Nichts ist, wie es scheint: "Du kriegst mich nicht" - oder doch?

Nichts ist, wie es scheint"Du kriegst mich nicht" - oder doch?
12.09.2026, 12:20 Uhr
Von Thomas Badtke
00:00
04:30

Nelson muss 13 Jahre ins Gefängnis, verurteilt wegen der brutalen Misshandlung seiner Ehefrau Samantha. Doch er schwört Rache - und Sam taucht unter, wechselt Namen und Identität. Eine wilde Hatz beginnt, bei der man dank Chris Carter am Ende nicht mehr weiß, wo einem der Kopf steht.
911: "Was ist Ihr Notfall?" "Ich … mein Ehemann hält mich in unserem Haus gefangen", flüstert eine Frauenstimme: "Er ist gewalttätig. Und ich habe wirklich große Angst." 911: "Verraten Sie mir, wie Sie heißen?" "Samantha. Samantha Stewart. Sam." 911: "Und wie heißt Ihr Mann, Sam?" "Nelson Stewart … Bitte helfen Sie mir. Ich habe solche Angst. Ich bin ans Rohr unter dem Waschbecken gekettet. Ich kann nicht weg."
Als diese Tonaufnahme im Gerichtssaal abgespielt wird, ist das Urteil der Geschworenen klar im Fall Samantha Stewart gegen ihren Ehemann Nelson Stewart wegen häuslicher Gewalt und rechtswidriger Freiheitsentziehung: schuldig. In beiden Anklagepunkten. Das Strafmaß: satte 13 Jahre. Die Reaktion Nelsons fällt entsprechend aus: "Du elendes Miststück! Wenn du glaubst, dass du mich zum letzten Mal gesehen hast, kannst du dich auf was gefasst machen! Ich weiß alles über dich. Alles! Ganz egal, wo du hingehst: Eines Tages finde ich dich. Das schwöre ich dir! Ich werde dich in deinen Träumen verfolgen, du dreckige Ratte! Viel Spaß dabei, den Rest deines Lebens auf der Flucht zu verbringen!"
Samantha hört daraufhin auf zu existieren. Sie ändert nicht nur ihren Namen, sie wechselt ihre gesamte Identität. Neues Geburtsdatum, neue Stadt, neue Konten. Inhaberin ist Mary Smith. Millionärin. Nelson besitzt nichts mehr, außer seiner Wut und dem Ansinnen auf Rache. Aber er hat Connections.
Ride the Rollercoaster!
Mehr von Chris Carters Thriller "Du kriegst mich nicht" zu verraten, wäre fahrlässig und würde dem Stand-alone des "Akte X"-Erfinders und Schöpfers der "Hunter und Garcia"-Reihe keinen Gefallen tun. Das bei Ullstein und Hörbuch Hamburg erschienene Werk der Thriller-Ikone muss man einfach gelesen - oder noch besser: gehört haben.
Weshalb das so ist? Da wäre etwa der Sprecher Sascha Rotermund, der Psychothriller so gekonnt intoniert, wie fast kein anderer. Dabei reicht sein Spektrum von humorvoll-sympathisch bis psychotisch-einschüchternd. Rotermund reißt mit!
Und das verleiht Carters "Du kriegst mich nicht" noch mehr Geschwindigkeit. Man fühlt sich fast wie auf einer Achterbahn: Erst wird man langsam in die Höhe gezogen, die Vorfreude ist riesig, das Kribbeln im Bauch ist es auch. Dann geht es über den Kipppunkt - und auf dem Weg steil nach unten beginnt der Magen zu rebellieren.
Am Anfang ein bisschen Juristerei à la "Matlock", dann Romcom, wenn Sam alias Mary in ihr neues Leben eintaucht. Dann erste Zweifel, es wird dramatisch. Danach Luftholen. Durchatmen. Weiter geht's: Mary verliebt sich neu. Ein Traummann. Auf den ersten Blick. Und auf einmal ist nichts mehr, wie es bislang schien. Man fliegt in den Sitz gepresst durch die Kurven, wird urplötzlich nach vorn geschleudert, weiß nicht mehr, wo einem der Kopf steht.
Und dann ist "Du kriegst mich nicht" vorbei. Man blinzelt, schüttelt ungläubig den Kopf. Ist überrascht und geschockt gleichermaßen. Ganz großes Kino eben. Chris Carter hat in all den Jahren seit "Akte X" nichts verlernt. Auf die Verfilmung von "Du kriegst mich nicht", hoffentlich als Streamingserie, darf man zwar gespannt sein, sehr sogar. Aber es gilt auch das ungeschriebene Gesetz: Das Buch ist immer besser als die Verfilmung - erst recht in diesem Fall das Hörbuch!
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.