Nach Gen Z regelt-Protest: Krawalle in Frankfurt am Main

Steine gegen Polizisten, Plünderungen und Wasserwerfer: Wie konnte die Lage in Frankfurt nach einer großen friedlichen Demonstration derart eskalieren?
Foto: Michael Probst/ap
dpa/taz | Wie von Sinnen treten und schlagen die jungen Männer gegen die Schaufensterscheiben der Geschäfte. Glas splittert, aufgeregte Stimme hallen durch die Nacht. Einer nutzt ein ausgerissenes Verkehrsschild, um die Scheibe zu zerstören, ein anderer einen Pflasterstein.
Es sind schockierende Szenen, die am Samstagabend in Frankfurt zu beobachten sind. Szenen von roher Gewalt und von Plünderungen. Als die Scheibe eines Geschäftes durchbrochen ist, dringen mehrere der dunkel gekleideten und teils vermummten Männer in den Laden ein. Sie nehmen sich Turnschuhe und andere Dinge, die sie auf die Schnelle greifen können, dann verschwinden sie schnell wieder in der Dunkelheit. Auch in einem Waffenladen greifen sie zu – die Polizei stellt später zwei Waffen sicher.
An anderer Stelle in der Frankfurter Innenstadt liegen Absperrgitter für Baustellen auf der Straße, Randalierer zünden Müll an, Böller fliegen gegen einen Wasserwerfer der Polizei, die mühsam versucht, die Lage wieder in den Griff zu bekommen. Schließlich sperren die Beamten die Zeil, eine der belebtesten Einkaufsstraßen in Deutschland, kurzerhand ab, um für Ruhe zu sorgen. Auch das Spezialeinsatzkommando (SEK) wird alarmiert.
Bilder in Frankfurt wie in Frankreich
Lange war in Deutschland diskutiert worden, ob auch hierzulande Zustände denkbar sind wie jüngst in Frankreich. Dort war es am Rande von Sozialprotesten zu schweren Ausschreitungen gekommen, Geschäfte wurden geplündert, es herrschte Entsetzen darüber, wie sich die Gewalt so entladen konnte.
Und nun diese Bilder aus Frankfurt. Die große Frage lautet: Wie konnte es dazu kommen? Und was haben die Krawallmacher mit der vorherigen Demo junger Menschen zu tun, die eigentlich auf soziale Missstände aufmerksam machen wollten?
Alles hatte so friedlich begonnen. Hunderte Jugendliche – überwiegend Schüler und Studierende – versammelten sich an der Weseler Werft am Mainufer. Ihnen ging es um Bildung, soziale Gerechtigkeit, Frieden. Neben „Gen Z regelt“ hatten sich andere Gruppen angeschlossen, die auf der Bühne für ihre Anliegen warben. Bunte Kostüme und selbst gemachte Plakate bestimmten das Bild.
Vermummte mit Pyrotechnik
In Frankfurt hat die Teilnehmerzahl wie von der Initiative erwartet 10.000 erreicht. „Siamo tutti antifascisti!“-Rufe erklangen im Bankenviertel. die Stimmung in Frankfurt am Main wurde gegen 18 Uhr hitzig. Die Polizei ging auf Demonstrierende los, angeblich wegen Pyro. Dann flogen Böller auf die Polizei, diese setzte Gewalt ein. Am Abend wurden mindestens zwei Demonstrierende verletzt, darunter eine Kopfverletzung.
Mit der einbrechenden Dunkelheit wird die Stimmung aggressiver. Skandiert wird nun „Ganz Frankfurt hasst die Polizei“ und „Revolution“. Totenkopf-Flaggen und Fahnen der „Antifaschistischen Aktion“ sind zu sehen. Ein Wasserwerfer und ein Panzerfahrzeug der Polizei fahren vor.
An einer Kreuzung versucht die Polizei, die Gruppen zu trennen: Die friedlichen Demonstranten sollen weiterlaufen, die Krawallmacher will man abspalten. Als das nicht gelingt, wird die Demo wegen des „unfriedlichen Verlaufs“ vorzeitig beendet. Die meisten Schüler und Studenten sind zu diesem Zeitpunkt schon weg – oder gehen spätestens jetzt.
Auseinandersetzungen nach Demo-Ende
Doch für die Polizei geht es nach der Auflösung der Demo erst richtig los. Die erste Konfrontation gibt es an der Konstablerwache mitten in der Innenstadt. Polizisten mit Helmen und aggressive Gruppen stehen sich gegenüber. Zahlreiche Schaulustige strömen herbei. Corona-Masken, Halloweenverkleidungen und hochgezogene Schals sind zu sehen – dazwischen Einkäufer und Passanten auf der Zeil.
Das Geschehen ist an diesem Abend insgesamt diffus und unübersichtlich. Bis zum späten Abend werden mehr als 30 Personen vorläufig festgenommen. Und der Schreck ist groß. Auch in der Politik.
Nächster Protest geplant
Ein Sprecher der Initiative „Gen Z regelt“ sagte: „Was nach dem Ende der Kundgebungen passiert ist, darauf hatten wir keinen Einfluss.“ Die Initiative veröffentlichte am Samstagabend auf Instagram eine Stellungnahme, worin sie sich von „jeglicher Form der Gewalt sowie von gewalttätigen Handlungen anderer Gruppen oder Einzelpersonen“ distanziert, die nicht Teil der Demonstrationen waren. „Wir stehen für friedlichen Protest, demokratische Werte und das Recht, unsere Meinung frei zu äußern. Gewalt war und ist niemals Teil unserer Bewegung.“
In drei Wochen will die Initiative wieder bundesweit Menschenmassen mobilisieren. Sie bezeichnete die Demonstrationen am Samstag nur als ersten Schritt. „Wir wollen uns an den europaweiten Protesten am 20. November beteiligen“, sagte der Sprecher des Presseteams, der öffentlich nur unter seinem Vornamen Amadeo auftreten will, der Deutschen Presse-Agentur.
live +++ GenZ regelt +++ Und dann geht's doch noch ab: Pyro, Barrikaden, Polizeigewalt
Zehntausende demonstrieren für eine bessere Zukunft – mehrheitlich friedlich. Am Abend fliegen an einzelnen Orten Pyros und Flaschen, die Polizei greift an und verletzt einige Demonstrierende.
Von Lotte Laloire, Timm Kühn, Benno Stieber, Andreas Wyputta, David Muschenich, Amira Klute, Erik Peter, Annika Danielmeier, Malte Steinmüller und Yağmur Ekim Çay
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Von Claudius Prößer
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