Eröffnung der Frankfurter Buchmesse: Der Irrsinn der Nation

Die Frankfurter Buchmesse wurde eröffnet. Diesjähriges Gastland ist das rechtsregierte Tschechien, dessen Kulturminister bei der Eröffnung Buhrufe erhielt.
Foto: Andreas Arnold/dpa
Eigentlich ist es ein guter Ansatz: Jedes Jahr stellt die Frankfurter Buchmesse ein Gastland in den Mittelpunkt und zwingt somit die deutsche Öffentlichkeit über den deutschen Tellerrand zu schauen. Wer wüsste ansonsten schon von den Eigenheiten indonesischer oder slowenischer Literatur zu berichten?
Wenn die eingeladene Nation dabei von Rechten, mitunter Rechtsextremen regiert wird, waren dabei in der Vergangenheit schon eigentümliche Verrenkungen hiesiger Würdenträger:innen bei den Eröffnungszeremonien zu beobachten. Unvergessen bleibt etwa der Auftritt des postfaschistischen Italiens 2024, bei den Philippinen im letzten Jahr hingegen ging man über die politische Lage – das Land wird vom Diktatorensohn Ferdinand Marcos jr. regiert – großzügig hinweg.
Auch in diesem Jahr gäbe es an der Gesinnung der Gäste, dem rechtspopulistisch bis rechtsextrem regierten Tschechien, einiges auszusetzen. Die Kritik überließ man jedoch den Tschechen selbst. So wurden Pfiffe und Buhrufe auf Tschechisch laut, als der tschechische Kulturminister Oto Klempíř am Dienstagabend seine Rede im Frankfurter Congress Center hielt, in der er auf die engen kulturellen Beziehungen zwischen Deutschland und Tschechien verwies.
Klempíř gehört der Partei der „Motoristen“ an, die sich, genau, für Autofahrer und die Abschaffung von Fahrradstreifen einsetzt. Erst am Montag hatte die Regierung unter Andrej Babiš einen Beschluss über eine neue Kulturpolitik für die Jahre 2026 bis 2029 verabschiedet, wogegen sich im Vorfeld 600 Vertreter:innen aus dem Kulturbetrieb in einem offenen Brief wandten.
Weimer verhalten beklatscht
Nicht ausgebuht, wenn auch eher verhalten beklatscht wurde in diesem Jahr Wolfram Weimer. Der Kulturstaatsminister sprach von einem „diskursiven Treibhauseffekt“, den die „Verheiratung“ von KI und Social Media „in westlichen Gesellschaften“ (nur da?) erzeuge. Er wolle, sagte er, die „Eigentumsfrage stellen“, in Bezug auf Tiktok. Was die Amerikaner gemacht haben, sei richtig, so Weimer, womit er die erzwungene Übergabe des (jährlich Milliarden abwerfenden) US-Geschäfts vom chinesischen ByteDance an ein US-Joint-Venture meint.
Mit einem kleinen Schlenker über die Grimmelshausen-Gesellschaft, die künftig wohl das „Literarische Wort des Jahres“ prämiert, landete Weimer schließlich beim scheidenden Jürgen Boos, der der Frankfurter Buchmesse seit über 20 Jahren als Direktor vorstand und den er besonders auf nationaler Ebene für seine Verdienste um die Messe als „Weltmarktführer“ würdigen wolle.
Endlich wieder Europa
Positiv Bezug auf den eigenen Staat oder Staatenverbund nahm man auch eine Ebene höher. Er freue sich, dass wieder ein europäisches Land Gastland in Frankfurt sei, sagte der maltesische EU-Kultur-Kommissar Glenn Micallef, bevor er den maltesischen Schriftsteller Manwel Dimech für die Bedeutung der Literatur ins Feld führte und im Anschluss mehr Rechte für Autor:innen gegenüber KI-Unternehmen forderte, als sei nicht eigentlich er Politiker, sondern irgendjemand anderes.
Die „Machtfrage“ stellte dann erklärtermaßen Sebastian Guggolz. Der neue Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels verwies auf die neueste Pisa-Studie, die dem staatlichen Bildungssystem ein ungenügendes Zeugnis ausstellte. Wir leben, so Guggolz, in einem der „wohlhabendsten Staaten der Welt“, erfüllten aber die Grundanforderungen an die Schulbildung nicht mehr: Für Infrastruktur und Militär gebe es „riesige Struktursondertöpfe, aber wo bleiben die Sonderprogramme für immaterielle Infrastruktur?“
Kultur und Politik, ja, Literatur und Politik sind nicht zu trennen, darauf wies auch Radka Denemarková hin, in Zeiten, wo Europa „wieder braun“ werde. Der Kampf um die Wortmacht, sagte die tschechische Schriftstellerin, sei auch ein Kampf um die Weltmacht. Den ganzen Irrsinn des Nationalismus rief sie dabei ebenfalls in Erinnerung, sei doch eine Nation nichts weiter als ein Konstrukt, bestehend aus Sprache, Grenzen, Propaganda, und die nationale Identität eine, die auf Negation gründe. Daher, das stellte sie ihrer Rede, die mit stürmischem Beifall quittiert wurde, dabei voran, dürfe man eines nicht vergessen: Staatsminister kommen und gehen, die Literatur aber bleibe.
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