RTP DesportoAcadémico de Viseu - Vitória GuimarãesESPN DeportesAryna Sabalenka vs. Elena Rybakina: a qué hora juegan y por dónde ver en vivo la finalThe Jerusalem PostMilan's Jewish woman describes what it's like to be Jewish amid rising antisemitism - interviewESPNFollow live: USA locked in tight battle with Spain in FIBA semifinalוואלהשריפה פרצה סמוך ל"ביג פאשן" בירכא3DNewsBlizzard неожиданно анонсировала Diablo V — игра выйдет весной 2029 годаالشرقالعراق يعلن ضبط منصة الصواريخ المستخدمة في استهداف خط الأنابيب بالسعوديةSRF NewsJoker Ajeti sticht – Kein Sieger im Spitzenkampf: Lugano hält YB auf DistanzХабрУченые создали Душегуб из Cyberpunk 2077. Первой ее жертвой оказался самец дрозофилов, давайте посмотрим ее энграммуThe Sydney Morning HeraldAre we in World War III, and just don’t know it?Straits Times SportShelton bids to end US men's major drought in final with ZverevANSAVenezia, il Leone d'oro a 'Woman Unkown', il premio della Giuria a 'Naza', Coppa Volpi a Arcel e Malkovich
The Daily Newsstand · Free, Always
Saturday, September 12, 2026

Sachsen-Anhalt nach den Wahlen: Ach, wäre es nur ein Es-könnte-mal-Land

Translate

Wie es jetzt weitergehen soll, fragen sich viele in Sachsen-Anhalt. Beim Festival Osten und im Jugendclub 83 versucht man nach vorne zu blicken.

A ljoscha Begrich muss jetzt erst mal die Sache mit den Fahrrädern klären. Er ist mit zwei Künstlerinnen verabredet, die ab Samstag hier ausstellen, aber die beiden haben ihre Räder verloren. Im Zug abgestellt, kurz rausgetreten, der Zug fuhr los, mit Rädern, ohne Künstlerinnen. Und ohne Rad ist man hier, im Landkreis Wittenberg, aufgeschmissen.

„Kriegen wir hin“, sagt Begrich ins Telefon. Es gibt schließlich genug Räder auf dem Festivalgelände. Alle sind hier mit Klapprädern unterwegs, Original Mifa zum Teil, das gute DDR-Modell.

Das Festivalgelände liegt in Zschornewitz, 2.400 Einwohner:innen, Ortsteil von Gräfenhainichen, Ost-Sachsen-Anhalt, kurz vor Bitterfeld. Um hierherzukommen, braucht man ein Auto oder eben ein Fahrrad. Vom nächstgelegenen Bahnhof sind es fünf Kilometer: erst auf die Rosa-Luxemburg-Straße, rein in die Leninstraße, Straße des Friedens, vorbei an dem KI-generierten Protestplakat gegen die „Lärmbelästigung durch die Windindustrieanlagen“. Und damit ist klar, wo wir hier sind. Dann steht man vor den eisernen Toren des einst leistungsstärksten Braunkohlekraftwerks der Welt: Kraftwerk Zschornewitz.

Wetten, die Demokratie gewinnt?

Nach den Wahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern droht erstmals eine AfD-Regierung. Die taz be­rich­tet, was auf dem Spiel steht – und wer jetzt die Demokratie verteidigt. Alle Texte zur Serie finden Sie hier.

Das Kraftwerk ist längst stillgelegt, große Teile sind abgerissen. Wo früher Energie für die halbe DDR produziert wurde, ist heute vor allem Wiese. Am Samstag geht’s hier los mit dem Festival Osten, Untertitel: Festival für Kunst und gegenseitiges Interesse. 100 Künstler:innen, Theater, Installationen, Filme, Lesungen, Konzerte, Workshops, Tanz, Gespräche. Motto dieses Jahr: „Kraftwerk Zukunft“. Aber welche Zukunft eigentlich, wo in diesem Bundesland gerade 44 Prozent eine Partei gewählt haben, die zurück in die Vergangenheit will?

Wirklich blühende Landschaften

„Guck dich um“, sagt Aljoscha Begrich und breitet seine Arme aus. „Hier sind blühende Landschaften.“ Es ist Dienstag, Tag zwei nach den Landtagswahlen, und Begrich läuft über das Festivalgelände. Er meint das ernst mit den blühenden Landschaften: „Diese Region ist das Musterbeispiel für die ökologische Transformation. Hier ist etwas gelungen, was vor 30 Jahren niemand für denkbar gehalten hat.“

Bitterfeld war einmal die schmutzigste Stadt Europas. Erst wurde Braunkohle abgebaut, dann entstand einer der größten Chemiestandorte der DDR. Nach der Wende verloren Zehntausende ihre Jobs, Fabriken gammelten auf verseuchten Böden vor sich hin. Mit dem Rückbau begann die Renaturierung, heute gibt es Badeseen, die Wälder sind grün. Selbst der CDU-Ortsbürgermeister verteidigt stolz die Windräder in der Gegend. Sie bringen Geld in die Gemeinden und sauberen Strom.

Und trotzdem ist Bitterfeld eine AfD-Hochburg. Knapp 50 Prozent haben der Partei hier ihre Stimme gegeben.

Das Festival sorgt für Wollbeschäftigung in Sachsen-Anhalt

Aljoscha Begrich ist Kurator des Festivals, nennt sich aber lieber Dramaturg, er kommt vom Theater. Geboren und aufgewachsen ist er bei Magdeburg, heute lebt er in Berlin, hat aber eine Wohnung und ein Büro bei Bitterfeld. Er stammt aus einer Art ostdeutschem Zivilgesellschaftsclan, die Eltern sind Theologen, die Cousins arbeiten beim Magdeburger Demokratieverein Miteinander e. V..

Begrich hat bei der Ruhrtriennale gearbeitet und am Maxim Gorki Theater in Berlin. Das Festival hat er mit zwei Kol­le­g:in­nen vor sechs Jahren erdacht. Als „Ruhrtriennale des Ostens“ haben sie es dem damaligen CDU-Kulturminister Rainer Robra vorgestellt, der sei begeistert gewesen.

Politische Spielräume für Kunst werden enger

Zweimal fand es seitdem statt. Im Sommer 2024, rund um die Europawahl, bespielten Begrich und sein Team die ehemalige Feuerwache der Stadt und mussten feststellen, dass die politischen Spielräume für Kunst in Sachsen-Anhalt enger werden. Ein lokaler AfD-Politiker zeigte Begrich wegen eines Kunstwerks an, ein AfD-naher Bürgerverein fordert den Abbruch des Festivals, ein rechter Autokorso störte das Festival, internationale Künst­le­r:in­nen fühlten sich unsicher, und am Ende zeichnete sich ab, dass das Festival nicht wieder auf städtischem Gelände stattfinden könne.

Begrich und sein Team haben Konsequenzen gezogen: In diesem Jahr sind sie auf Privatgelände, eröffnet wird das Festival erst nach der Wahl, finanziert vor allem von privaten Stiftungen und aus EU-Geldern. Der Anteil, den das Land dazugibt, ist gering.

Begrich steht jetzt in einer riesigen Halle und muss schreien. Hinter ihm sägen Bau­ar­bei­te­r:in­nen Holzbalken auseinander. Sie bauen eine riesige Rampe für ein Projekt, das „Wollbeschäftigung“ heißt. Drei Tonnen Schafswolle liegen in großen Säcken in der Halle herum. Die Fes­ti­val­be­su­che­r:in­nen sollen sie kämmen, filzen, färben und zu Teppichen verarbeiten. Klingt eher nicht nach dem, was sich ein etwaiger AfD-Kulturminister unter Kunst vorstellen dürfte. „Doch, klar“, sagt Aljoscha Begrich und grinst. „Schafzucht ist deutsche Tradition, Handwerk, Patriotismus.“

Fünfzehn Kilometer weiter westlich: In einem Plattenbaugebiet im Norden von Bitterfeld-Wolfen befindet sich der Jugendclub 83. Er ist einer von mehreren Orten hier, mit dem das Festival kooperiert. Die Wände sind mit Graffiti besprüht, an einer Tür hängt eine Übersicht darüber, was die Parteien für Kinder und Jugendliche erreichen wollen.

Lernen, dass man zusammen etwas schaffen kann

Zusammen mit dem Festivalteam hat der Jugendclub Projektgelder eingeworben. Damit wird eine Mitarbeiterin finanziert, die mit den Kindern Stadtteilspaziergänge macht. Gemeinsam schauen sie, was den Kindern in ihrer Umgebung fehlt, und bauen es wenn möglich selbst. Hochbeete haben sie errichtet und aus Paletten eine mobile Bar. Sie soll auch während des Festivals zum Einsatz kommen. „Den Kindern war wichtig, dass die Bar behindertengerecht ist“, sagt die Sozialarbeiterin Cornelia Geißler, also sei der Tresen abgesenkt. „Die Kinder lernen: Meine Wünsche sind wichtig, wir alle zusammen können sie umsetzen.“ Dieses Gefühl bleibe für die Ewigkeit.

Cornelia Geißler arbeitet bereits seit 1989 mit Jugendlichen. Sie hat vor 21 Jahren den Verein gegründet, der den Jugendclub 83 heute trägt. Sie sitzt im Jugendhilfeausschuss der Stadt und hat das Programm „Schulen ohne Rassismus“ koordiniert, dem die AfD in Sachsen-Anhalt nun die Unterstützung streichen will. Sie kann von den 1990er Jahren erzählen, als linke Kids Punkkonzerte und rechte Kampfsportevents veranstaltet haben. Jugendsozialarbeit ist Geißlers Lebensthema.

wochentaz

Dieser Text erschien zuerst in der wochentaz, unserer Wochenzeitung von links!

In der wochentaz geht es jede Woche um die Welt, wie sie ist – und wie sie sein könnte. Eine linke Wochenzeitung mit Stimme, Haltung und dem besonderen taz-Blick auf die Welt. Jeden Samstag neu am Kiosk und natürlich im Abo.

Fragt man sie, was sie vom Wahlausgang hält, steigen ihr die Tränen in die Augen. „Es macht mich traurig, dass wir es offenbar nicht geschafft haben, zu vermitteln, wie wir leben wollen.“ Sie wisse nicht mehr, ob sie und ihre die AfD wählenden Mitmenschen noch dieselbe Sprache sprächen. „So weit erst mal“, sagt Geißler und schluckt. „Alles andere wäre nur heulen.“

Vielen, die sich in Sachsen-Anhalt für ein demokratisches Miteinander engagieren, geht es ähnlich. Sie sind verzweifelt und erschöpft. Sie sind enttäuscht, dass all ihr Engagement die AfD nicht stoppen konnte, und haben Angst vor der Zukunft. Viele haben auch ohne AfD-Ministerpräsidenten längst erfahren, wie die Partei sie gängeln kann. Auch Cornelia Geißler.

„Aufgeben ist keine Option.“

Anfang des Jahres hat die Bitterfelder AfD Stimmung gegen den Jugendclub 83 gemacht. Mit den Stimmen einzelner CDUler stimmte der Stadtrat schließlich für einen Antrag der AfD, der vorsieht, weniger Geld für das Bundesprogramm „Demokratie leben!“ auszugeben. Der Verein, der den Jugendclub 83 betreibt, musste Projekte streichen, darunter einen Tanzkurs in der Förderschule und das Verlegen von Stolpersteinen. Der Jugendclub selbst war davon nicht betroffen.

Aber Geißler macht sich keine Illusionen. Der Jugendclub-Verein ist zu 90 Prozent aus öffentlichen Geldern finanziert. „Wenn das Geld wegfällt, dann müssen wir es eben woandersher kriegen“, sagt Geißler, jetzt wieder kämpferisch. „Aufgeben ist keine Option.“ Deswegen ist sie so glücklich über die Kooperation mit dem Festival Osten.

Am nächsten Morgen, Mittwoch, Tag 3 nach der Landtagswahl, steigt eine alte Frau in der S-Bahn hinter Wittenberg zu. Sie geht an Stöcken, ungefragt erzählt sie ihre Leidensgeschichte: Knie-OP, Ärztepfusch, Herz-OP, jetzt falle ihr das Laufen schwer. Was sie zur Wahl denke? „War doch klar, dass die AfD gewinnt, Merz braucht sich nicht wundern, der lügt und betrügt doch nur.“ Und die AfD, die betrügt nicht? „Ach naja“, sie schnauft. Sie selbst hätte gern AfD gewählt, hat es aber nicht ins Wahllokal geschafft. „Das Knie. Leider.“

Im Festivalbüro versucht Sara Dillgen derweil, ei­ne:n Fit­ness­trai­ne­r:in zu finden. Dillgen ist Teil des Festivalteams, sie lebt bei Bitterfeld-Wolfen. Den Fitnesstrainer braucht sie für eine Kunstaktion: In der Maschinenhalle stellt die Künstlergruppe Rimini Protokoll Fitnessgeräte aus. Wenn man sie nutzt, erzeugen sie einen Ton. Benutzen mehrere Menschen mehrere Geräte, entsteht eine Livesymphonie. Sara Dillgen hat ihre Kontakte genutzt, ihre Mail ging an mehr als 30 Fitnessfreaks in der Region. Aber niemand hat sich zurückgemeldet. „Da frag ich mich schon, ob die Leute mittlerweile zu uns auf Abstand gehen, weil wir irgendwie als links wahrgenommen werden.“

Angedockt bleiben an die Region

Begrich und seinem Team ist es wichtig, dass das Festival an die Region angedockt ist. Deswegen arbeiten sie auch über das Festival hinaus mit lokalen Initiativen zusammen. Mit der Diakonie haben sie eine Theatergruppe gegründet, Menschen mit Behinderungen spielen dort Puppentheater. Während des Festivals wird der Verein Mehr Demokratie e. V. im Kraftwerk Gespräche mit Be­su­che­r:in­nen moderieren. Für das stillgelegte Kino in Bitterfeld-Wolfen entwickelt die Festivalcrew gerade mit lokalen Vereinen ein Konzept, um es wiederzubeleben.

Fragt man Aljoscha Begrich, was das Zukünftigste ist, was auf dem Festival zu sehen sein wird, überlegt er lange. „Der Kartoffelacker“, sagt er dann. Zwischen den Plattenbauten im Norden von Bitterfeld-Wolfen hat das Team Kartoffeln gepflanzt. Sie sollen während des Festivals geerntet, zu Kartoffelsuppe gekocht und gemeinsam gegessen werden.

„Leute von hier erzählen oft wie von einem Es-war-mal-Land: Es war mal Industrie, es waren mal viele Leute. Ich will lieber über das Es-könnte-mal-Land nachdenken“, sagt Begrich. Die Bevölkerung von Sachsen-Anhalt schrumpfe dramatisch. Es könnte also mal viel Platz sein für die ökologische Transformation, für Utopien, Hoffnung und ein gutes gesellschaftliches Miteinander.

Nach dem Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt bangen viele Menschen um die Zukunft, es droht die erste AfD-Regierung. Das wäre eine (weitere) Zäsur für Deutschland. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

View the original on taz

KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.