Forschungspreis gegen Tierversuche: Es droht die Einschläferung

Hamburgs Preis für Forschung an Alternativen zu Tierversuchen wird dieses Jahr nicht verliehen. Die Linksfraktion fürchtet, dass er eingestellt wird.
Foto: Marijan Murat/dpa
Er war als ambitioniertes politisches Projekt von SPD und Grünen gestartet, nun droht dem Hamburger Forschungspreis für Alternativen zum Tierversuch ein schleichendes Ende. Wie aus einer Antwort des Senats auf eine parlamentarische Anfrage der Linksfraktion hervorgeht, fällt die für dieses Jahr eigentlich anstehende Verleihung komplett aus.
Auch für das kommende Jahr steht in den Sternen, ob überhaupt Finanzmittel für den Preis bereitgestellt werden. Damit könnte ein wichtiges Instrument zur Förderung tierversuchsfreier Forschung vor dem Aus stehen.
Ins Leben gerufen hatte den „Preis zur Förderung der Entwicklung von Ersatz- und Ergänzungsmethoden zum Tierversuch“ im Jahr 2016 die rot-grüne Koalition. Die Bürgerschaft beschloss damals, die Auszeichnung alle zwei Jahren zu vergeben, um herausragende wissenschaftliche Arbeiten zu honorieren, die helfen, Tierversuche zu ersetzen oder zu reduzieren.
Tatsächlich wurde der Zweijahresrhythmus nur in den Anfangsjahren, 2016 und 2018, eingehalten, wie der Senat in seiner Antwort einräumt. Erst 2021 wurde der Preis zum dritten Mal verliehen, ein weiteres Mal 2024.
Bei jeder Verleihung haben sich Senatorinnen gern mit diesem Preis fotografieren lassen. Jetzt, wo er Arbeit und Geld kostet, wird er still und leise beerdigt
Stephan Jersch, tierschutzpolitischer Sprecher der Linksfraktion
Ausgezeichnet wurden dabei etwa Projekte wie ein Reporterhautmodell, mit dem chemische Substanzen auf toxische Wirkungen untersucht werden können, oder eine digitale „Landkarte“ für Nieren-Organoide, die bereits existierende künstliche Organmodelle erfasst, damit Forschende weltweit leichter das passende tierfreie Modell für ihre Nierenforschung finden.
Die zuletzt ausgezeichneten Projekte „haben das Potenzial, die Forschung zu revolutionieren, und leisten einen erheblichen Beitrag zu mehr Tierschutz“, sagte die grüne Verbraucherschutzsenatorin Anna Gallina (Grüne) bei der Preisverleihung 2024. Mit dem Preis wolle der Senat „die Entwicklung hin zu einer Zukunft ohne Tierversuche aktiv unterstützen“, betonte die ebenfalls grüne Wissenschaftssenatorin Katharina Fegebank.
Nicht im Zeitplan
Aber nun bricht der Zeitplan für die Vergabe des Preises offenbar vollkommen ein: Mit der Arbeit an der fünften Ausgabe wurde nach Angaben des Senats „aus organisatorischen Gründen“ erst am 1. September dieses Jahres begonnen. Eine behördenübergreifende Abstimmung findet demnach erst in diesem Quartal statt. Konkrete Termine für eine Ausschreibung oder eine etwaige Verleihung sind offen.
Auch die Finanzierung ist unklar. Der Preis ist traditionell mit einer Summe von 50.000 Euro dotiert. Aber ob dieses Geld im kommenden Jahr fließen kann, ist laut Senat ungewiss: „Ob und in welcher Form eine Bereitstellung von Mitteln im Jahr 2027 erfolgen kann, ist zu prüfen“, heißt es schlicht in der Antwort auf die Linken-Anfrage.
Zudem verabschiedet sich der Senat offenbar auch von der bisherigen Verbindlichkeit. Künftig solle die Auszeichnung nur noch „regelmäßig“ vergeben werden – in Abhängigkeit von den „zur Verfügung stehenden Ressourcen“.
Die Linksfraktion fordert in einem Bürgerschaftsantrag, dass die Regierungsfraktionen zu ihrem eigenen Beschluss zurückkehren. Der Senat müsse den Preis wieder verlässlich im Zweijahresrhythmus ausschreiben und das Preisgeld garantieren.
„Bei jeder Verleihung haben sich Senatorinnen gern mit diesem Preis fotografieren lassen. Jetzt, wo er Arbeit und Geld kostet, wird er still und leise beerdigt“, kritisiert ihr tierschutzpolitischer Sprecher Stephan Jersch. „Wer Forschende zu tierversuchsfreien Methoden motivieren will, muss verlässlich sein. Ein Preis, von dem keiner weiß, ob und wann er kommt, setzt keine Anreize – ganz offensichtlich steht der Senat nicht mehr hinter diesem Preis und seiner Zielsetzung.“
Vielversprechende Alternativen
Trotz jahrzehntelanger Kritik von Tierschutzverbänden und Teilen der Wissenschaft gehören Tierversuche in der biomedizinischen Grundlagenforschung und in der pharmazeutischen und toxikologischen Prüfung nach wie vor zum Standard.
Kritiker:innen bemängeln dabei nicht nur die ethische Vertretbarkeit und das massive Leiden der Versuchstiere, sondern auch die wissenschaftliche Aussagekraft. Denn wegen biologischer und genetischer Unterschiede zwischen Mensch und Tier lassen sich die Ergebnisse von Tierversuchen oft nur eingeschränkt auf den Menschen übertragen. Gefordert wird deshalb seit Jahren ein grundsätzlicher Ausstieg aus dem Tierversuch.
Dass es längst vielversprechende Wege gibt, zeigt die Forschung an Ersatzmethoden. Von dreidimensionalen Zellkulturen und organähnlichen Minigeweben, sogenannten Organoiden, über computergestützte Simulationen auch mit künstlicher Intelligenz bis hin zu sogenannten „Organs-on-a-Chip“ gibt es immer ausgefeiltere Instrumente, um menschliche Physiologie und Krankheiten im Labor abzubilden.
Organs-on-a-Chip sind künstliche Zellkultursysteme in der Größe eines USB-Sticks, die die Struktur und Funktion menschlicher Organe nachbilden. Die Chips enthalten winzige Kanäle, die mit lebenden menschlichen Organ- und Blutgefäßzellen besiedelt sind.
Aber der Übergang von der herkömmlichen Praxis zu innovativen Technologien kostet viel und braucht spezialisierte Labore. Gerade deshalb sind Anschubfinanzierungen wie der Hamburger Forschungspreis für Forschende ein wichtiges Signal.
Neue Professur für Reduktion von Tierversuchen
Die Behörden für Verbraucherschutz und Forschung betonen, dass die Hamburger Hochschulen „im Rahmen der ihnen durch die Hamburger Zukunftsverträge bereitgestellten Mittel“ weiterhin „an einer Reduktion von Tierversuchen in der Lehre“ arbeiteten. So habe die Universität Hamburg im vergangenen und in diesem Jahr Tierschutztage veranstaltet. Am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) sei zudem eine Professur für 3R-Methoden eingerichtet und das Hamburg Center of 3R Research als Vernetzungsplattform etabliert worden.
Foto: Marijan Murat/dpa
3R steht für Replace (ersetzen), Reduce (verringern), Refinement (verbessern). Das Rahmenkonzept soll helfen, Tierversuche auf das notwendige Maß zu beschränken und das Leiden der Tiere so gering wie möglich zu halten. Das 3R-Center fördert derzeit drei Projekte, etwa zu 3D-gedruckten Trainingsmodellen oder Plazentamodellen als Alternativen, über zwei Jahre mit insgesamt rund 250.000 Euro.
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