Frankreichs Schuldenkrise: Droht eine neue Eurokrise?
Analyse
Zinsdruck auf Paris steigt Droht wegen Frankreich eine neue Eurokrise?
Stand: 23.10.2026 • 11:13 Uhr
Frankreichs Anleiherenditen sind auf den höchsten Stand seit 2002 gestiegen. Wie groß ist die Ansteckungsgefahr für andere hochverschuldete Euroländer - und was kann die EZB dagegen tun?
Frankreich gerät an den Finanzmärkten immer stärker unter Druck. Der Risikoaufschlag französischer Staatsanleihen gegenüber deutschen Bundesanleihen ist in dieser Woche auf rund 1,6 Prozentpunkte gestiegen - den höchsten Stand seit 15 Jahren. Am Freitagabend nach Börsenschluss droht bereits die nächste schlechte Nachricht: Dann könnte die Ratingagentur Moody's die Kreditwürdigkeit Frankreichs herabstufen - so die Erwartung vieler Ökonomen.
Denn Frankreichs Schuldenberg wächst weiter, während die politische Krise in Paris einen Sparkurs erschwert. Volker Schilling vom Vermögensverwalter Greiff Capital spricht gegenüber der ARD-Finanzredaktion von einem "Trilemma": Frankreich müsse sich zwischen seinem Sozialstaat, höheren Verteidigungsausgaben und Schuldentragfähigkeit entscheiden. "Alles drei wird nicht gehen. Man wird Prioritäten setzen müssen - und das wird der Markt erzwingen."
Frankreichs Schulden: Warum Anleger nervös werden
Wie schwierig die Ausgangslage ist, zeigen Zahlen des Internationalen Währungsfonds (IWF). Demnach dürfte die französische Staatsverschuldung 2026 auf 118,5 Prozent der Wirtschaftsleistung steigen. Zum Vergleich: Zu Beginn der Euro-Schuldenkrise 2010 lag sie noch bei rund 86 Prozent.
Auch beim Haushaltsdefizit gehört das Land zu den Problemfällen der Eurozone. Der IWF erwartet für dieses Jahr ein Minus von etwa 5,4 Prozent der Wirtschaftsleistung - weit mehr als die nach europäischen Regeln grundsätzlich erlaubten drei Prozent. Höhere Renditen verteuern die Aufnahme neuer Schulden und die Refinanzierung auslaufender Anleihen.
Frankreichs Anleiherenditen auf 24-Jahres-Hoch
Eine mögliche Herabstufung durch Moody's könnte Frankreich an den Anleihemärkten zusätzlich unter Druck setzen. In dieser Woche rentierten zehnjährige französische Staatsanleihen erstmals seit 2002 zeitweise mit mehr als fünf Prozent.
Grund zur Panik sei das aber nicht, betont Stephan Kemper, Chefkapitalmarktstratege bei BNP Paribas Wealth Management, im Gespräch mit der ARD-Finanzredaktion. "Was wir hier erleben, ist keine Systemkrise des Euro, sondern vielmehr eine sehr klare Nachricht des Marktes an ein spezielles Land."
Wenn die Euro-Peripherie an der Seine beginnt
Tatsächlich unterscheiden die Anleger deutlich zwischen den einzelnen Euroländern. So muss Frankreich derzeit sogar höhere Zinsen bieten als Italien - ein bemerkenswerter Rollentausch an den Anleihemärkten.
Während der Eurokrise von 2010 bis 2012 standen vor allem Griechenland, Portugal, Spanien und Italien unter Druck. Deutschland und Frankreich dagegen bildeten den stabilen Kern der Währungsunion. Heute ist ausgerechnet die zweitgrößte Volkswirtschaft der Eurozone selbst zum Sorgenkind geworden. Kapitalmarktexperte Schilling ist daher überzeugt: "Die neue Peripherie der Eurozone beginnt an der Seine."
Droht eine Ansteckung anderer Euroländer?
Doch die Ausgangslage unterscheidet sich in einem entscheidenden Punkt von damals: In der vergangenen Euro-Krise fürchteten Investoren, einzelne Länder könnten aus der Währungsunion ausscheiden und der Euro möglicherweise auseinanderbrechen.
"Vor 15 Jahren wurde die Existenz des Euros offen infrage gestellt. Das ist etwas, was wir heute überhaupt nicht sehen, was auch am Markt überhaupt nicht eingepreist wird", betont Kapitalmarktstratege Kemper. Selbst an den politischen Rändern Frankreichs herrsche ein breiter Konsens darüber, im Euro zu bleiben.
Eurokrise 2012: Draghis "Whatever it takes"
Zum Wendepunkt der damaligen Eurokrise wurden drei Worte: "Whatever it takes." Am 26. Juli 2012 versprach der damalige EZB-Präsident Mario Draghi, innerhalb des Mandats der Notenbank alles Notwendige zu tun, um den Euro zu erhalten. Schon diese Ankündigung trug entscheidend dazu bei, die Märkte zu beruhigen. Wenige Wochen später stellte die EZB ihr Anleihekaufprogramm OMT vor. Tatsächlich eingesetzt wurde es nie.
Seit damals ist die Eurozone merklich widerstandsfähiger geworden. Europäische Banken verfügen über höhere Kapitalpuffer. Die Gefahr von Ansteckungseffekten über den Bankensektor sei damit heute deutlich geringer, so Kemper.
EZB-Rettungsinstrument TPI: Was kann es leisten?
Auch das Instrumentarium der EZB zur Krisenbekämpfung ist heute größer als 2010. Im Sommer 2022 beschloss die Notenbank das Transmission Protection Instrument, kurz TPI. Damit kann sie ohne vorab festgelegte Obergrenze Staatsanleihen eines Eurolandes kaufen, das an den Märkten in Bedrängnis geraten ist.
Doch ein solcher Befreiungsschlag für Frankreich ist derzeit nach Meinung von Experten nicht in Sicht. "Ich glaube, wir sind von einem neuen Whatever-it-takes-Moment sehr, sehr weit entfernt, und auch das Kriseninstrument TPI wird sicherlich erst mal in der Schublade bleiben", sagt BNP-Chefstratege Kemper.
Denn Voraussetzung für den Einsatz von TPI ist, dass sich die Finanzierungsbedingungen in einem Mitgliedsland massiv verschlechtern, ohne dass dies durch länderspezifische Fundamentaldaten begründet ist. Es müsste sich also um eine vom Land unverschuldete und spekulative Marktübertreibung handeln. "Diese Bedingungen sind augenscheinlich bei Frankreich im Augenblick nicht erfüllt", betont Kemper.
Warum die EZB Frankreich nicht vorschnell helfen dürfte
Hinzu kommt: Sollte die EZB Frankreich nun vorschnell zur Seite springen, würde dadurch auch der Druck auf die Regierung in Paris sinken, Sparmaßnahmen einzuleiten. Es wäre darüber hinaus ein fatales Signal an andere Regierungen im Euroraum, dass sie auch bei einer problematischen Haushaltspolitik mit Hilfe der Notenbank rechnen können.
Schilling vom Vermögensverwalter Greiff Capital warnt daher: "Das würde der ganzen europäischen Stabilität nicht guttun, wenn man bei jedem kleinen Anzeichen von Schwierigkeiten sofort die Feuerwehr ruft."
Paris muss Vertrauen der Anleger zurückgewinnen
Sollte Paris seine Staatsfinanzen allerdings nicht in den Griff bekommen und die Renditen ungebremst weiter steigen, könnte die EZB doch noch unter Handlungsdruck geraten. Denn eines dürften die Anleger nicht unterschätzen, so Schilling: "Dass der Euroraum ein politisch getriebenes Konstrukt ist, das man auf keinen Fall aufgeben wird - und schon gar nicht die großen Volkswirtschaften Frankreichs und Deutschlands, die immer der Treiber dieser Währungsunion waren."
Fakt ist aber auch: Die Notfallprogramme der EZB sollen in erster Linie ungerechtfertigte Marktverwerfungen bekämpfen - nicht die Folgen einer verfehlten Haushaltspolitik. An den Märkten müsste daher wohl noch deutlich mehr Stress aufkommen, bevor die EZB zu solch drastischen Rettungsmaßnahmen greifen würde. Die hohen Anleiherenditen sind für Frankreich deshalb vor allem ein Warnsignal: Für Paris kommt es jetzt darauf an, das Vertrauen der Anleger zurückzugewinnen. Und das besser früher als später.
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.