, dort heiratete und dann in der Psychiatrie landete.

Das sprachlich ungewöhnliche und bisweilen experimentelle Werk ist eine Spurensuche der Grossmutter, die in Christoph Geisers Familie tabuisiert war. Neben Schilderungen zum Los der Unglücklichen schieben sich Ausführungen über die Vernichtung des Ostjudentums in den Erzählstrom. Das Historische wiederum wird überlappt durch Reflexionen des Erzählers über die eigene Endlichkeit und die Frage, was vom Leben zuletzt bleibt.

Zwar mag die Lektüre dieses extravaganten Buches stellenweise sperrig sein. Doch sich davon nicht abschrecken zu lassen, lohnt sich. «Die Spur der Hasen» ist inhaltlich und formal aussergewöhnlich und bewegt sich literarisch auf höchstem Niveau.

Buchhinweis:
Christoph Geiser: «Die Spur der Hasen. Eine Grablegung». Secession, 2026.

Fassaden niederreissen, Lebenslügen entlarven, der Versuch, «in Wahrheit zu leben» – das war von allem Anfang an Christoph Geisers literarischer Antrieb: Sein Schreiben sei «ein Schrei, der aus dem Verstummen kommt», sagt der Autor.

Körperliche Sprache

In den 1980ern bekannte er sich zu seiner Homosexualität. In Romanen wie «Wüstenfahrt» (1984) oder «Das geheime Fieber» (1987) schrieb er offen über homosexuelle Erfahrungen und Begehren. Er habe, sagt Christoph Geiser, eine literarische Sprache gesucht, die «meine literarische Sprache war für meinen Körper».

Christoph Geiser rieb sich auch an der bürgerlichen Schweiz – und schrieb darüber. Er verweigerte den Militärdienst, landete im Gefängnis, trat der kommunistischen Partei der Arbeit bei und unterhielt Beziehungen in die DDR.

Sie stellte für ihn einen Gegenpol dar zur Welt, der er zu entkommen suchte: «Für mich war die DDR das andere Deutschland und die andere deutsche Literatur.» Die marode Wirtschaft und das Spitzelsystem habe er indessen lange unterschätzt: «Ich habe mich in der Realität getäuscht.»

Dank der Werkausgabe wird ein Künstler nun neu erfahrbar, der von den gesellschaftlichen und politischen Umbrüchen einer ganzen Generation erzählt. Christoph Geisers Literatur erweist sich damit auch als ein Schlüssel, unsere Gegenwart zu verstehen.

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