Faszination Oktoberfest: Was zieht Schweizer auf die Bierbänke?


Darum gehts
- Am Oktoberfest Baden feiern an drei Wochenenden jährlich rund 13’000 Menschen in einem ausverkauften Festzelt.
- Gäste schätzen das Gemeinschaftsgefühl und die Tradition, manche finden die Badener Variante gemütlicher als München.
- Sicherheitsleute und Sanitäter berichten von Schnittwunden und Stürzen, ernsthafte Vorfälle seien selten.
Die Bayernraute ziert Tische und Wände, Lebkuchenherzen locken mit frechen Sprüchen, und die Zapfhähne sind im Dauerbetrieb: Herbst ist Oktoberfest-Zeit. Während die Wiesn in München ihre Tore längst geschlossen hat, geht es an diesem Samstagabend in Baden gerade erst los.
Denn auch in der Schweiz gehört das bayerische Volksfest mittlerweile fest in den Veranstaltungskalender. Am Oktoberfest Baden feiern an drei Wochenenden jährlich rund 13’000 Menschen, die Veranstaltung ist jeweils ausverkauft. Das Fest sei schon zum beliebtesten seiner Art in der Schweiz gewählt worden, erzählt Mitorganisator Carlos Kuk, als er 20 Minuten einen Blick hinter die Kulissen gewährt.
Bereits am späten Nachmittag strömen die ersten Gäste ins Zelt. Draussen ist es nasskalt, drinnen warm und schon bald gut gefüllt. Die meisten kommen in Gruppen und haben sich für den Abend herausgeputzt. Lederhosen und Dirndl prägen das Bild, mal traditionell, mal bunt und auffällig. Sogar ein Dirndl im Leopardenmuster ist zu sehen. Wer keine Tracht trägt, fällt auf. Nur beim Schuhwerk nehmen es die Gäste nicht so genau und setzen lieber auf bequeme Sneaker.
Familiäre Stimmung bei Personal und Gästen
Noch bevor die Band loslegt, läuft in Küche und Service alles auf Hochtouren. «Schlitten» voller Weisswürste und Brezen werden gekonnt auf Schultern balanciert, rund 2000 Mahlzeiten werden an diesem Abend serviert. Ein Grossteil des Servicepersonals stammt aus Deutschland. «Viele sind nicht das erste Mal dabei, auch in der Küche und bei den Sicherheitsleuten kennt man sich untereinander», sagt Kuk. Auch zahlreiche Gäste kämen jedes Jahr wieder. Das trage zur familiären Stimmung bei.
Pünktlich um sieben legt die Band los, und im Zelt gibt es kein Halten mehr. Die Gäste stehen auf den Bänken, schunkeln und grölen bei Schlagerhits oder «Sweet Caroline» mit. Gespräche sind kaum mehr möglich. «Wenn die Musik nicht gut ist, kommt keine Stimmung auf», sagt Kuk, «die Auswahl der Bands ist deshalb eine der wichtigsten Entscheidungen.» Während die Menge feiert, bahnt sich das Servicepersonal pausenlos im Halbdunkeln den Weg durch die Gäste. Trotz zig Masskrügen und vollen Tabletts bleibt Zeit für Witze mit den Besucherinnen und Besuchern.
«Das Oktoberfest in Baden ist gemütlicher als in München»
Doch was fasziniert die Schweizerinnen und Schweizer so sehr am deutschen Volksfest? Für manche steht vor allem das Gemeinschaftsgefühl im Vordergrund. «Menschen von 18 bis 80 kommen alle mit der gleichen Stimmung», heisst es von einer Gruppe junger Frauen. Sie schätzen die Dirndl und das Bier. Dafür extra nach München zu fahren, sei ihnen aber zu umständlich gewesen.
Sandy und Natascha wollten schon lange ans Oktoberfest in Baden, bekamen bisher aber nie Tickets. Die Schweizer Variante sei gemütlicher, findet die gebürtige Deutsche Sandy. Die Wiesn sei «total überlaufen und ehrlich gesagt etwas überbewertet». Nicolas und Leeroy mögen vor allem die Tradition. Für sie habe das Oktoberfest auch etwas Schweizerisches: «Wir tragen hierzulande ja auch Trachten.»
Sicherheitschef: «Gelangweilte Gäste sorgen eher für Probleme»
Dafür, dass die Stimmung den ganzen Abend hindurch ausgelassen und friedlich bleibt, sorgen auch die Sicherheitsleute. Sie holen allzu übermütige Gäste von den Tischen, machen dem Servicepersonal den Weg durchs Zelt frei und scheinen überall gleichzeitig zu sein. «Tatsächlich sind nur zwölf Leute von uns im Einsatz, aber wir sind dauernd in Bewegung», erklärt Sicherheitsbeauftragter Reto, der das Badener Oktoberfest seit sieben Jahren betreut.
Das Oktoberfest sei ein herausfordernder Event: «Wir haben hier viele Leute auf engem Raum. Der hohe Alkoholpegel, aber auch ein gewisses Balzgehabe der Gäste können zu Spannungen führen.» Heikel werde es, wenn ein Streit von einzelnen Gästen auf ganze Tischgesellschaften übergreife. «Das kann schnell passieren, da die Gäste oft in grossen Freundesgruppen erscheinen.»
Deshalb setze das Team auf Prävention und Deeskalation – dafür seien auch die Frauen im Team essenziell. Ernsthafte Vorfälle seien jedoch selten. Das eingespielte Team freue sich jeweils auf den Einsatz. Und obwohl die Musik nicht unbedingt Retos Geschmack trifft, lässt auch er sich von der Stimmung anstecken: «Wenn die Leute auf den Bänken stehen und Gas geben, ist das ein gutes Zeichen. Gelangweilte Gäste sorgen eher für Probleme.»
Sanitäter: «Die Leute konsumieren nicht mehr so unvernünftig wie früher»
Als Sanitäter Fredi um kurz nach acht eintrifft, wartet schon der erste Patient des Abends auf ihn. «Beim Anstossen ist ein Bierkrug zu Bruch gegangen, ich habe erst gar nicht gemerkt, dass mich ein Splitter am Bein getroffen hat», erzählt der junge Mann, während der Sanitäter die Wunde oberhalb seiner blutgetränkten Socke verarztet.
«Schnittwunden sind die häufigsten Verletzungen, die ich behandeln muss», erklärt Fredi. Auch Stürze kämen regelmässig vor. Probleme wegen übermässigem Alkoholkonsum seien dagegen seltener als vermutet: «Die Leute konsumieren nicht mehr so unvernünftig wie früher.» Zumindest zu dieser frühen Stunde habe der Alkohol noch niemanden aus der Bahn geworfen.
Gegen 21 Uhr machen sich die ersten Gäste auf den Heimweg, um 23 Uhr endet die Feier offiziell. Doch für viele ist noch lange nicht Schluss: An der After-Wiesn-Party wird bis in die frühen Morgenstunden weitergefeiert.
Shirin Camenisch (sca) arbeitet seit 2025 als Praktikantin im Ressort News
Melissa Greiter (mgr) arbeitet seit 2024 für 20 Minuten. Sie ist seit Februar 2025 Redaktorin im Ressort News, Wirtschaft und Videoreportagen.
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