Warum so viele junge Berliner Die Linke gewählt haben
Der Sieg der Partei Die Linke bei der Wahl am Sonntag zum Berliner Abgeordnetenhaus, wie das Landesparlament der Hauptstadt heißt, war mit fast 26 Prozent der Stimmen spektakulär. Eine Veränderung war auch die Senkung des Wahlalters: Diesmal konnte man schon mit 16 und 17 statt erst mit 18 Jahren wählen.
An der Gesamtzahl der Wahlberechtigten änderte das zwar wenig: Zu den 2,5 Millionen Volljährigen kamen etwa 55.000 weitere hinzu. Aber vielen jungen Leuten bedeutete ihr erstmaliges Wahlrecht etwas. "Man redet natürlich viel über Politik in der Schule oder im Freundeskreis", sagte die 17-jährige Cecilia der DW. "Wir sind auch alle sehr politisch engagiert, also wir gehen viel auf Demos."
Hohe Mieten und Wohnungsmangel
Dieses Engagement scheint sich auch im Wahlverhalten junger Berliner niedergeschlagen zu haben. Zwar weist die Statistik nicht aus, wie speziell die 16- und 17-Jährigen gestimmt haben. Aber die Zahlen für die Gruppe der 16- bis 24-Jährigen sprechen eine eindeutige Sprache: Rund 43 Prozent von ihnen haben die Linkspartei gewählt.
Warum, das sagt die 17-jährige Liska, die ihr Kreuz ebenfalls bei den Linken gemacht hat: "Die Linke hat mich schon angesprochen, vor allem wegen dem Sozialen, also die Preise senken, auch Mieten bezahlbarer machen."

Tatsächlich steigen die Berliner Mieten steil an, allein in den vergangenen zwei Jahren um etwa sieben Prozent, was vor allem junge Erstmieter mit wenig Einkommen trifft. Umfragen haben auch gezeigt, dass die viele Berliner (37 Prozent) der Linkspartei am ehesten zutrauen, für bezahlbare Mieten zu sorgen.
Auch Cecilia sagt, dass Mieten und die geplanten Kürzungen im Bildungsbereich durch die bisherige, von der konservativen CDU geführte Berliner Landesregierung, die größten Sorgen in ihrem Freundeskreis sind: "Wir sind jetzt alle in einem Alter, wo man eigentlich auch mal vorhätte auszuziehen, was in Berlin fast gar nicht möglich ist. Sonst natürlich Themen wie Schule, Bildung, dass nicht überall gekürzt wird."
Sind die Jungen radikaler?
Für Kathrin Fehse von der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung sind solche Antworten keine Überraschung. "Es ist eben alles, was sie selbst betrifft, und dazu müssen sie auch ernstgenommen und gefragt werden", sagt Fehse der DW. "Die Linke ist eine der Parteien, die viele Nichtwähler mobilisieren konnte. Nicht nur, wenn man auf die jungen Menschen schaut. Das sind Menschen, die die Politik noch nicht angesprochen hatte."
Während des Wahlkampfs hatte der Regierende Bürgermeister von Berlin, Kai Wegner von der CDU, die Linke als Gruppe gefährlicher Radikaler hingestellt. Das hat viele junge Wähler aber offenbar nicht abgehalten, die Partei zu wählen.
Einiges spricht dafür, dass junge Menschen dazu neigen, radikale Parteien an beiden Enden des politischen Spektrums zu wählen. Dem stimmt auch Cecilia zu: "Ich glaube, dass es generell so ist, dass die Jugend immer viel extremer ist als die ältere Generation, aber ich nehme es auf jeden Fall auch stark wahr, dass es immer sehr extremistische Meinungen sind."
Doch die Statistik von Infratest-dimap zeigt ein komplizierteres Bild: Danach war bei der Berliner Wahl nicht die jüngste Altersgruppe, sondern die der 25- bis 34-Jährigen größter Unterstützer der Linkspartei - 49 Prozent von ihnen haben die Partei gewählt.
Demgegenüber waren die meisten Wähler der in Teilen rechtsextremen AfD in der Altersgruppe der 60- bis 69-Jährigen zu finden: 23 Prozent von ihnen haben für sie gestimmt. Von den 16- bis 24-Jährigen in Berlin haben dagegen nur zwölf Prozent die AfD gewählt.
Wissenschaftlerin: "Junge Leute wählen eher nach Thema"
Die Hamburger Politikwissenschaftlerin Gefjon Off hat zum Wahlverhalten der jüngeren Generation geforscht. Sie sagt der DW, im allgemeinen hätten junge Menschen zwar "radikalere" Ideen als ältere, die Statistik zeige aber, dass mehr Männer in mittleren Jahren die AfD wählten als junge Männer. Mit anderen Worten: "Es bedeutet nicht unbedingt, dass sie [junge Männer] häufiger demokratiefeindliche Parteien wählen als ältere Leute."
Wohnungssuche: Wenn Wohnen zum Luxus wird
Junge Wähler zeichneten sich nicht so sehr durch radikale Ansichten aus, sagt Off, als durch weniger Bindung an irgendeine Partei. "2021 in der Bundestagswahl zum Beispiel war Klimaschutz ein Riesenthema, und viele Leute haben die Grünen gewählt, weil es eben das Thema der Grünen war. In dieser Wahl war bezahlbares Wohnen für die Linke ein großes Thema. Junge Leute wählen häufig eher nach Thema, sie sind einfacher zu bewegen."
Gefjon Off glaubt auch, dass sich junge Menschen weniger von dem Stigma abschrecken lassen, das viele ältere Menschen der Linkspartei anhängen, nämlich Nachfolgepartei der kommunistischen Diktatur in der DDR zu sein.
Kathrin Fehse von der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung sagt: "Junge Menschen wünschen sich Zusammenhalt, Mitsprache, eine positive Perspektive für ihre Zukunft. Und gleichzeitig erleben sie das eben viel zu selten. Die Erfahrungen bilden den gesellschaftlichen Kontext, in dem die politischen Entscheidungen getroffen werden am Ende."
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