Zugunglück in Spanien: Erst ein technisches Problem, dann menschliches Versagen

Nach einem Computerausfall auf der Zugstrecke von Madrid nach Sevilla machte die Leitzentrale der Bahn fatale Fehler.
Foto: Joaquín Corchero/Europa Press/dpa
Erste Ermittlungsergebnisse zum schweren Zugunglück vom Mittwoch zeigen: Alles begann mit einem technischen Fehler und endete nach einer Reihe von menschlichen Fehlentscheidungen mit dem schwersten Zugunglück, das Spanien in den letzten Jahren erlebt hat.
Nach mehreren ausgiebigen Verhöre durch die Guardia Civil und die Kommission für die Untersuchung von Eisenbahnunfällen (CIAF) zeichnet sich dieser Unfallhergang ab: Am Mittwoch um 8.30 Uhr fielen mehrere Computer und damit das automatische Steuerungssystem eines Teiles der Zugstrecke von Madrid ins südspanische Sevilla aus. Sechs Züge wurden automatisch gestoppt. Die Leitzentrale in Madrid übernahm die Kontrolle – per Funk und sie versagte dabei.
Ein Hochgeschwindigkeitszug der spanische Staatsbahn RENFE fuhr am Mittwochmorgen mit rund 200 km/h beim Ort Urda, 118 Kilometer südlich von Madrid, auf einen anderen Zug des Privatanbieters Iryo auf, der auf den Gleisen stand. Mindestens 69 Menschen verloren dabei ihr Leben. Dutzende wurden zum Teil schwer verletzt.
Nachdem Ausfall der Informatik wie ein Kontrolleur der Leitzentrale – so zeigten es aufgezeichnete Gespräche – den Lokführer eines Hochgeschwindigkeitszuges der RENFE an „im Normalbetrieb“, also mit hoher Geschwindigkeit, die Fahrt wieder aufzunehmen. Dies stehe, so Fachleute, im völligen Widerspruch zu den geltenden Protokollen.
Anweisung zu hoher Geschwindigkeit statt Fahrt auf Sicht
Demnach hätte der Zug ohne Sicherheitssystem nur mit 40 km/h und auf Sicht fahren dürfen entprechend der Signale fahren dürfen. Was der Lokführer nicht wusste, und aus unerklärlichen Gründen wohl weder dem Kontrolleur noch einem zweiten Mann am Posten, noch der Aufsicht bewusst war – 25 Kilometer vor dem RENFE-Zug stand ein Zug des Privatanbieters Iryo auf den Gleisen.
Dieser hatte Probleme beim Anfahren. 17 Minuten später krachte der RENFE-Zug in den von Iryo – und zwar mit solcher Wucht, dass drei Waggons aus den Gleisen geschleudert wurden. Zwei Waggons überschlugen sich und endeten unten am Bahndamm.
Das ausgefallene Computer gehören zum Zugleitsystem LZB, das seit der Eröffnung der Strecke 1992 im Dienst ist. Es wird derzeit nach und nach gegen das neuere europäisches System ERTMS ausgewechselt. Wäre wenigstens eines der beiden Systeme aktiv gewesen, hätte es zu keinem Auffahrunfall kommen können. Denn die Systeme teilen die Strecke in Abschnitte ein, in denen sich jeweils nur ein Zug befinden kann. Genau deshalb hätte die Anweisung lauten müssen, langsam und auf Sicht zu fahren.
Doch damit nicht genug: Denn auch die Lokführerin des Iryo meldete sich bei der Leitzentrale und zwar nur fünf Minuten nach dem die Anweisung an den RENFE-Zug zum Normalbetrieb erging. Sie meldete, dass auch sie durch den Informatikfehler gestoppt worden war. „Setzen Sie die Fahrt (…) fort. Normalbetrieb“, lautete die Anweisung auch an sie.
Der Leitstelle fehlte der Überblick über Streckenabschnitt
Wenig später meldete sich die Lokführerin erneut und teilte mit, dass ihr Zug Probleme beim Anfahren habe. Die Antwort aus der Leitstelle: „Na gut, fahren Sie einfach weiter, sobald es geht; und falls Sie Probleme haben, rufen Sie uns an.“ Alles deutet darauf hin, dass sich die Kontrolleure nicht darüber bewusst waren, dass sich beide Züge – RENFE und Iryo – auf dem gleichen Abschnitt befanden. Bei Redaktionsschluss suchten die Rettungsmannschaften am Donnerstag noch immer nach Opfern in den Trümmern.
Das schwere Zugunglück hat Spanien geschockt. Regierungschef Pedro Sánchez, Oppositionspolitiker sowie das Königspaar reisten am Donnerstag an den Unfallort und zu einem der Krankenhäuser, in denen den Verletzten behandelt werden.
Sánchez nahm am Donnerstagmorgen an einer Sitzung des Krisenstabes vor Ort teil. Er versprach alles zu tun damit „alles bis zu letzten Detail“ geklärt wird. Auch Oppositionsführer Alberto Nuñez Feijóo von der Partido Popular trat unweit des Unfallortes vor die Presse. Es zeuge von „Leichtfertigkeit“, dass die Regierung einen Mitarbeiter „beschuldigt“ und es sei „unerlässlich“, dass die Regierung „politische Verantwortung“ übernehme, erklärte er.
Spanien wird in nur einem Monat ein neues Parlament wählen. Das Zugunglück wird den Wahlkampf sicher maßgeblich bestimmen. Zumal es schon der zweite schwere Unfall auf der Strecke Madrid- Sevilla in diesem Jahr ist. Im Januar ließ eine gebrochene einen Zug entgleisen, der darauf einen anderen streifte, der dann einen Bahndamm hinabstürzte. Damals waren 46 Tote zu beklagen.
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