Zwischen Hype und Vorurteil – Drachen, Sex und Feminismus – Romantasy ist kein Fantasy-Kitsch

Blöd, fantasielos und klischeegedrängt. So urteilte der renommierte Literaturkritiker Denis Scheck über Rebecca Yarros’ Bestseller «Fourth Wing – Flammengeküsst» (2023). Schecks Fazit: «Zum Fremdschämen einfältig.»
Schecks Urteil ist kein Einzelfall: Das junge Genre Romantasy – ein Kofferwort aus «Romance» und «Fantasy» – wird häufig als kitschige Trivialliteratur für Frauen abgetan. Der Erfolg von «Fourth Wing» zeichnet allerdings ein anderes Bild: Die Reihe rund um eine gefährliche Drachenreiter-Schule verkaufte sich millionenfach und stand wochenlang auf den Bestsellerlisten. Leiden all diese Lesenden an schlechtem Geschmack – oder steckt mehr hinter dem Phänomen?
Von Booktok ins echte Leben
Der Romantasy-Hype hat digitale Wurzeln. Auf Booktok teilen Lesende ihre Reaktionen, empfehlen Bücher und diskutieren über Figuren und Handlung. Doch die Begeisterung endet nicht auf dem Bildschirm: Buchclubs entstehen, Lesungen sind ausverkauft und erste Festivals widmen sich dem Genre.
Für Buchbloggerin und Literaturliebhaberin Mira Konrad ist Romantasy deshalb ein Phänomen, dessen Bedeutung nicht unterschätzt werden sollte. Konrad liest nicht nur Romantasy, sondern hat auch den ersten Romantasy Award initiiert – um für das Genre mehr wertschätzende Aufmerksamkeit zu generieren. Romantasy verbinde über Länder hinweg eine ganze Generation junger Lesender. Gegen die grundsätzliche Kategorisierung des Genres als niedere Unterhaltungsliteratur für Frauen wehrt sie sich entschieden.
Zum ersten Mal wurde dieses Jahr auf der Frankfurter Buchmesse ein Preis für deutschsprachige Romantasy-Romane vergeben. Die fachkundige Jury aus Lektoren, Journalistinnen, Autoren und Bloggerinnen hat in den drei Kategorien «Romantasy», «Debüt» und «Dunkle Liebe» ein Buch gekürt. Organisiert wird der Preis von einem gemeinnützigen Verein. «Es ist eine sehr ideelle Gemeinschaft», sagt Mira Konrad, die Initiantin des Preises.
Sie ist der Meinung, dass Romantasy im medialen Diskurs häufig abwertend betrachtet und verkannt wird, was die Bücher leisten können. Mit dem Preis möchte sie mehr Wertschätzung für das Genre schaffen. Pro Kategorie gab es ein Preisgeld von über 1000 Euro.
Die Gewinnerinnen und Gewinner:
- Kategorie Dunkle Liebe: Alessia Gold – «In the Shadows we wait»
- Kategorie Debüt: Anna Knopf – «What the Night hides»
- Kategorie Romantasy: Saskia Louis – «How to fight Fate»
- Sonderauszeichnung der Jury: Sarah Scheumer – «Herz aus Moos und Schatten»
Mehr als eine Liebesgeschichte
Romantasy gewann während der Pandemie an Popularität, als viele Menschen wieder zum Lesen fanden. In den Sozialen Medien sind Lese-Communities aufgeblüht und Bücher wie «Fourth Wing» wurden zu Bestsellern gehypt.
«Romantasy vereint Romance- und Fantasy-Elemente und hat immer ein Happy End», sagt Lisa Schattmann, die an der Universität Graz zu Romantasy forscht. Die Grenzen zu anderen Genres seien jedoch fliessend.
Eindeutig ist für Schattmann die weibliche Prägung: «Romantasy hätte sich nicht in der Form herausbilden können, wenn es nicht weiblich konnotiert wäre.»
Weibliche Autorinnen schreiben über weibliche Protagonistinnen, deren romantische und sexuelle Bedürfnisse im Zentrum stehen. Doch laut Schattmann finden auch männliche Leser und Autoren zunehmend Zugang zum Genre.
Zwischen Eskapismus und Realismus
Lesende greifen aus unterschiedlichen Gründen zu Romantasy, erklärt Romantasy-Forscherin Schattmann. Eskapismus, also die Flucht aus dem Alltag, spiele dabei auch eine Rolle – gerade wenn es um das Happy End der Liebesgeschichte geht.
«Ich schätze die Perspektive einer weiblichen Figur, die sich mit Dingen konfrontiert sieht, mit denen ich mich in meinem Leben als Frau auch konfrontiert sehe», sagt hingegen Buchbloggerin Mira Konrad. Für sie liegt ein wesentlicher Reiz des Genres gerade in der weiblichen Perspektive. Die Protagonistinnen kämpfen nicht nur um die Liebe, sondern auch um Selbstbestimmung und ihren Platz in einer Welt, die ihnen diesen zunächst verweigert.
Mit Drachen und Magie reale Kämpfe verhandeln
Gerade Machtbalancen seien ein zentrales Thema, sagt auch Schattmann. Die Protagonistin steht zu Beginn meist in einer machtlosen Position und erkämpft sich dann Gleichberechtigung. Das Fantasy-Genre habe Potenzial, solche Verhandlungen auszuerzählen, wie Schattmann erklärt: «Es können ganz andere Gesellschaftssysteme dargestellt oder auch völlig umgeworfen werden.»
Konrad findet in Romantasy-Büchern sogar einen sicheren Raum, um sich mit realen Problemen auseinanderzusetzen. Krieg, Gewalt und Machtkonflikte können in Fantasy-Welten auf einer abstrakten Ebene verhandelt werden.
Romantasy erzählt also nicht nur von Liebe. Die Protagonistin vereint emotionale und körperliche Stärke mit ihrem Begehren und beweist, dass dies kein Gegensatz sein muss.
Jungfrau in Not oder Subversion?
Doch Romantasy ist dadurch nicht automatisch feministisch. Schattmann findet in ihrer Forschung auch konservative Muster: «Besonders wenn es darum geht, die männlichen Archetypen darzustellen.» Der mächtige Ritter auf dem weissen Pferd, der die Protagonistin rettet – diese klassische Struktur findet sich auch in heutigen Romantasy-Romanen.
Laut Schattmann hat das Genre aber Potenzial zur Subversion: «Vor allem in der queeren Romantasy ist es der Fall, dass diese Archetypen von Männlichkeit und Weiblichkeit aufgegriffen, aber auch abgeändert und unterlaufen werden.» Heteronormative Beziehungsmuster würden aufgebrochen und neue Beziehungsformen erkundet.
Die Sache mit den Sexszenen
Auch explizite Sexszenen gehören häufig zur Romantasy – sie seien aber nicht definierend. «Romantasy ist definitiv ein Ort, an dem auch sexuelle Fantasien erforscht werden können», sagt Schattmann. Doch die offene Darstellung von weiblicher Sexualität könne auch Grund für Vorurteile sein: «Weibliche Sexualität ist immer noch ein Tabuthema in sehr vielen Gesellschaften, und Romantasy wird oft als Smut oder Pornografie abgestempelt.»
Schattmann beobachtet hier einen Unterschied zwischen den Geschlechtern: «Fantasy, die von Männern geschrieben wurde und genauso viel oder mehr sexuelle Inhalte hat, wird dann als grossartige Literatur bezeichnet.»
Zudem wird der Begriff «Romantasy» häufig als Marketing-Kniff verwendet. Weil das Genre boomt, werden teilweise auch Bücher als Romantasy verkauft, die der inhaltlichen Definition nur bedingt entsprechen.
Die Schattenseiten des Hypes
Laut Schattmann ist dies für die Erwartungen der Lesenden problematisch: Wer ein Buch als Romantasy kauft, erwartet schliesslich eine Liebesgeschichte mit Happy End – fällt diese aus, können die Lesenden enttäuscht sein.
Wie stark Geschlechterbilder und Genre-Erwartungen den Buchmarkt prägen, zeigt sich laut Buchbloggerin Konrad auch an anderer Stelle. Sie spricht hier von einem langjährigen Problem in der Branche: «Es führt auch dazu, dass manche Autorinnen sich gezielt Pseudonyme aussuchen, die auf den ersten Blick männlich wirken.» Die US-Amerikanerin Margaret Astrid Lindholm Ogden ist dafür ein Paradebeispiel. Sie schreibt unter dem gezielt geschlechtsneutralen Pseudonym Robin Hobb epische Fantasy, ein eher männlich dominiertes Genre.
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Bild 1 von 3. Die Autorin Margaret Astrid Lindholm Ogden schreibt unter dem Pseudonym «Robin Hobb». Bildquelle: IMAGO/ZUMA Press.
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Bild 2 von 3. J. K. Rowlings Verlag hatte ihr zu den Initialen geraten, um ihr Geschlecht zu verschleiern. Man war unsicher, ob sie als weibliche Autorin eine junge männliche Leserschaft ansprechen würde, für die «Harry Potter» zuerst vermarktet wurde. Bildquelle: Getty Images/Stuart C. Wilson.
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Bild 3 von 3. Rebecca Kuang veröffentlicht ihre Bücher je nach Markt unter R. F. Kuang oder Rebecca F. Kuang. Bildquelle: Getty Images/Roberto Ricciuti.
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Hinter der Debatte um Romantasy steckt eine grössere Frage: Wer entscheidet, welche Geschichten als anspruchsvoll gelten und welche als Kitsch? Die Abwertung weiblich konnotierter Literatur habe Tradition, so Schattmann: «Historisch gesehen wurde etwas, das weiblich konnotiert ist, oft eher als trivial abgestempelt.»
Romantasy deckt Muster auf
Vor diesem Hintergrund lässt sich auch Denis Schecks Urteil über «Fourth Wing» betrachten. Es sagt möglicherweise ebenso viel über traditionelle Massstäbe der Literaturkritik aus wie über die Qualität des Romans selbst.
Durch die Sozialen Medien hat sich die Deutungshoheit über Literatur teilweise verschoben. Nicht mehr nur Kritikerinnen und Kritiker entscheiden, welche Bücher Aufmerksamkeit erhalten. Auch Lesende erzeugen mit Online-Empfehlungen Nachfrage. «Fourth Wing» hätte kaum Millionen begeistert, wären alle Schecks Urteil gefolgt.
Romantasy ist damit mehr als ein Buchtrend. In Geschichten über Drachen, begehrenswerte Krieger und grosse Gefühle verhandeln junge Lesende Macht, Sexualität und Selbstbestimmung. In Romantasy finden sie nicht nur ihre eigene Lebenswelt widergespiegelt, sie finden gleichzeitig eine Gemeinschaft aus Gleichgesinnten.
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