Riesige Wahlbeteiligung – Wahl in Serbien – Aufregung in der Schweizer Diaspora

«Heute steht Serbien vor der Entscheidung, welchen Weg es einschlagen will», erklärt Aleksandar Vučić, als er in Belgrad zur Wahlurne schreitet. Der kürzlich zurückgetretene serbische Präsident spricht von einer Schicksalswahl für das Land.
Vučić will Serbiens Geschicke künftig als Premierminister leiten. Heute werde sich weisen, welchen Weg das Volk wähle. «Und der Wille des Volkes ist der Wille Gottes», sagt er in die Mikrofone. In der Schweiz werden jedoch Stimmen laut, wonach «Gottes Wille» nachgeholfen werden soll.
In der Schweiz haben sich im Vorfeld weit über 4000 Wählerinnen und Wähler registriert. Abgeben können sie ihren Wahlzettel aber schweizweit nur an zwei Orten – in Bern und Zürich. Vor dem serbischen Konsulat in Zürich war die Schlange zeitweise einen halben Kilometer lang. Teils standen die registrierten Serbinnen und Serben acht Stunden an,
«Normalerweise sind hier bei Wahlen nur fünf, sechs Leute», sagt Dorde Milićević . Jetzt seien es schon am frühen Morgen 500. «Das ist unglaublich. Die Leute sind sehr motiviert, etwas zu ändern in Serbien», so der Softwareentwickler.
Vielleicht läuft ‹zufälligerweise› etwas falsch bei Leuten, die mit der einen oder anderen Seite sympathisieren.
Doch nicht bei allen klappt es an der Wahlurne. «Ich habe mich angemeldet und die Bestätigung erhalten, dass ich hier im Konsulat wählen darf», sagt Ivana Heusser. «Als ich dann am Morgen an der Reihe war, stand mein Name nicht auf der Liste – und auch der meines Sohnes nicht, dafür der meines Mannes.»
Heusser konnte ihre Stimme heute zunächst nicht abgeben. Auch von Bekannten in Belgrad habe die Zürcher Spielgruppenleiterin von ähnlichen Problemen gehört: «Vielleicht läuft ‹zufälligerweise› etwas falsch bei Leuten, die mit der einen oder anderen Seite sympathisieren.»
Serbischer Botschafter: «Fake News»
Viele Auslandserben sollen in der Schweiz trotz fristgerechter Anmeldung gar nicht erst ins Wählerverzeichnis aufgenommen worden sein, war im Vorfeld zu hören. Dazu nimmt der serbische Botschafter heute schriftlich Stellung: «Diese Behauptung weisen wir kategorisch zurück. Sie ist völlig falsch und entbehrt jeder faktischen Grundlage. Um es klar zu sagen: Das sind Fake News.»
Fest steht: Das Interesse an der Wahl ist auch in der serbischen Diaspora in der Schweiz riesig. Vielen macht die erstarkte Studentenbewegung Hoffnung. «Ich bin wegen etwas hier, das der Grossteil der serbischen Bürger hier an der Schweiz schätzt: funktionierende Institutionen und Meinungsfreiheit», sagt Aleksandar Luković. «Die aktuelle Regierung hatte 14 Jahre Zeit, etwas zu ändern», sagt der Projektmanager. «Aber es ist eher noch schlimmer geworden.»
Auch Marija Stanisavljević hofft auf einen Wandel. «Die demokratischen Strukturen, das Justizsystem und die Institutionen müssen stabiler werden», sagt die Soziologin. Dorde Milićević bleibt skeptisch. Europa habe ein Interesse daran, am aktuellen System festzuhalten: Denn viele gut ausgebildete Serbinnen und Serben würden das Land verlassen. «Von diesen Arbeitskräften profitieren dann Länder wie Frankreich und Deutschland.»
Für Ivana Heusser nimmt der Wahltag doch noch eine positive Wendung: «Sie haben meinen Namen auf der Liste gefunden und ich konnte wählen», freut sie sich. Das Wahlregister sei in kyrillischer Schrift verfasst, und ihr Name sei in der alphabetischen Reihenfolge weiter oben gewesen.
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