Festival im Hebbel am Ufer: Die Herzensbrecher

Das Berliner Performancefestival Love is a Verb setzte sich mit der Kraft der Liebe auseinander. Die Stücke gaben Einblick in neue Formen von politischem Theater.
Über dem Eingang des HAU 1 hängt Anfang Oktober ein riesiges Stoffbanner. Es zeigt eine Frau, die mit ihrem Schwert einen Drachen tötet. Die Illustration stammt von der afghanischen Künstlerin Kubra Khademi, die einen persischen Mythos feministisch umgedeutet hat: Der männliche Drachentöter wird zur Kämpferin, die sich patriarchaler, religiöser und politischer Gewalt entgegenstellt und damit die Stoßrichtung von Love is a Verb am Berliner Theater Hebbel am Ufer vorgibt. Laut dem Motto der zweiten Festivalausgabe „We, the Heartbroken“ geht es darin um Herzschmerz und Liebeskummer, aber über den persönlichen Verlust hinaus. Die Frage lautet: Wie kann man in Zeiten von rechten Angriffen, Krieg und Klimakrise handlungsfähig bleiben? Um dies zu ergründen, hat das Orgateam Künstler*innen aus der ganzen Welt eingeladen.
Eine der berührendsten Arbeiten kommt von der eingangs erwähnten Kubra Khademi, die nicht nur malt, sondern auch töpfert und als Performerin auftritt. In ihrer Installation „Afghan Women“, die sie zusammen mit dem französisch-afghanischen Filmemacher Mortaza Behboudi entwickelt hat, sieht man Khademi im Hau 3 vor einer langen Essenstafel mit Rosen, getrockneten Mohnkapseln und Keramik knien. Gefäße mit arabischer Schrift stehen da, aus manchen Tellern ragen Brüste oder spitze rote Zungen. Khademi, die ein Gewand aus Organza und lange offene Haare trägt, hält sich die meiste Zeit im Hintergrund. Das Hauptaugenmerk liegt auf dem Film.
Durch die beiden Bildschirme an der Wand blickt man wie durch zwei Fenster auf die Straßen von Kabul. Behboudi und sein Kamerateam haben drei Frauen begleitet, die von ihrem Leben unter der Herrschaft der Taliban erzählen. Da ist Laila, die Mädchen in ihrer Untergrundschule beibringt, wie sie aus leeren Patronenhülsen Schmuck herstellen. Die ehemalige Lehrerin Narges, deren Mann plötzlich verhaftet wurde, und Souhaila, die Rapperin. Ihre Lyrics untermalen die bedrückenden Bilder. Statt der Gesichter der Frauen sieht man Männer mit Maschinengewehren, Vogelkäfige, Schnee.
Liebe und Menschlichkeit entgegensetzen
Zu Gast ist auch die Autorin Ece Temelkuran, die die Türkei 2016 aus Angst vor Repressalien verlassen musste und seitdem über den Zerfall von Demokratien und den Verlust von Heimat schreibt. Temelkuran sagt: „Die Politik muss sich mehr um die Emotionen der Menschen kümmern.“ Wenn die Rechten das Angstzentrum bedienen, müssten Linke ihnen Liebe und Menschlichkeit entgegensetzen. Als gelungenes Beispiel nennt sie die Politik von Mamdani und Eralp. Der Vorwurf des Antisemitismus sei für sie ein Ablenkungsmanöver, um die Vergesellschaftung von Wohnungen zu verhindern.
Bei „Cabaret Heartbreak“ wird es dann richtig voll. Vor der Tür unterhält sich ein Pärchen, sie Katzenohrenmütze, er futuristische Designerturnschuhe, angeregt auf Englisch. Ein paar Meter weiter bindet sich eine junge Frau ihre Kufiya wie eine Schärpe um. Die Stimmung im Publikum ist politisiert, aber nicht unfreundlich. Durch den Abend führen Dragqueen Olympia Bukkakis, die in der Vergangenheit die Berliner Israelpolitik kritisiert hat, und Schauspielerin Thelma Buabeng. Sie sind schlagfertig und sehen glamourös aus. Vor allem das Kleid von Bukkakis, das vorne aus Volants und hinten aus einem eng geschnürten Korsett besteht, wird lautstark bewundert.
Thematisch sind die Kabarett-Nummern an die sieben Phasen der Trauer angelehnt. Es wird geschwiegen, geschrien und gelacht. Mutig ist die Performance „Buttox Antiphon“ von Aba Naia, bei der zwei nackte Hintern miteinander streiten, Stichwort: Jede*r ist ein Arschloch. In einer anderen Nummer erzählt der in Berlin lebende israelische Künstler Ariel Efraim Ashbel die Geschichte vom Turmbau zu Babel. Dessen Scheitern sei Nobelpreisträgerin Toni Morrison zufolge ein großes Glück gewesen, weil es die Menschen dazu gezwungen habe, sich mit ihrer Verschiedenartigkeit auseinanderzusetzen.
Unterschiedliche Charaktere sind auch die beiden Performerinnen Rébecca Chaillon und Sandra Calderan, die ihr autobiografisches Stück mit dem Titel „Der Lesbengarten“ lose an Tschechows berühmten „Kirschgarten“ angelehnt haben. Nur wollen sie gerade nicht an der Vergangenheit festhalten. Sie wollen eine Zukunft. Dafür baut Calderan im Hau 2 aus Bauklötzen Häuser und holt Chaillon, die auch im echten Leben ihre Freundin ist, mit einem Spielzeugtraktor ab. Später richten sich die beiden mit einem Plattenspieler und Marienstatuen, die sie Dyke-Seeds nennen und gießen, im Patchwork-Chaos häuslich ein. Dazu gehört für sie auch ein Solidaritätsplakat mit Palästina. Ohne Kommentar klebt Calderan es an einen Lautsprecher. Es scheint, als hat das Festival an gewissen Abenden eine politische Schlagseite.
Rébecca Chaillon, die in einem Pariser Vorort aufgewachsen ist und deren Vorfahren aus Martinique stammen, hat es mit ihren radikalen Performances bis in die New York Times geschafft. Gegen den Einsatz von Putzmitteln auf nackter Haut, wie in einer früheren Performance, wirken der hier eingesetzte Tapetenkleister und die Blümchentapete geradezu harmlos. Später wird es dann aber doch noch etwas heftiger, als sie sich mithilfe ihrer Partnerin, die es nach eigener Aussage gar nicht so extrem mag, von einer abgetrennten Rinderzunge lecken lässt. Die Anspielungen an diesem Abend reichen von der feministischen Horrorstory „Die gelbe Tapete“ bis zur Tradewife-Szene. Die Monologe sind von großer literarischer Qualität. Bemerkenswert auch die schonungslose Offenheit der beiden Frauen und ihr liebevoller Humor. Der Subtext: Auch queere Beziehungen sind nicht perfekt, aber können unter Umständen das Zeug zur Utopie haben.
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