Steigende Zinsen sprengen Frankreichs Haushalt, während die politischen Extreme den Menschen unerfüllbare Versprechungen machen
Hoch verschuldet, politisch in einem Patt der Extreme gefangen, regiert von einer Regierung ohne Mehrheit im Parlament: Das sind die Stichworte zum Zustand Frankreichs. Wenn die Minderheitsregierung als Reaktion auf die landesweiten Proteste bis 2030 vier Milliarden Euro an Krediten mit vergünstigtem Zinssatz für die Sanierung von Schulen bereitstellen und die Universitäten bis 2029 eine Milliarde Euro erhalten sollen, geht es um Geld, das der Staat eigentlich nicht hat. Frankreichs Schulden liegen bei rund 120 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Zum Vergleich: Deutschlands Schuldenquote beträgt trotz des 600-Milliarden-Euro-Pakets für Infrastruktur und Verteidigung bei rund 65 Prozent.
Deutschland verfügt als Schuldner weiterhin über die Bestnote AAA. Frankreich wird dagegen je nach Ratingagentur mit AA, A+ oder Aa3 bewertet. Während Deutschlands Ausblick durchweg als stabil gilt, bewerten mehrere Agenturen Frankreichs Perspektive negativ.
Deshalb muss die Regierung in Paris höhere Zinsen zahlen als Berlin. Dieser Risikoaufschlag, der sogenannte Spread, gegenüber deutschen Bundesanleihen, ist so hoch wie seit der Finanzkrise nicht mehr. Für zehnjährige Anleihen zahlt Frankreich knapp 1,6 Prozent mehr Zinsen als Deutschland.
Fieberthermometer für Frankreichs Finanzen
Der Spread fungiert wie ein Fieberthermometer der Anleihemärkte, erklärt Friedrich Heinemann, Ökonom am Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim. "Dieses Fieber-Thermometer zwingt dann zur Umkehr. Wenn der Spread zu stark steigt, dann kommen auch die französischen Finanzierungsbedingungen unter Druck und jeder, der in Frankreich Kredit braucht, muss höhere Zinsen zahlen. Dann kommen die Banken in die Bredouille und die Krise spitzt sich immer weiter zu", so Heinemann im Interview mit der DW. "Das könnte dann in Richtung einer Finanzkrise schlittern und die signalisiert dann auch dem Letzten: So geht es nicht weiter, wenn ihr nicht einen wirklichen ökonomischen Kollaps in Kauf nehmen wollt."
Landry Charrier glaubt nicht an ein schnelles Ende der französischen Schulden-Party. "Die Franzosen wissen um die hohe Staatsverschuldung. Doch Schulden bleiben abstrakt, solange ihre Folgen im Alltag kaum spürbar sind. Laut INSEE (Französische Statistikbehörde, d. Red.) erhalten 56 Prozent der Bevölkerung mehr an staatlichen Leistungen und Dienstleistungen, als sie an Steuern und Abgaben zahlen. Die Mehrheit hat also ein handfestes Interesse am Status quo", sagt Charrier, der am Center for Advanced Security, Strategic and Integration Studies der Universität Bonn forscht, im Interview mit der DW. Frankreich gibt seit mehr als einem halben Jahrhundert regelmäßig mehr aus, als es über Steuern einnimmt. Einen ausgeglichenen Staatshaushalt gab es zuletzt 1974.
Erinnerung an die Euro-Krise
Einen ähnlich hohen Risikoaufschlag zahlte Frankreich zuletzt Ende 2011 während der Euro-Schuldenkrise. Bemerkenswert ist vor allem die Geschwindigkeit des Anstiegs: Seit Juni 2026 hat sich der Spread zu deutschen Anleihen mehr als verdoppelt. Ursache ist weniger das allgemeine Zinsniveau als die steigende Risikoprämie für hohe Schulden, politische Instabilität, große Haushaltsdefizite und die jüngsten Unruhen.

Je höher die Zinsen, desto größer wird der Anteil des Staatshaushalts, der allein für den Schuldendienst aufgewendet werden muss. Frankreich zahlt 2026 voraussichtlich mehr als 79 Milliarden Euro Zinsen auf seine gesamte öffentliche Verschuldung. Für 2027 werden über 91 Milliarden Euro erwartet, bis 2030 könnten es 125 bis 132 Milliarden Euro sein. In diesen Zahlen sind die Kosten für Sozialversicherungen und Gebietskörperschaften enthalten. Die bloße Zinslast des Zentralstaats veranschlagt die staatliche Schuldenagentur Agence France Trésor aktuell mit 62,6 Milliarden Euro.
Frankreich muss in den kommenden Jahren viele alte Anleihen refinanzieren, die noch zu historischen Niedrigzinsen ausgegeben wurden. Gleichzeitig erfordert das hohe Haushaltsdefizit eine zusätzliche Schuldenaufnahme.
Bleiben die Renditen auf dem aktuellen Niveau, könnten die Zinskosten 2030 auf bis zu 130 Milliarden Euro steigen. Die etwas niedrigere Prognose von 125,8 Milliarden Euro basiert auf dem Haushaltsentwurf von Premierminister Sébastien Lecornu für 2027. Dieser sieht Einsparungen von 54 Milliarden Euro vor, um das Defizit von 5,4 auf 5,0 Prozent des BIP zu senken, findet jedoch bislang keine Mehrheit im Parlament.

Warnschuss für Deutschland
Der Trend steigender Zinskosten betrifft auch Deutschland. Friedrich Heinemann hat berechnet, dass die deutschen Zinsausgaben bis Anfang der 2030er Jahre stark steigen dürften. "Allein für den Bund, der bislang rund 30 Milliarden Euro gezahlt hat, wird sich das in wenigen Jahren verdreifachen, weil Schulden und Zinsen steigen. Und dann geht das weiter als 90 Milliarden. Dann sind 100 Milliarden Euro allein an Zinszahlungen im Bundeshaushalt nicht mehr weit entfernt", warnt der Mannheimer Ökonom.
In Frankreich scheinen wirtschaftliche Fakten jedoch wenig politische Wirkung zu entfalten. Sowohl das rechte Rassemblement National (RN) als auch die linke La France insoumise (LFI) werben mit kostspieligen Versprechen. Marine Le Pen etwa will eine Rückkehr zum Renteneintritt mit 62 Jahren und verspricht gleichzeitig Einsparungen von 140 Milliarden Euro. Jean-Luc Mélenchon schlägt sogar vor, von der französischen Zentralbank gehaltene Staatsanleihen "ins Feuer zu werfen". Der LFI-Gründer behauptet: "Niemand wird jemals merken, dass sie verschwunden sind."

"Märchen von links und rechts"
Für Friedrich Heinemann ist das "ein gutes Beispiel dafür, dass da radikale Parteien am rechten und am linken Spektrum unterwegs sind, die einfach nur noch ökonomische Märchen erzählen." Der gemeinsame Nenner sei, "es gibt einen Weg aus der Misere, der ohne Konsolidierung und Einschnitte auskommt."
Landry Charrier ist überzeugt, dass viele Franzosen den Ernst der Lage noch nicht erkannt haben: "Der Euro hat Frankreich den Zugang zu günstiger Finanzierung erleichtert und den Anpassungsdruck lange gedämpft", betont der Frankreich-Experte. "Früher machten Abwertungen (der französischen Währung Franc, d. Red.) wirtschaftliche Ungleichgewichte unmittelbar spürbar - durch Kaufkraftverluste und steigende Preise. Heute fehlt dieses Warnsignal. So entstand die Illusion, notwendige Korrekturen ließen sich dauerhaft aufschieben."
Schuldenkrise in Frankreich: Sparen oder neue Schulden?
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