Regisseur über Polarisierung in den USA: „Den Leuten steht das Wasser bis zum Hals“

Filmemacher Tim Boehme zeigt in seiner Doku „Under Pressure“, wie gespalten die Gesellschaft in den USA ist. Trump habe das Land nachhaltig verändert.
taz: Tim Boehme, was haben die Midterms in den USA mit uns zu tun?
Tim Boehme: Grundsätzlich hat das, was in den USA passiert, auch Auswirkungen auf uns. Ein Beispiel ist der Krieg im Iran. Auf der anderen Seite sind wir nur Zuschauer, weil wir nicht viel Einfluss auf die Wahlen haben. Und dann stellt sich natürlich auch die Frage, inwiefern Trump eine eventuelle Wahlniederlage überhaupt akzeptieren würde.
Bild: Thomas Mauch
Im Interview: Tim Boehme
ist Dokumentarfilmer, Regisseur und Kameramann und lebt in einem Dorf bei Kiel. Er wuchs in den USA auf und studierte an der University of Wisconsin. Seit 2007 dreht er unter anderem in USA-Dokumentationen für Arte. Sein Kinofilm „Die Heimreise“ wurde 2020 als beste NDR-Dokumentation ausgezeichnet.
taz: Warum heißt Ihre aktuelle Dokumentation über die Spaltung der USA „Under Pressure“?
Boehme: Weil die Gesellschaft in den USA unglaublich unter Druck steht. Den Leuten steht das Wasser bis zum Hals. Die Leute wissen nicht, wie sie ihren Treibstoff bezahlen sollen, wie sie ihre Stromrechnung bezahlen sollen, die Gesundheitsrechnungen sowieso. Das betrifft nicht mehr nur die Armen, sondern ist mittlerweile auch ein Problem der Mittelschicht. Es ist nicht einfach, dort zu leben. Es sei denn, man ist richtig schön reich. Ich habe über ein Jahr Menschen aus Washington D. C. und West Virginia begleitet. An diesen beiden Orten lässt sich die Spaltung des Landes gut dokumentieren.
„Under Pressure“ im Kino
Dokumentarfilm „Under Pressure – A deep rift through the USA“, Regie: Tim Boehme, Deutschland 2025, 93 Min.
Vorführungen in Kiel: Do, 29.10., 19.30 Uhr, Metro Kino im Schloßhof; in Hamburg: Mo, 2.11., 19 Uhr, Zeise Kinos
taz: Wonach haben Sie die Protagonist:innen des Films ausgewählt?
Boehme: Mein erster Kontakt war ein Künstler aus Washington D. C., den habe ich über eine deutsche Zeitung entdeckt, so hatte ich einen Fuß in der Tür. Mich hat interessiert, wie weit ich von Washington D. C. fahren muss, bis ich die liberale Mentalität nicht mehr spüre. Nach zweieinhalb Stunden Autofahrt nach Westen ist man in einer ehemaligen Kohleförderregion in Piedmont in West Virginia. Diese ganze Macht und das Geld aus Washington D. C. sind da einfach nicht mehr zu erkennen.
taz: Hatten die Menschen in West Virginia Lust, mitzumachen?
Boehme: Ich hatte schon telefoniert und gemailt, aber eigentlich nie was gehört. Vor Ort wurde ich wirklich nett empfangen und es gab eine Highschool, die zu einer Kirche umgebaut worden war. Das war sehr interessant.
taz: Gab es während der Dreharbeiten Schwierigkeiten?
Boehme: Es war gar nicht so einfach, Experten zu gewinnen. Viele sind sehr beschäftigt und wollen sich zum Thema Trump nicht äußern. Noch schwieriger war es, mit Leuten zu sprechen, die ihren Job beim Staat verloren hatten. Viele hoffen, ihre Arbeit doch noch wiederzubekommen. Bei der Einreise hatte ich am Anfang auch ein ungutes Gefühl. Ich hatte mich mental darauf vorbereitet, nicht hereingelassen zu werden. Als Journalist, und gerade wenn man Kameraequipment mitbringt, wird man immer genaustens befragt. Am Ende gab es aber keine Probleme.
Mich hat interessiert, wie weit ich von Washington D. C. fahren muss, bis ich die liberale Mentalität nicht mehr spüre.
taz: Warum wollten Sie einen Film in den USA machen?
Boehme: Ich bin in den USA groß geworden. Mit 11 sind wir von Deutschland nach Wisconsin ausgewandert, meine Mutter, mein kleiner Bruder und ich. Bis ich 25 war, habe ich dort gelebt, insofern ist mir das Land sehr nah. Ich habe 2024 schon einmal einen Film zur Wahl in Wisconsin gemacht, „Under Pressure“ ist das Nachfolgeprojekt. Vielleicht mache ich zur Präsidentschaftswahl 2028 noch einen dritten.
taz: Was hat Sie in Ihrer Zeit in den USA besonders zum Nachdenken gebracht?
Boehme: Wie freiheitsliebend die Menschen im Grunde sind. Die sind sich wirklich irgendwie alle einig, dass der Staat sie am liebsten in Ruhe lassen soll, damit sie das machen können, was sie wollen. Was mich zum Nachdenken bewegt, ist die Frage, wie es weitergeht. Wie kommen wir wieder auf einen gemeinsamen Nenner? Ich glaube nicht, dass das mit Trump einfach vorbei ist.
taz: Was hat Ihnen Hoffnung gegeben?
Boehme: Trotz der Härte in der Diskussion sind die Menschen wahnsinnig hilfsbereit. Die haben viel schlechte Presse über sich und die Republikaner gelesen. Trotzdem wurde ich sehr herzlich aufgenommen, und ich glaube, am Ende wird die Freundlichkeit wieder die Oberhand bekommen.
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