Vor 15 Jahren: Der Tod von Dennis Ritchie und das Rätsel seiner Dissertation
Vor 15 Jahren, am 12. Oktober 2011, wurde Dennis MacAlistair Ritchie tot in seiner Wohnung aufgefunden. Der Mann, der einen großen Anteil an der Entstehung des Betriebssystems Unix und der Programmiersprache C hatte, führte ein derart zurückgezogenes Leben, dass er selbst für seine Geschwister ein Rätsel war. Ein Jahr später versuchte eine Gedenkveranstaltung, sein Leben zu rekonstruieren. Noch ein Jahr später wurde der „Dennis M. Ritchie Doctoral Dissertation Award“ der ACM SIGOPS ausgelobt. Ritchie selbst hatte eine bemerkenswerte Dissertation über subrekursive Funktionshierarchien verfasst, aber nicht eingereicht.
Dennis Ritchie litt an einer Herzerkrankung und an Prostatakrebs. Bereits bei der Verleihung des Japan-Preises, den sich Ritchie 2011 wie so viele Auszeichnungen mit Ken Thompson teilte, war er von seinen Krankheiten schwer gezeichnet. Als er am 12. Oktober 2011 tot aufgefunden wurde, trauerte die IT-Gemeinde in der ganzen Welt, auch im hiesigen Forum. Mit Unix und der Programmiersprache C hatte er zusammen mit Ken Thompson weit über die Grenzen der Informationstechnologie hinaus wichtige Entwicklungen angestoßen, woran auch eine Gedenkveranstaltung an seinem ersten Todestag erinnerte.
Erinnerungen an Ritchie
An dem Gedenken nahm auch seine Familie teil. Sein Bruder John Ritchie spielte den Dennis-Gedächtnis-Song, sein anderer Bruder Bill Ritchie beschäftigte sich mit der Literatur, Musik und Kunst, die den jungen Dennis bei seinem Heranwachsen begleiteten. Sie zeigten, dass Dennis Ritchie in seiner Jugend ein äußerst umgänglicher und beliebter, wenngleich völlig unsportlicher Junge war. Seine Schwester Lynn erinnerte daran, wie Dennis immer eigenbrötlerischer wurde und sich während des Studiums der Mathematik in den Keller des Familienhauses zurückzog.
Lynn erhielt nach dem Tod ihres Bruders von der Witwe seines Doktorvaters Patrick Fischer ein Exemplar der Dissertation, die Dennis Ritchie geschrieben, aber niemals abgegeben hatte. Sie pflegte bis zu ihrem Tode die Website Dennis Ritchie Thesis - Unpacking an Enigma, die sich mit der Geschichte und den offenen Fragen rund um seine Doktorarbeit beschäftigt. In seiner Biografie schrieb er dazu lapidar: „The subject of my 1968 doctoral thesis was subrecursive hierarchies of functions.“ Lynn spürte ein weiteres Exemplar der Arbeit auf, das Dennis seinem Kommilitonen Albert Meyer gegeben hatte, der als theoretischer Informatiker Karriere machte. Für sie war die Arbeit ein Fenster in die Welt von Dennis.
Für andere war es ein historisch wichtiges Dokument, das zu Recht seinen Platz im Computer History Museum (CHM) gefunden hat. Für wieder andere warf es eine ganz andere Frage auf: Wie konnte man so eine Arbeit mit den technischen Hilfsmitteln von 1968 überhaupt tippen? Brian W. Kernighan, der Weggefährte von Dennis und Mitautor des Bestsellers „The C Programming Language“, bildete eine Seite der Arbeit in seinem Buch Unix: A History and a Memoir ab und machte sich zusammen mit Bill Ritchie und dem Briten David F. Brailsford an die Rekonstruktion. Ihr wissenschaftlicher Aufsatz „How did Dennis Ritchie Produce his PhD Thesis?“ versucht, das „typographische Rätsel“ zu lösen. Er ist eine faszinierende Entdeckungsreise in die Zeit der Kugelkopf-Schreibmaschinen vor dem „Desktop Publishing“.
Das Rätsel um Ritchies Dissertation
Warum Ritchie seine Dissertation nie offiziell bei der Harvard University hinterlegte, wissen auch sein Bruder Bill, Brailsford und Kernighan nicht, wie sie in ihrer Arbeit deutlich machen. Lynn Ritchie erfuhr durch Anfragen an die Universität, dass ihr Bruder seine Dissertation dort nie abgegeben und die Uni ohne Doktortitel verlassen habe, berichtet ein Artikel des wissenschaftlichen Magazins IEEE Spectrum. Das Computer History Museum kennt mündliche Überlieferungen aus einem Zeitzeugen-Interview, wonach Ritchies Abgabe an Formalia gescheitert sein soll: Er wollte nicht akzeptieren, dass die Universität ein gebundenes Druckexemplar seiner Arbeit verlangte, das er selbst hätte bezahlen müssen. Allerdings war so etwas Ende der 1960er-Jahre auch noch äußerst aufwendig und kostspielig: Für den Druck mussten Doktoranden zunächst einen gesonderten Entwurf anfertigen, um dann eine professionelle Schreibkraft zu engagieren, die diesen Entwurf in eine finale Version übertrug. Ein damaliger Doktorand erinnert sich im Aufsatz, dafür 500 US-Dollar bezahlt zu haben, was heute umgerechnet rund 4800 US-Dollar wären.
Ritchies anderer Bruder John äußerte zudem die Vermutung, dass der formelle Doktortitel einfach keine große Rolle für Dennis spielte. Letzterer arbeitete schon ab 1967 für Bell Labs, hatte damit bereits einen begehrten Job als Forscher. Und er soll sich laut John nie wirklich gerne „um die praktischen Dinge des Lebens gekümmert“ haben, zitiert ihn IEEE Spectrum. „Wir werden den Grund [für die nicht abgegebene Dissertation, Anm. d. Redaktion] nie genau wissen und vielleicht kannte ihn Dennis selbst nie genau“, schreibt Autor David C. Brock in IEEE Spectrum. Dennis Ritchie selbst hat seine Dissertation laut Bruder Bill, Brailsford und Kernighan niemals thematisiert – auch nicht, dass er häufig fälschlicherweise mit Doktortitel zitiert worden sei. Ihr Aufsatz endet mit den versöhnlichen Worten: „Although Dennis did not get his Harvard doctorate, we should be thankful that this did not stop him from a life time of amazing contributions to practical computing.“
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