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Tuesday, October 20, 2026

Organspende – Pauls neue Leber: Hoffen, Bangen und eine tragische Wende

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Warten. Für Paul Baumann bedeutet dies etwas völlig anderes als für die meisten von uns. Bei ihm geht es nicht um vermeintlich verlorene Minuten. Es geht um Leben und Tod. Paul Baumann braucht eine neue Leber. Er wartet darauf, dass ein Mensch stirbt und er dank dessen gespendetem Organ weiterleben darf.

Aufgrund einer seltenen chronischen Erkrankung leidet Paul an einer Leberzirrhose. Seine Leber ist so stark geschädigt, dass sie seinen Körper nicht mehr genügend entgiften kann. Neben Paul liegt stets ein Telefon. Der Klingelton ist auf laut, schrill und unüberhörbar eingestellt. Die Nummer kennt nur das Transplantationszentrum am Universitätsspital Zürich. «Wenn dieses Telefon klingelt, muss ich bereit sein.» Kommt ein Anruf, bedeutet das: Es gibt ein Organangebot.

Swisstransplant ist die nationale Stiftung für Organspende und Transplantation in der Schweiz. Sie koordiniert die Spende, die medizinischen Abklärungen und die Zuteilung der Organe.

Heute gilt in der Schweiz die Zustimmungslösung: Organe dürfen einer verstorbenen Person nur entnommen werden, wenn sie zu Lebzeiten ausdrücklich zugestimmt hat, zum Beispiel mit einem Organspendeausweis. Liegt keine dokumentierte Entscheidung vor, müssen die Angehörigen entscheiden.

Das soll sich künftig ändern. 2022 hat das Schweizer Stimmvolk die erweiterte Widerspruchslösung angenommen. Wird diese umgesetzt, gilt im Grundsatz jede Person als Spenderin, sofern sie zu Lebzeiten nicht ausdrücklich widersprochen hat. Angehörige werden aber weiterhin einbezogen, wenn kein dokumentierter Wille vorliegt.

Die neue Regelung ist bisher nicht in Kraft. Bis dahin gilt weiterhin die Zustimmungslösung.

Überblick: Gesetzgebung zur Transplantationsmedizin

Das Universitätsspital Zürich ist eines von sechs Spitälern in der Schweiz, die Organe transplantieren. Menschen warten auch auf ein Herz, eine Lunge, Nieren, eine Bauchspeicheldrüse oder einen Dünndarm. Insgesamt stehen in der Schweiz im Jahr 2025 mehr als 2100 Menschen auf der Warteliste für ein neues Organ.

Wie lange sie warten müssen, lässt sich kaum vorhersagen. «Wir hätten gerne eine Kristallkugel», sagt Transplantationsexperte Andreas Kremer. Er ist leitender Arzt und stellvertretender Direktor der Klinik für Gastroenterologie und Hepatologie am Universitätsspital Zürich.

Damit ein Organ angeboten wird, muss vieles zusammenpassen: die Blutgruppe, die Anatomie, die Grösse des Organs. Die Zuteilung erfolgt nach fest geregelten Kriterien. Neben der Wartezeit zählen die Dringlichkeit und der medizinische Nutzen.

Manchmal habe ich fast das Gefühl, sie haben mich vergessen.

Paul Baumann wartet bereits seit mehr als zwei Jahren. Seit Anfang 2025 steht er ganz oben auf der Warteliste für eine neue Leber. «Es ist schon lang. Manchmal habe ich fast das Gefühl, sie haben mich vergessen.» Doch seine Wartezeit ist nicht ungewöhnlich.

Rückschlag im September

Im September wird aus dem langen Warten plötzlich ein Wettlauf gegen die Zeit. Zuerst bekommt Paul leichtes Fieber. Dann steigt die Temperatur dramatisch an. Die Ursache ist eine schwere Infektion.

Paul wird ins Spital eingeliefert, dort stellt man fest: Bakterien haben sich unter anderem an seiner Herzklappe festgesetzt. Paul braucht eine neue Herzklappe. Die Konsequenz: Er wird auf der Transplantationsliste vorübergehend inaktiv gesetzt.

Illustration einer Hand mit einem Modell eines Herzens neben einem Bildschirm mit Diagrammen.
Legende: srf
  • 2025 spendeten in der Schweiz 185 verstorbene Personen ihre Organe.
  • Gleichzeitig warteten 2109 Menschen auf ein neues Organ.
  • 67 Personen starben auf der Warteliste.

Neben einer Leber werden auch Herzen, Nieren, Lungen, Dünndarm und Bauchspeicheldrüsen transplantiert.

Die Wartezeiten unterscheiden sich dabei deutlich: Am kürzesten sind sie im Durchschnitt bei Herz- und Lungentransplantationen. Besonders lange warten Patientinnen und Patienten auf eine neue Niere.

«Das bedeutet nicht, dass er von der Liste fällt», erklärt Andreas Kremer, «aber, dass er für den Moment kein Organangebot erhält.» Für eine Transplantation muss die Pumpfunktion des Herzens ausreichend gewährleistet sein, denn die Operation ist für den Körper eine enorme Belastung.

Erlösung kurz vor Weihnachten

Für Paul und Ehefrau Juanita folgen bange Wochen und Monate. Dann, kurz vor Weihnachten 2025, endlich die erlösende Nachricht: Die Infektion ist weg, Paul bekommt im neuen Jahr eine neue Herzklappe eingesetzt und wird auf der Liste wieder aktiviert für eine neue Leber.

Es ist 4.30 Uhr morgens, draussen ist es dunkel. Es ist beinahe unfassbar, nur wenige Tage nach der Wiederaktivierung auf der Warteliste klingelt das Telefon. Der schrille Klingelton bedeutet nur eins: die Erlösung, ein Organ wurde angeboten.

Um sieben Uhr früh fahren Paul und Juanita mit dem Taxi ins Universitätsspital Zürich. Dort wird sein Blut untersucht, der Gesundheitszustand überprüft. Andernorts, auf einer Intensivstation irgendwo in der Schweiz, wird gleichzeitig das Spenderorgan genaustens kontrolliert.

Selbst jetzt ist die Transplantation weiterhin nicht sicher. Erst wenn alle Qualitätschecks abgeschlossen sind, gibt es grünes Licht für die Operation.

Die Organe werden in der Regel in jenem Spital entnommen, in dem der Spender stirbt.

  • Der Patient muss hirntot sein: Zwei unabhängige Ärztinnen bestätigen, dass sämtliche Hirnfunktionen unwiederbringlich ausgefallen sind.
  • Die Organe werden medizinisch beurteilt: Geprüft werden unter anderem die Blutgruppe, mögliche Infektionen, Vorerkrankungen, Medikamente und die Funktionsfähigkeit der einzelnen Organe.
  • Die Entnahme erfolgt im Operationssaal durch ein spezialisiertes Team. Bis dahin werden Kreislauf und Atmung auf der Intensivstation künstlich aufrechterhalten, damit die Organe weiterhin mit Sauerstoff versorgt werden.
  • Nach der Entnahme werden sie gekühlt, verpackt und möglichst rasch ins Transplantationszentrum transportiert. Dort werden sie der geeigneten Empfängerin oder dem geeigneten Empfänger eingesetzt.

Paul und Juanita warten, hoffentlich ein letztes Mal. Sie warten 14 Stunden im Universitätsspital. Dann, um 20.20 Uhr, ist es endlich so weit: Zwei Pflegefachpersonen holen Paul ab, Juanita verabschiedet sich. Sechseinhalb Stunden wird Paul operiert. «Es ist einer der komplexesten Eingriffe, den die moderne Medizin zu bieten hat», sagt Andreas Kremer. Und die Transplantation verläuft gut.

Erfolgreiche Operation

Nach Tagen auf der Intensivstation wird Paul auf die Normalstation verlegt. Ganz Optimist, blickt Paul schmunzelnd auf diese Zeit zurück: «Ich wurde berühmt auf der Intensivstation. Ich bin immer ums Bett herumgelaufen, die anderen Patienten haben geklatscht.»

Jetzt ziert eine riesige Narbe seinen Bauch. Es folgen mehrere Tage auf der Normalstation, danach kann Paul in die Reha entlassen werden. «Wenn die Operation erfolgreich ist, dann ist das Wichtigste geschafft», sagt Andreas Kremer. «Doch es folgt eine kritische Phase. Wer diese erste Zeit gut übersteht, hat meist auch langfristig eine gute Prognose.»

In der Rehabilitation macht Paul die ersten sportlichen Schritte. Er blickt auf eine harte Zeit zurück. «Wahrscheinlich ist es besser, dass ich im Vorhinein nicht wusste, was auf mich zukommt. Auf der Intensivstation hing ich an zig Schläuchen, musste über eine Magensonde ernährt werden. Alles tat weh.» Trotzdem ist Paul vor allem eines: dankbar. Dankbar für die Chance auf ein neues Leben.

Niemand musste für mich sterben. Dieser Mensch wäre sowieso gestorben. Aber als Spender hat er mir eine neue Chance geschenkt. Dafür werde ich immer dankbar sein.

Einmal wurde er gefragt, wie es sich anfühle, dass jemand für ihn sterben musste. «Niemand musste für mich sterben. Dieser Mensch wäre sowieso gestorben. Aber als Spender hat er mir eine neue Chance geschenkt. Dafür werde ich immer dankbar sein.»

Für Pauls Genesung stehen im Frühling alle Ampeln auf Grün: Die Rehabilitation macht Fortschritte.

Doch dann kommt alles anders.

Die Freude war von kurzer Dauer

Paul bekommt Fieber. Etwas stimmt mit seinem Blut nicht. Es folgen mehrere Aufenthalte im Universitätsspital Zürich. Die Ärztinnen und Ärzte suchen nach der Ursache. Immer wieder kann Paul für kurze Zeit nach Hause. Doch jedes Mal landet er wenige Tage später wieder im Spital.

Beim letzten Mal kommt er nicht mehr nach Hause.

Ich habe gesehen, dass er mich versteht, aber er konnte kein Feedback mehr geben. Es war wirklich hart.

Damit der Körper das neue Organ nicht abstösst, erhält Paul Medikamente, die sein Immunsystem unterdrücken. Dadurch können sich allerdings Viren reaktivieren, die ein gesundes Immunsystem normalerweise in Schach hält. Bei Paul ist es das sogenannte John-Cunningham-Virus. In sehr seltenen Fällen verursacht dieses Virus schwerste neurologische Schäden.

Paul kann nicht mehr laufen, nicht mehr sprechen. Für seine Frau Juanita wird es zum schlimmsten Teil der ganzen Geschichte. «Ich habe gemerkt, wie wichtig Kommunikation ist. Ich habe gesehen, dass er mich versteht, aber er konnte kein Feedback mehr geben. Es war wirklich hart.»

Die vom Virus verursachten Schäden im Gehirn kosten Paul schliesslich das Leben. Er verstirbt im August 2026 auf der Intensivstation im Universitätsspital Zürich.

«Wenn eine Transplantation erfolgreich ist, ist das Schöne, dass man damit ein ganz normales Leben führen kann», sagt Andreas Kremer. «Man kann wieder familiär, beruflich und sportlich funktionieren. Wir haben Patientinnen und Patienten, die jedes Jahr mehrere Marathons laufen oder hohe Berge besteigen.»

Wer die Operation übersteht, hat eigentlich gute Chancen

Auch deshalb ist Pauls Ende so schmerzhaft. Er hat die hochkomplexe Operation überstanden. Sein Körper hat das neue Organ angenommen. Er war auf dem Weg zurück in ein normales Leben. Und dann wurde eine äusserst seltene Infektion zur tödlichen Gefahr.

Andreas Kremer: «Wenn jemand den Eingriff eigentlich gut überstanden hat und dann an einer so seltenen Infektion verstirbt, ist das natürlich umso belastender und schmerzhafter für alle Beteiligten.» Zahlen des Universitätsspitals Zürich zeigen, wie gut die Chancen grundsätzlich sind: Mehr als 90 Prozent der dort transplantierten Menschen leben fünf Jahre nach dem Eingriff noch.

Paul hat dadurch ein bisschen länger gelebt. Ich bin so dankbar, dass jemand den Mut hatte, zu spenden.

Gut einen Monat nach Pauls Tod nimmt Juanita im Kreis der Familie und enger Freunde Abschied von ihrem Mann. Hat diese Erfahrung ihre Haltung zur Organspende verändert? «Auf gar keinen Fall», sagt sie bestimmt: «Paul hat dadurch ein bisschen länger gelebt. Ich bin so dankbar, dass jemand den Mut hatte, zu spenden.»

Und so bleibt neben der Trauer vor allem die Dankbarkeit: für die Zeit, die ihm geschenkt wurde – und für den unbekannten Spender, der ihm die neue Chance gab.

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