Afghanistans Kindern droht ein tödlicher Winter
Hungernde Kinder in Afghanistan "Die kämpfen wirklich nur ums Überleben"
Stand: 02.11.2026 • 16:07 Uhr
Die humanitäre Lage in Afghanistan gehört zu den größten Krisen weltweit. Besonders betroffen: Kinder. Nun schlagen Hilfsorganisationen wie UNICEF Alarm. Die Zahl der akut mangelernährten Mädchen und Jungen steige.
Es ist ein Bild, dass Shagufa Abdul, nicht vergessen wird: Im August besuchte die Mitarbeiterin der Hilfsorganisation Save the Children eine Klinik im Norden Afghanistans, die auch von der deutschen Bundesregierung unterstützt wird. Dort sah sie eine abgemagerte Mutter mit ihrem ebenfalls unterernährten Säugling. Vier Stunden lang sei die Mutter mit ihrem Kind im Arm, bei 45 Grad Hitze, unterwegs gewesen, um die Klinik der Hilfsorganisation zu erreichen, berichtet Abdul. Alternativen gab es für die Familie wohl nicht.
Solche Fälle sind für die in Stuttgart aufgewachsene humanitäre Helferin keine Ausnahme mehr. Seit diesem Jahr arbeitet sie für Save the Children in der afghanischen Hauptstadt Kabul. Fünf Jahre nach der erneuten Machtübernahme der Taliban hat fast ein Drittel der Bevölkerung keinen verlässlichen Zugang zu Nahrung. In den 70 Kliniken der Hilfsorganisation werde das ganze Ausmaß der Krise täglich sichtbar, berichtet Abdul. Millionen Mädchen und Jungen seien akut mangelernährt und können nicht genügend Nährstoffe aufnehmen.
Eine Million Kinder leidet an schwerer Mangelernährung
Abdul sagt, dass unter den Kindern wohl eine Million an schwerer Mangelernährung leiden: "Das sind kleine Kinder im Alter von sechs Monaten bis fünf Jahren, die eigentlich momentan spielen müssen, die sich entwickeln müssen, die sich gesund ernähren müssen und momentan kämpfen die wirklich nur ums Überleben", sagt die Helferin.
Vor allem zwei Entwicklungen treiben die Katastrophe unaufhaltsam voran: Zum einen wurden in den vergangenen Jahren Millionen Afghaninnen und Afghanen aus den Nachbarländern Iran und Pakistan zurückgedrängt. Zum anderen haben die internationalen Geberländer - darunter auch Deutschland - die Mittel stark gekürzt.
UN befürchten Hungersnot
Und so dürfte sich die Situation mit Beginn des Winters weiter verschlechtern. Die Zahl der Menschen, die nicht wissen, woher ihre nächste Mahlzeit kommt, werde voraussichtlich auf über 19 Millionen steigen, warnte Olga Cherevko vom UN-Büro für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten. Für fünf Millionen Menschen werde die Situation bis zum Frühjahr voraussichtlich zu einer katastrophalen Notlage - Afghanistan sei dann nur noch einen Schritt von einer Hungersnot entfernt, so die UN-Sprecherin.
"Wir müssen handeln, bevor der Winter kommt - nicht erst, wenn Familien bereits alle Möglichkeiten ausgeschöpft haben", sagt Cherevko. "Das bedeutet auch, Menschen in Not mit Nahrungsmittelhilfe zu versorgen, Viehbestände und produktive Vermögenswerte zu schützen, Landwirtinnen und Landwirte zu unterstützen, bevor entscheidende Aussaatzeitfenster verstreichen, und den Zugang zu grundlegenden Gesundheits-, Ernährungs- und Wasserversorgungsleistungen sicherzustellen."
Gelder reichen nicht aus
Doch die von der internationalen Gemeinschaft zur Verfügung gestellten Mittel reichen laut Cherevko nicht ansatzweise für die Krise aus. Die Situation sei besorgniserregend, sagt auch Shagufa Abdul. Wegen fehlender Finanzierung drohe allein Save the Children in diesem Jahr die Schließung von 40 Gesundheitseinrichtungen weltweit. Die Organisation ist seit 1976 in Afghanistan tätig, betreibt dort unter anderem Ernährungszentren und mobile Gesundheitsteams in Regionen Afghanistans, in denen es sonst keinerlei Hilfe gibt.
So gebe es mittlerweile auch Situationen, in denen mangelernährte, kleine Kinder in der Klinik von Save the Children keine Nahrung mehr bekommen könnten, weil der Hilfsorganisation das Geld gestrichen worden sei, sagt Abdul. Sie appelliert: "Wenn morgen dann so langsam auch der Arzt wegfällt oder die Klinik schließen muss, dann haben die Familien keine anderen Alternativen. Das bedeutet dann einfach, dass das Kind dann - man muss es hart sagen - stirbt."
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