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Saturday, October 10, 2026

Der nächste harte Winter: Wie Russland das ukrainische Gesundheitssystem ins Visier nimmt

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Der nächste harte WinterWie Russland das ukrainische Gesundheitssystem ins Visier nimmt

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Ein zerstörtes medizinisches Zentrum in Saporischschja nach einem russischen Drohnenangriff Ende September. (Foto: picture alliance / Photoshot)

Logistikprobleme, Medikamentenmangel, Stromausfälle: Das ukrainische Gesundheitssystem leidet unter gezielten russischen Angriffen auf Lagerhallen und Energieversorgung. Das hat massive Auswirkungen für Patienten mit weit verbreiteten Erkrankungen.

In dieser Woche war das Medikament Cardio-Aspirin in keiner einzigen Kiewer Apotheke zu bekommen. Dabei leidet nach Einschätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO jeder vierte Ukrainer unter gefährlich hohem Blutdruck. Der deutsche Pharmakonzern Bayer, der das Medikament herstellt, klagt über logistische Probleme in der Ukraine. Kardiologische Medikamente sollen in der zweiten Oktober-Hälfte wieder verfügbar sein.

Die logistischen Probleme haben vor allem einen Grund: den systematischen russischen Beschuss von Verteilzentren. Allein im September hat Russland mehrere pharmazeutische Lagerhallen getroffen. Darunter war eines der landesweit wichtigsten Logistikzentren in der Region Kiew, das schwer beschädigt wurde. Auch Hallen von Optima-Pharm und BaDM wurden getroffen. Beide Firmen machen zusammen rund drei Viertel der Medikamentenlieferungen an ukrainische Apotheken aus.

Die Infrastruktur der beiden Unternehmen steht zwar bereits seit 2022 unter Beschuss, die Angriffe haben sich im vergangenen August und September allerdings intensiviert. Laut vorsichtigen Schätzungen wurden allein im September Hunderte Tonnen an Lagerkapazitäten und Medikamenten vernichtet. Nicht zufällig nahm Russland dabei auch Arzneimittel ins Visier, die eine Kühlkette benötigen. In einer aktuellen Kampagne gegen die Logistik der wichtigsten Supermarktketten in Kiew zielen die Moskauer Truppen auf die systematische Vernichtung verfügbarer Kühlräume. Dabei steht die Infrastruktur der Pharmaunternehmen wegen regelmäßiger Stromausfälle ohnehin bereits unter Druck.

Schwierige Belieferung in Frontnähe

Die infolge der russischen Angriffe nötigen Änderungen in der Logistik haben seit dem Sommer die Preise von häufig verwendeten Arzneimitteln um etwa zehn Prozent in die Höhe getrieben - ein zusätzlicher Druck für die ohnehin finanziell geforderte ukrainische Bevölkerung.

Der regionale Mangel an wichtigen Medikamenten für verbreitete Krankheitsgruppen ist allerdings kaum noch eine Ausnahmeerscheinung. Vor allem die Belieferung von frontnahen Regionen ist ein Problem. Mehrfach wurden in diesem Jahr Lagerhallen der WHO - etwa in Dnipro - getroffen, von wo Patienten nahe der Front beliefert werden. Einige Beispiele:

  • Zuletzt gab es an mehreren Orten Schwierigkeiten, Medikamente mit Levothyroxin-Natrium zu beschaffen, die Patienten mit Schilddrüsenerkrankungen benötigen. Der Mangel wird wohl erst im Laufe des Oktobers behoben.

  • Eine besondere Risikogruppe sind Diabetiker, die Insulin und andere Präparate benötigen. Laut dem ukrainischen Gesundheitsministerium gibt es zwar ausreichende Insulinvorräte. Die Zerstörung von Kühlräumen wird jedoch als Risiko für das temperaturempfindliche Medikament gesehen.

  • Probleme gibt es auch für HIV- und Tuberkulose-Patienten in Frontnähe, weil bei diesen Erkrankungen ein Therapieabbruch größere Risiken darstellt.

  • Bei Krebspatienten scheinen die Probleme auf den ersten Blick nicht so groß. Denn die Belieferung erfolgt auch mittels staatlicher Beschaffung und teilweise direkt über Krankenhäuser, was die Abhängigkeit von der Logistik der Pharmaunternehmen verringert. Risiken gibt es jedoch bei Verzögerungen der Chemotherapie-Zyklen, zumal nicht alle Präparate austauschbar sind.

  • Bei seltenen Krankheiten sorgt jeder Angriff auf Lagerhallen, die die raren Medikamente vorhalten, automatisch für einen bedeutenden Mangel.

Immerhin sind die Versorgungsengpässe meist nicht langwierig. Weil die EU Notlieferungen bereitstellt, lösen die russischen Angriffe keinen systematischen, langanhaltenden Medikamentenmangel aus. Es gibt jedoch mehrere Bereiche, die aktuell besonders anfällig sind - mit gravierenden Auswirkungen auf die Versorgung von Patienten, selbst in Kiew mit rund drei Millionen Einwohnern.

Bei "gelbem" Alarm wird weitergearbeitet

Die inzwischen tagelangen Angriffe mit Jet-Drohnen sind eine zusätzliche Belastung für Krankenhäuser, die ohnehin unter einem großen Personalmangel leiden. Nach ukrainischen Angaben wurden bereits 340 Bereiche in 127 Einrichtungen vollständig zerstört. Beschädigt wurden 3000 Bereiche in 850 medizinischen Einrichtungen.

Änderungen des Luftalarmsystems geben den Krankenhäusern zwar die Möglichkeit, regulär weiterzuarbeiten, wenn es "gelben" Luftalarm gibt, es sich also um vereinzelte Drohnen und Raketen handelt. Bei "rotem" Luftalarm, also massiven Angriffen, müssen Personal und Patienten aber soweit möglich in Luftschutzkeller gebracht werden. Dann werden nur Notoperationen und andere akute Behandlungen weitergeführt. Durch die ständigen Unterbrechungen müssen geplante Operationen immer wieder verlegt werden - ein massiver Stress für Ärzte, Pflegepersonal und Patienten.

Eine zusätzliche Herausforderung ist die Energieversorgung, weil Russland gezielt Strom- und Heizungsanlagen beschießt. Eine neue Welle von Angriffen auf die Energie-Infrastruktur begann am 30. September. Der Beschuss konzentriert sich vor allem auf Kiew. Dort sind zwar inzwischen offiziell 100 Prozent des sogenannten widerstandsfähigen Gesundheitssystems mit eigenen Generatoren ausgestattet. Bei langanhaltenden Stromausfällen geht jedoch der dafür nötige Treibstoff zur Neige, oder die Geräte im Dauereinsatz benötigen schneller Ersatzteile, was Auswirkungen auf Sauerstoffanlagen, Beatmungsgeräte und Dialysestationen hat. Das gesamte ukrainische Gesundheitswesen erwartet ein weiterer äußerst schwerer Winter.

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