Besorgniserregender Trend: Warum junge Menschen immer häufiger an Krebs erkranken

Besorgniserregender TrendWarum junge Menschen immer häufiger an Krebs erkranken
09.10.2026, 07:42 Uhr
Von Hedviga Nyarsik

Mit Sorge beobachten Forschende seit einiger Zeit einen scheinbar unaufhaltsamen Trend: Bestimmte Tumorarten treten bei Menschen unter 50 immer häufiger auf. In manchen Ländern haben sich Krankheitsfälle zum Teil verdoppelt. Woran liegt das?
Die meisten Krebserkrankungen treten im höheren Alter auf. Doch seit einigen Jahren fällt Forschenden auf, dass bestimmte Tumoren auch bei Menschen unter 50 häufiger diagnostiziert werden als früher. Eine neue internationale Auswertung des World Cancer Research Fund International (WCRF) bestätigt diesen Trend nun für mehrere Krebsformen. Besonders deutlich zeigt er sich unter anderem bei Darm-, Nieren- und Bauchspeicheldrüsenkrebs. Die große Frage lautet dabei: Warum trifft es zunehmend auch Jüngere?
Für die Analyse werteten Fachleute der Organisation Daten zu zwölf Krebsarten aus den USA, den Niederlanden und Großbritannien aus. Als "early-onset cancer", also früh auftretenden Krebs, bezeichneten die Fachleute Erkrankungen vor dem 50. Lebensjahr. In allen drei Ländern nahm Darmkrebs in dieser Altersgruppe zu. Auch Nierenkrebs wurde häufiger diagnostiziert. Bei Frauen stiegen zudem unter anderem die Zahlen für Brust- und Gebärmutterkrebs, bei Männern je nach Land etwa für Bauchspeicheldrüsen-, Leber- oder Prostatakrebs.
"Hinter jeder Zahl steht ein Mensch"
Besonders dramatisch zeigt sich die Entwicklung in Großbritannien. Dort stieg die Darmkrebsrate bei Männern unter 50 zwischen in den letzten zwanzig Jahren von 4,0 auf 8,4 Fälle je 100.000 Menschen - sie hat sich also mehr als verdoppelt. Auch bei Frauen erhöhte sie sich von 3,8 auf 8,3. Gebärmutterkrebs nahm im selben Zeitraum von 1,8 auf 3,9 Fälle je 100.000 Frauen zu. Bei Prostatakrebs unter 50 stieg die Rate von 1,0 auf 3,6. Gleichzeitig gingen andere Tumorarten zurück: Lungenkrebs etwa wurde bei jüngeren Männern und Frauen seltener.
So auffällig diese Zahlen auch seien, Krebs sei damit nicht plötzlich zu einer häufigen Erkrankung junger Menschen geworden, heißt es in der Analyse. Das höhere Alter bleibt demnach nach wie vor einer der wichtigsten Risikofaktoren überhaupt, und die große Mehrheit der Tumoren tritt weiterhin nach dem 50. Lebensjahr auf.
Und dennoch: "Hinter jeder Zahl steht ein Mensch, der früher an Krebs erkrankt, als er selbst, seine Familie und oft auch sein Arzt erwartet hätten", sagt Giota Mitrou, Forschungs- und Politikdirektorin des World Cancer Research Fund, dem britischen "Guardian". Sie nennt die Entwicklung "besorgniserregend". "Diese veränderten Muster in jüngeren Generationen müssen als ernsthafte Priorität für Forschung und Krebsprävention behandelt werden", fordert die Expertin.
Ernährung, Umwelt, Diagnostik
Doch warum steigen die Zahlen überhaupt? Eine eindeutige Antwort darauf gibt es bislang nicht. Der WCRF hält es aber für wahrscheinlich, dass mehrere Faktoren zusammenspielen. Dazu gehören Übergewicht, Bewegungsmangel, Alkohol, Rauchen und bestimmte Ernährungsweisen - etwa viel rotes und verarbeitetes Fleisch sowie wenig Ballaststoffe. Solche Verhaltens- beziehungsweise Ernährungsverhalten können über Stoffwechsel, Hormone und Entzündungsprozesse das Krebsrisiko erhöhen.
Daneben rücken Umweltfaktoren stärker in den Fokus. Forschende schauen dabei unter anderem auf Luft- und Wasserverschmutzung, bestimmte Chemikalien und die Veränderungen des Darmmikrobioms. Denn Ernährung, Medikamente und andere Einflüsse aus der Umwelt können die Zusammensetzung der Darmbakterien verändern - und damit möglicherweise auch Prozesse im Immunsystem und Entzündungsreaktionen. Einen einzelnen Auslöser, der den internationalen Trend erklärt, haben Forschende bislang aber nicht gefunden.
Auch eine bessere Diagnostik dürfte eine Rolle spielen. Mit modernen Verfahren wie CT, MRT oder hochauflösendem Ultraschall lassen sich heute Tumoren erkennen, die vor einigen Jahrzehnten möglicherweise noch zu klein gewesen wären, um aufzufallen. Gleichzeitig achten Betroffene und Ärzte stärker auf mögliche Warnzeichen. Doch auch das reicht nach Einschätzung des WCRF nicht als alleinige Erklärung aus. Denn bei einigen Krebsarten steigt nicht nur die Zahl der Diagnosen - auch die Sterberaten haben sich verändert. Das spricht dafür, dass zumindest ein Teil des Trends nicht allein darauf zurückzuführen ist, dass Tumoren heute häufiger oder früher entdeckt werden.
Auch Deutschland betroffen - wenn auch weniger stark
Und wie sieht es in Deutschland aus? Hier fällt das Gesamtbild bislang weniger dramatisch aus. Eine 2024 im Fachjournal "European Journal of Epidemiology" veröffentlichte Auswertung deutscher Krebsregisterdaten untersuchte alle Tumorerkrankungen vor dem 50. Lebensjahr zwischen 1999 und 2019. Nach einer später veröffentlichten Korrektur stieg die Rate aller Krebsarten in diesem Zeitraum lediglich von 92,0 auf 95,2 Fälle je 100.000 Menschen unter 50 - also um rund drei Prozent. Bei Männern blieb sie insgesamt stabil, bei Frauen zeigte sich ein leichter Anstieg. Gleichzeitig sank die Krebssterblichkeit bei unter 50-Jährigen deutlich.
Ganz verschont bleibt Deutschland von der internationalen Entwicklung aber nicht. Besonders gut belegt ist das beim Darmkrebs. Eine erst vor wenigen Monaten veröffentlichte Studie im "International Journal of Cancer" wertete mehr als 28.000 Fälle bei 20- bis 49-Jährigen aus zehn deutschen Krebsregistern zwischen 2003 und 2023 aus. Bei Männern nahm die Erkrankungsrate im Durchschnitt um 0,8 Prozent pro Jahr zu, bei Frauen um 0,9 Prozent. Besonders auffällig war der Trend bei den 20- bis 29-Jährigen. Dort stiegen die Raten jährlich im Mittel um 3,3 Prozent bei Männern und 3,9 Prozent bei Frauen. Auch bei den 30- bis 39-Jährigen nahmen die Fälle zu, während sie bei den 40- bis 49-Jährigen weitgehend stabil blieben.
Symptome immer mit Arzt abklären
"Die Ergebnisse zeigen, dass der Anstieg von Darmkrebs bei jungen Erwachsenen in Deutschland real ist, aber zumindest bislang deutlich moderater ausfällt als in den USA", sagt Volker Arndt vom Deutschen Krebsforschungszentrum laut einer Mitteilung. Auch hier seien die Ursachen noch unklar. Neben Lebensstil und Ernährung könnten Veränderungen der Darmflora eine Rolle spiele, vermutet der Experte. Zugleich falle auf, dass einige Tumoren mit vergleichsweise guter Prognose häufiger entdeckt wurden - ein Hinweis darauf, dass frühere und bessere Diagnosen ebenfalls einen Teil des Effekts erklären könnten.
Trotzdem bleibt Darmkrebs vor dem 50. Lebensjahr selten. Von jährlich rund 56.000 neuen Darmkrebsfällen in Deutschland betreffen laut DKFZ nur etwa fünf Prozent Menschen unter 50. Die Forschenden sehen deshalb derzeit keinen Grund, das allgemeine Screening auf deutlich jüngere Altersgruppen auszuweiten. Anders ist die Lage bei Menschen mit familiärer Vorbelastung. Und unabhängig vom Alter gilt: Blut im Stuhl, anhaltende Veränderungen der Verdauung oder ungeklärter Gewichtsverlust sollten immer und schnellstmöglich ärztlich abgeklärt werden.
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