Autor über Nazi-Verschwörung: „Naumann wurde niemals zur Verantwortung gezogen“

Goebbels’ Stellvertreter Werner Naumann baute nach 1945 mit NS-Kumpanen ein Netzwerk auf. Auch Hamburger waren an der Verschwörung beteiligt.
taz: Hans-Peter de Lorent, wer war „Goebbels’ Schatten“?
Hans-Peter de Lorent: Das war Werner Naumann, der Stellvertreter von Joseph Goebbels. Als der zweite Mann im Propagandaministerium hatte Naumann die letzten 20 Tage der Naziherrschaft im Führerbunker in Berlin gelebt. Er war dadurch über alles informiert, was da abgelaufen ist. Er hat mit Geschick und Verstellung in der Nach-Nazizeit illegal gelebt und es geschafft, niemals zur Verantwortung gezogen zu werden.
Bild: privat
Im Interview: Hans-Peter de Lorent
77, war Abgeordneter der Grünen und Leitender Oberschulrat der Hamburger Schulbehörde. Er sollte 1974 Berufsverbot bekommen und schrieb darüber 1980 den Roman „Die Hexenjagd“. Für seine Reihe „Täterprofile: Die Verantwortlichen im Hamburger Bildungswesen unterm Hakenkreuz“ wurde ihm 2025 das Bundesverdienstkreuz verliehen.
taz: Wie ist ihm das gelungen?
de Lorent: Während seiner Illegalität ist er von Kurt Georg Kiesinger unterstützt worden, zu dem er schon in der NS-Zeit einen engen Kontakt hatte. Während Naumann im Propagandaministerium arbeitete, war Kiesinger seit 1933 als NSDAP-Mitglied im Außenministerium tätig. Immer wenn es zwischen den beiden Ministern Goebbels und Ribbentrop Schwierigkeiten gab, haben Naumann und Kiesinger versucht, die Wogen zu glätten. Kiesinger hat nach 1945 Naumann als Jurist beraten, wie er durch die Fänge der Entnazifizierung kommen konnte.
Naumann hat 1950 gezielt ehemalige NS-Leute zusammengezogen. Das Ziel war, 1953 für den Bundestag zu kandidieren
taz: Und dann hat er versucht, wieder in die Politik zurückzukehren.
de Lorent: Naumann hat 1950 gezielt ehemalige NS-Leute zusammengezogen. Das konkrete Ziel war, 1953 für den Bundestag zu kandidieren. Dafür hatte er sich mit alten Nazikumpanen, die Funktionen in der FDP hatten, zusammengetan.
Lesung
Lesung „Goebbels Schatten“ mit Hans-Peter de Lorent: Mi, 28.10., 19 Uhr, Serrahn Eins, Serrahnstrasse 1, Hamburg; im Rahmen der
taz: Aber die Verschwörung flog auf.
de Lorent: Als die englische Besatzungsmacht merkte, was da los war, hat der britische Hohe Kommissar in Deutschland die Naumann-Gruppe verhaften lassen. Das waren sieben oder acht Leute, die in Hamburg und Nordrhein-Westfalen lebten. Sie wurden für einige Zeit interniert, und das hat in Deutschland ziemlich viel Wirbel gemacht, weil die Engländer verhindert haben, dass die Verhafteten Kontakt zu ihren Anwälten haben konnten. Da wurde dann argumentiert, dass die Alliierten nun selber Sachen machten, die sie bei den Nazis kritisiert hatten.
taz: Bestraft wurden die Verschwörer dann ja auch nicht.
de Lorent: Als die Deutschen den Fall übernahmen, wurde die Gruppe wieder aus der Haft entlassen. Am Ende konnte immerhin verhindert werden, dass Naumann für die Deutsche Reichspartei in den Bundestag gewählt wurde. Denn 1953 setzte der Innenminister von Nordrhein-Westfalen durch, dass Naumann das passive Wahlrecht verlor.
taz: Wie hat er danach gelebt?
de Lorent: Naumann zog sich aus der Politik zurück und ging in die Wirtschaft, denn er hatte von Harald Quandt, dem Sohn der Frau von Joseph Goebbels, das Angebot bekommen, als Geschäftsführer in dessen Konzern zu arbeiten.
taz: Einer der 1953 Verhafteten war Heinrich Haselmayer, der in Hamburg-Bergedorf lebte. Was haben Sie über ihn herausgefunden?
de Lorent: Haselmayer war ein Schulfreund von Naumann. Die beiden haben zusammen in Berlin studiert – der eine Jura und Politikwissenschaften und der andere Medizin. Haselmayer hat seine Dissertation über die Sterilisation von „Schwachsinnigen“ geschrieben. Im Alter von 26 Jahren wurde er als Leiter der Hamburger Volkshochschule eingesetzt.
taz: Wie kamen die beiden nach dem Krieg wieder zusammen?
de Lorent: Nach 1945 wurde Haselmayer für eine kurze Zeit in Haft genommen. Der Kontakt wurde dann wieder hergestellt, als Naumann aus der Illegalität herauskam. Die beiden haben dann in Hamburg für die Verschwörung eine Gruppe von ehemaligen Nazis zusammengeführt. Zu diesen zählte auch Karl Kaufmann, der ehemalige Gauleiter von Hamburg.
taz: Wie ist es Haselmayer nach der Aufdeckung der Verschwörung in Hamburg-Bergedorf ergangen?
de Lorent: Haselmayer war bis in die 1960er Jahre in Bergedorf als Hausarzt sehr beliebt und starb 1978.
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