Zwischen Herde und Heft
In Lesotho arbeiten viele Jungen schon im Kindesalter als Viehhirten, um ihre Familien zu unterstützen. Bildung gibt es für sie tagsüber keine. Doch dafür gibt es nun spezielle Hirtenschulen.
14.10.2026 | 6:24 minDie Berge Lesothos sind Tshepiso Makoaes Alltag. Seit seinem 17. Lebensjahr hütet er Ziegen. Eine Schule hat er als Kind nur kurz besucht. Dann fehlte seiner Familie dafür das Geld. Heute ist er 28 Jahre alt. Jeder Tag sieht gleich aus: Frühmorgens holt er die Ziegen aus dem Stall und geht in die Berge. "Wenn es regnet, kann ich nichts dagegen tun. Ich habe mich daran gewöhnt - das ist mein Leben", sagt Tshepiso.
Verantwortung für Familieneinkommen
Im Hochland Lesothos gehört die Viehzucht seit Generationen zum Leben der Menschen. Schafe, Ziegen und Rinder sichern den Lebensunterhalt ganzer Familien. Schon als Kinder übernehmen Jungen die Verantwortung für die Tiere. Während andere zur Schule gehen, ziehen sie mit den Herden durch abgelegene Bergregionen - manchmal wochenlang weit entfernt von ihren Familien.
Ihre Arbeit ist wichtig, gesellschaftliche Anerkennung aber bekommen sie dafür kaum. Viele Hirten leben am Rand der Gesellschaft und bleiben in den Bergen nahezu unsichtbar. Auch Katiso Raletele, 20, kennt die Ausgrenzung. Oft hat er keine Kleidung, erzählt er. "Dann gehe ich nicht unter Leute".
Kinderarbeit statt Schule ist auch in Pakistan ein Problem. Ein Zwölfjähriger schuftet seit vier Jahren in einer Ziegelei bei Lahore. Seine Familie steckt in einer Schuldenfalle, aus der es über Generationen kein Entrinnen gibt - die Regierung sieht weg.
26.08.2026 | 6:26 minIm Winter gehört eisige Kälte in den Bergen zu ihren Tagen. Eine Decke, typisch für Lesothos Hirten, ist für Katiso oft der einzige Schutz. Die schwierigen Lebensbedingungen halten ihn nicht nur in den Bergen fest - sie erschweren auch den Weg zurück in die Gesellschaft.
Schulbildung hat weniger Priorität
In vielen armen afrikanischen Ländern entscheiden sich Familien angesichts knapper Ressourcen und kultureller Traditionen dafür, nur ihre Söhne zur Schule zu schicken. In Lesotho ist das anders: Das Binnenland gehört zu den wenigen Ländern der Welt, in denen mehr Mädchen als Jungen zur Schule gehen. Von Söhnen wird erwartet, dass sie früh zum Familieneinkommen beitragen. Schule, Buchstaben zu Wörtern zusammenzusetzen - hat weniger Priorität. Daher haben Mädchen hier eine deutlich bessere Chance auf Bildung.
Afrikas Jugend ist ehrgeizig und träumt vielerorts von großen Jobmöglichkeiten - doch die halten mit der weltweit am stärksten steigenden Einwohnerzahl nicht Schritt.
11.07.2026 | 1:51 minEs gibt kaum offizielle Zahlen. Die letzten sind von aus dem Jahr 2019 von Unicef. Sie zeigen, wie groß die Kluft ist. Die Einschulungsquote in der Sekundarstufe bei Mädchen lag bei 59 Prozent, bei Jungen waren es nur 41 Prozent. Auch Kinderarbeit trifft Jungen häufiger: Rund 22 Prozent der Fünf- bis 17-Jährigen sind laut einer Unicef- Erhebung in Lesotho von Kinderarbeit betroffen. Jungen sind dabei überproportional vertreten.
Unterricht, wenn die Tiere ruhen
Ordensschwestern der Sisters of Saint Joseph of Saint-Hyacinthe (Schwestern vom heiligen Josef von Saint-Hyacinthe) versuchen, diesen Kreislauf zu durchbrechen. In der Region Mokhotlong haben sie Lernorte in 19 Bergdörfern eingerichtet. In Abendschulen lernen die Hirten nach einem langen Arbeitstag von Nonnen und ehrenamtlichen Lehrerinnen Lesen, Schreiben und Rechnen.
Eine kleine Hütten, es gibt keinen Strom und keine Tische. Die Hirten, manche noch Kinder, sitzen auf Bänken, gerechnet wird mit kleinen Steinen. Lehrerin Amelia Makoae erlebt, wie groß die Hürden sind.
Wenn wir sie bitten, fünf plus fünf Schafe zu addieren, wird das zu einer großen Herausforderung. Sie können nicht einmal die Zahl fünf schreiben.
Amelia Makoae, Lehrerin
Dann nimmt sie die Hand eines Schülers und zeigt ihm, wie er die Zahl zu Papier bringt. Auch Verkehrszeichen stehen auf dem Lehrplan, damit die Hirten mit ihren Tieren sicherer unterwegs sind.
Hohe Arbeitslosigkeit und die Armut in Lesotho hätten dazu geführt, dass viele Jungen im Teenageralter die Schule verließen und nach Südafrika abwanderten, um in Bergwerken oder in anderen Bereichen Arbeit zu finden, sagt die Leiterin des Ordens Schwester Anna Lereko. "In unserem Land gehört die Bildung von Jungen zu den geringsten Anliegen der Menschen. Niemand kümmert sich um die Zukunft der Jungen."
Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen warnt vor den Folgen gekürzter Entwicklungshilfe für die Schulbildung. 2025 seien 5,8 Millionen geflüchtete Kinder nicht unterrichtet worden.
02.10.2026 | 0:22 minLesen können verändert ein Leben
Katiso Raletele erinnert sich an seine ersten Aufgaben: "Am Anfang war es schwierig. Ich hatte nur Fehler und kein einziges richtiges Häkchen." Heute kann er lesen und schreiben: "Wenn du mir ein Wörterbuch geben würdest, könnte ich das lesen. Und wenn ich einen Brief bekomme, kann ich den auch lesen und die Neuigkeiten weitergeben. Ich bin stolz auf mich."
Seit der Gründung 1992 haben tausende Jungen die kleinen Schulen besucht.
Wir unterrichten jeden Tag und haben uns verpflichtet, dafür zu sorgen, dass auch die Jungen gefördert werden - genauso wie die Mädchen.
Anna Lereko, Ordensschwester
Die Ordensschwestern setzen sich außerdem in den Gemeinden für die Rechte von Jungen ein, sie appellieren an die Eltern, mit traditionellen Rollenbildern zu brechen: "Wir sprechen mit Eltern und anderen Verantwortlichen, um sicherzustellen, dass Jungen nicht das Recht auf Bildung verweigert wird", sagt Schwester Anna Lereko.
Tshepiso Makoae träumt davon, eines Tages mit Holz zu arbeiten - als Tischler oder Schreiner. Zwischen den Bergen und den Heften wächst eine Vorstellung davon, wie sein Leben sein könnte. Noch aber warten jeden Morgen die Ziegen auf ihn.
Verena Garrett ist Studioleiterin im ZDF- Studio Johannesburg.
Auch in Frankreich kämpft man für Bildung: Nach den heftigen Protesten der letzten Wochen haben Schülerverbände eine landesweite Demonstration angekündigt. Ihre Forderungen werden auch von Lehrkräften und Gewerkschaften unterstützt.
06.10.2026 | 2:03 minÜber dieses Thema berichtete das auslandsjournal am 14.10.2026 ab 22:15 Uhr.
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