Beben an Wall Street: «Die KI-Blase ist teils bereits geplatzt»

- An der Wall Street sind am Donnerstag fast 3 Billionen Dollar an Börsenwert verschwunden.
- Besonders KI-Aktien brachen ein, allein Nvidia verlor fast eine halbe Billion Dollar.
- Raiffeisen-Anlagechef Matthias Geissbühler sieht die KI-Blase teilweise geplatzt und rät von Zukäufen bei Techwerten ab.
Am Donnerstag erlebten die US-Börsen einen der grössten Ausverkäufe der vergangenen Jahre. An einem einzigen Tag verschwanden fast 3 Billionen Dollar an Wert. Vor allem KI-Aktien brachen ein: Allein Nvidia verlor fast eine halbe Billion an Börsenwert. Was ist passiert?
Matthias Geissbühler, Anlagechef von Raiffeisen Schweiz, ordnet das Beben an der Wall Street und die Folgen für die Schweiz ein.
Herr Geissbühler, war das eine Korrektur oder ein Börsencrash – platzt gerade die KI-Blase?
«Wir sehen eine Korrektur an den Börsen. Auf Indexebene fällt diese bislang noch moderat aus, viele Aktienindizes notieren seit Jahresbeginn weiterhin deutlich im Plus. Im Technologiesektor kam es zuletzt jedoch zu markanten Gewinnmitnahmen. Seit Ende Juni haben Halbleiteraktien, der technologiegetriebene südkoreanische Aktienmarkt sowie zahlreiche KI-Aktien zwischen 30 und 60 Prozent an Wert verloren. Die KI-Blase ist damit zumindest teilweise bereits geplatzt.»
«Kaum ein Segment war derart überlaufen wie der KI-Bereich.»
Was hat den Kursrutsch ausgelöst?
«Ein Auslöser waren die US-Wahlen. Die Märkte beginnen, die politischen Folgen der Midterms einzupreisen. Mit dem Wahlsieg der Demokraten steigen die Erwartungen an eine strengere Regulierung im Technologiesektor und insbesondere im Bereich der Künstlichen Intelligenz. Auch der Ausbau von Rechenzentren dürfte deutlich gebremst werden. Gleichzeitig war kaum ein Segment zuvor derart überlaufen: Privatanleger, Hedge Funds und Fondsmanager waren stark in KI- und Halbleiteraktien investiert. Nun werden Positionen abgebaut und gehebelte Wetten aufgelöst, was die Kursverluste zusätzlich beschleunigt.»
Warum fiel gleichzeitig auch der Bitcoin-Kurs?
«Der Bitcoin weist seit längerer Zeit eine hohe positive Korrelation zu Technologieaktien auf und gilt zudem als spekulative Anlage. Entsprechend überrascht es nicht, dass auch Bitcoin im aktuellen Marktumfeld deutlich unter Druck geraten ist. Belastend wirkt zusätzlich das Thema Regulierung: Die Demokraten gelten als deutlich weniger kryptofreundlich als die Trump-Administration. Für den Kryptomarkt bedeutet dies mittelfristig zusätzlichen Gegenwind.»
«Die Korrektur dürfte noch nicht beendet sein.»
Geht das noch weiter?
«Kurzfristig ist die Börse überverkauft und eine Gegenreaktion ist wahrscheinlich. Für ein nachhaltiges Tief fehlen jedoch noch typische Anzeichen einer Kapitulation. Die Korrektur dürfte deshalb mittelfristig noch nicht beendet sein.»
Welche Titel sind am stärksten betroffen und wie gefährdet sind Schweizer Aktien?
«Besonders unter Druck stehen derzeit Unternehmen aus dem KI-Umfeld, die zuvor zu den grössten Gewinnern gezählt hatten. Der Schweizer Aktienmarkt ist davon jedoch deutlich weniger betroffen, da Technologieaktien hier nur eine untergeordnete Rolle spielen. Stattdessen profitiert der SMI von der laufenden Sektorrotation weg von Techwerten hin zu defensiven Branchen wie Gesundheit und Basiskonsumgütern.»
Was bedeutet das für die Pensionskassen?
«Die Pensionskassen befinden sich aktuell in einer komfortablen Ausgangslage. Per Ende Oktober liegt die durchschnittliche Jahresrendite bei rund 5 Prozent. Dank ihrer breiten Diversifikation über verschiedene Anlageklassen und Regionen hinweg wirken sich die jüngsten Kursrückgänge bei US-amerikanischen und Schwellenländeraktien bislang nur begrenzt auf die Gesamtperformance aus. Die gestrige Korrektur ändert daher vorerst wenig am insgesamt erfreulichen Anlagejahr 2026.»
Wie bewertest du die aktuelle Korrektur bei KI-Aktien?
Was müssen Anleger jetzt beachten: Sollen sie verkaufen, nachkaufen oder abwarten? Und was wäre jetzt der grösste Fehler, den man machen kann?
«Wir haben bereits seit längerer Zeit vor Überhitzungstendenzen bei KI-Aktien gewarnt und zu Gewinnmitnahmen geraten. Zum jetzigen Zeitpunkt würden wir die aktuelle Schwäche noch nicht für Zukäufe bei Technologiewerten nutzen. Chancen sehen wir derzeit eher bei defensiven Qualitätsaktien aus dem Gesundheits- und Basiskonsumgütersektor. Unabhängig davon bleibt eine breite Diversifikation zentral. Einseitige Wetten auf wenige Titel oder einen einzelnen Sektor können sich im Portfoliokontext schnell als schmerzhafte Klumpenrisiken erweisen.»
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Fabian Pöschl (fpo) arbeitet seit 2020 für 20 Minuten. Er ist Verantwortlicher Wirtschaftsnews im Ressort Wirtschaft
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