Sina: «Lasse meine vierjährige Tochter ihren Wutanfall haben»

- Vier Schweizer Mütter erzählen, wie viel Mitbestimmung sie ihren Kindern im Alltag zugestehen.
- Jeanine setzt auf klare Regeln, Nicole lässt ihren zweijährigen Sohn oft mitentscheiden.
- Sina bietet ihrer Tochter zwei Optionen an, Astrid sagt bei Themen wie Zähneputzen konsequent Nein.
- Alle räumen ein, dass es zu Wut und lauten Momenten kommt.
Ob beim Essen, beim Zähneputzen oder vor dem Schlafengehen: Kinder haben oft ihren ganz eigenen Kopf. Doch wie viel Mitbestimmung ist sinnvoll? Und wann müssen Eltern einfach Nein sagen? Vier Mütter aus der 20-Minuten-Community erzählen, wie sie den Spagat zwischen Freiheit und klaren Regeln meistern.
«Der erste Teller wird aufgegessen»
Bei Jeanine (39) gibt es klare Regeln. Die dreifache Mutter hat zwei Töchter (8 und 9) und einen Sohn (6). «Wir bestimmen, was auf den Tisch kommt», sagt sie. Ihre Kinder bekommen bewusst kleinere Portionen. Wer danach noch Hunger hat, darf sich nachschöpfen oder etwas anderes essen.
Eine Regel ist allerdings nicht verhandelbar: «Der erste Teller wird aufgegessen.» Schmeckt einem Kind das Essen nicht, bleibt der Teller stehen. «Wenn es um 18.30 Uhr plötzlich Hunger bekommt, kann es den Teller vom Mittagessen nochmals aufgewärmt oder kalt fertig essen.»
Konsequenz spielt grosse Rolle
Auch beim Kleiderkauf setzt Jeanine auf ein besonderes System. Zweimal jährlich bestellt sie eine Vorauswahl nach Hause. Die Kinder dürfen anschliessend selbst entscheiden, welche Stücke bleiben. «So habe ich die Finanzen und die praktischen Kriterien im Griff, während die Kinder trotzdem selbst entscheiden dürfen.»
Wobei würdest du mit Kindern am ehesten nicht verhandeln?
Konsequenz spielt auch sonst eine grosse Rolle. Werden Regeln wiederholt missachtet, falle der gemeinsame Fernsehabend aus. «Es gab Tränen, aber die Konsequenz blieb bestehen.»
Dass sie so viel Wert auf Struktur legt, habe mit ihrer eigenen Kindheit zu tun. Ihren Kindern möchte sie Sicherheit geben. Trotzdem sei nicht immer alles harmonisch. «Ich fluche, ich werde wütend, die Kinder werden wütend.» Entscheidend sei, sich danach wieder zu versöhnen.
«Ich möchte nicht aus Bequemlichkeit Nein sagen»
Nicole (35) verfolgt einen anderen Ansatz. Ihr Sohn wird im Januar zwei Jahre alt. Die Mutter versucht, ihn möglichst oft mitentscheiden zu lassen. «Mir ist es wichtig, nicht aus Gewohnheit oder Bequemlichkeit Nein zu sagen.»
So darf ihr Sohn beispielsweise beim Wocheneinkauf mithelfen, auch wenn das mehr Geduld erfordert. Manchmal überdenkt Nicole sogar ihre eigenen Entscheidungen. Als ihr Sohn einmal ein Brötchen wollte, sagte sie zunächst Nein. «Meine Antwort habe ich dann widerrufen, weil es eigentlich keinen Grund gab, weshalb er kein Brötchen haben sollte.»
«Auch Erwachsene machen Fehler»
Das bedeutet allerdings nicht, dass ihr Sohn alles darf. «Wenn ich Nein sage und dieses Nein bewusst meine, dann bleibe ich dabei.» Folgt ein Wutanfall, versucht Nicole, ruhig zu bleiben. «Ich sehe, dass du gerade wütend bist», sagt sie dann beispielsweise.
Auch sie verliert gelegentlich die Geduld. «Es gab bereits Momente, in denen ich den Raum verlassen musste.» Für Nicole ist entscheidend, ihrem Sohn zu zeigen, dass auch Erwachsene Fehler machen und sich entschuldigen können.
«Manchmal rastet sie halt auch aus»
Auch Sina (30) kennt Diskussionen nur zu gut. Ihre vierjährige Tochter sei schon immer willensstark gewesen. «Sie weiss ganz genau, was sie will.» Deshalb lassen Sina und ihr Mann sie häufig zwischen zwei Möglichkeiten wählen. «Möchtest du einen Apfel oder eine Banane?», lautet dann beispielsweise die Frage. Möchte ihre Tochter keine der beiden Optionen, wird diskutiert. Manchmal folgt ein Wutanfall.
«Dann lassen wir sie ihren Wutanfall erst einmal haben.» Nach einigen Minuten sucht Sina wieder das Gespräch. Meist komme ihre Tochter anschliessend von selbst auf die Eltern zu und wolle eine Umarmung.
«Ich bin auch schon laut geworden»
Besonders schwierig sei das Zubettgehen. Dann helfen zusätzliche zehn Minuten Vorlesen oder gemeinsames Malen. Sina gibt zu, dass Geduld nicht immer ihre Stärke war. «Ich bin sicher auch schon laut geworden.» Inzwischen habe sie gelernt, dass ein ernster Ton und manchmal sogar ein Lächeln mehr bewirken.
Ihr wichtigster Tipp an andere Eltern: «Tief durchatmen und den eigenen Zeitdruck rausnehmen, wo immer es geht!»
«Erziehung ist nicht immer Instagram-tauglich»
Astrid (44) hat drei Kinder im Alter von zehn und viereinhalb Jahren. Auch sie findet, dass Kinder mitentscheiden sollen. Allerdings nicht bei allem. «Zähne putzen ist für uns keine Verhandlung», sagt sie. Auch beim Fernsehen und bei den Tischregeln gebe es klare Grenzen.
Mit drei Kindern fehle ihr schlicht die Energie, jede Entscheidung auszudiskutieren. «Am Abend ist man als Eltern irgendwann einfach müde.» Deshalb müsse es manchmal heissen: «Nein, das machen wir jetzt so.»
Astrid wünscht sich, dass Eltern für solche Entscheidungen nicht gleich als zu streng abgestempelt werden. «Erziehung ist im echten Familienalltag nicht immer Instagram-tauglich.»
Deborah Gonzalez (dgo) arbeitet seit 2021 bei 20 Minuten. Sie ist Stellvertretende Ressortleiterin Gesellschaft & Community.
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