Serbien nach der Wahl – Wieso mit Vucic nicht auch der Nationalismus endet

Nach Vucics Abwahl hoffen viele in der Region auf bessere Beziehungen und ein Ende der nationalistischen Politik. Zweifel sind angebracht.
04.11.2026, 05:53
In ersten Reaktionen betonten viele frisch gewählte Vertreterinnen und Vertreter der Studierendenliste, man sei an guten nachbarschaftlichen Beziehungen interessiert. Auf der anderen Seite gibt es aber auch in den Reihen der Studierenden nationalistische Positionen, die im In- wie Ausland Sorgen bereiten.
Nationalistische Positionen der Studierenden
So auch bei Natasa Kandic. Sie ist eine der prominentesten Stimmen in der serbischen Gesellschaft, wenn es um die Aufarbeitung der jugoslawischen Zerfallskriege geht. Seit 1992 setzt sie sich für die Aufklärung der Kriegsverbrechen und für Gerechtigkeit für die Opfer ein.
«Einzelne Aussagen der Studierenden und ihrem Umfeld sind problematisch», findet sie. Dazu gehörten die Ablehnung der Unabhängigkeit des Kosovos oder die Leugnung des Genozids in Srebrenica. Einzelne nationalistische Transparente und Parolen waren auch an den Protesten immer präsent. Es ist die Folge von jahrelanger Propaganda.
Kein Bruch nach Milosevic
Zwar hat Aleksandar Vucic auch nationalistische Positionen verbreitet, doch die Ansichten sind älter als seine Regierungszeit. Sie gehen auf die 90er-Jahre zurück, als Serbien an verschiedenen Kriegen der Region beteiligt war. Im Kroatien-, im Bosnien- wie auch im Kosovokrieg haben serbische Truppen schwere Kriegsverbrechen begangen.
Es wird sehr schwierig werden, das politische Narrativ über die Vergangenheit zu ändern.
Politisch war dafür Slobodan Milošević verantwortlich. Er wurde 2000 gestürzt, doch danach hat es keinen echten Bruch mit der Vergangenheit gegeben. Stattdessen gibt es bis heute eine personelle Kontinuität in Politik und Verwaltung.
Dadurch ist ein nationalistisches Weltbild auch in der Bevölkerung weitverbreitet. Dies zeigte sich etwa nach dem Tod von Ratko Mladić. Obwohl er unter anderem für Völkermord verurteilt wurde, wird er von vielen in Serbien weiterhin als Held gesehen.
Es fehlt das Wissen über die Vergangenheit
«Jetzt erwarten viele von den Studenten, die Versäumnisse der Vergangenheit nachzuholen», so Kandic. Doch das sei nicht fair. Denn die Studierenden seien Kinder dieser Gesellschaft.
Aufgewachsen in einem Schulsystem, das ihnen nichts über die Kriege der 90er beigebracht hat, mit Medien, die Kriegsverbrecher verherrlichten. «Die Studierenden haben keine Informationen zu den Ereignissen von damals.»
Wenn es der neuen Regierung gelänge, die Demokratie zu stärken, sei dies bereits ein Fortschritt. So entstünde ein Raum, in dem Wandel möglich ist. Eine offene Diskussion über die Vergangenheit ist bislang nicht möglich. Wer sich wie Natasa Kandic öffentlich kritisch dazu äussert, wird diffamiert oder gar körperlich angegriffen.
«Es wird sehr schwierig werden, das politische Narrativ über die Vergangenheit zu ändern», sagt deshalb Natasa Kandic. Dafür bräuchte es eine wirkliche Aufarbeitung, die sich nicht abzeichnet. Doch sie wird weiter dafür kämpfen.
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.