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Wednesday, September 16, 2026

Unterwegs in Russland – Ein Land arrangiert sich mit der «militärischen Spezialoperation»

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Sobald Tschaikowskis Ballett «Schwanensee» in Dauerschleife im Staatsfernsehen lief, wussten die Menschen in der Sowjetunion: Jetzt ist etwas Bedeutsames geschehen.

Einst war es der Tod des Staatsführers Leonid Breschnew oder im August 1991 der Putsch einiger mächtiger Sowjet-Apparatschiks gegen den Kurs des Reformers Michail Gorbatschow. Jemand muss in diesen Zeiten der grossen Umbrüche der Regie befohlen haben: «Schwanensee» zeigen, bis wir mehr wissen.

Hoffen auf ein anderes Morgen

Heute ist dieser «Schwanensee»-Moment eher ein subversives Symbol für all jene Menschen in Russland, die eine Umkehr vom gegenwärtigen Kriegskurs ihres Präsidenten Wladimir Putin erwarten. Es ist die Hoffnung, eines Tages aufzuwachen und im Fernsehen «Schwanensee» zu sehen – und in den dann nicht mehr blockierten sozialen Medien Meldungen zu lesen, dass Russland vom Krieg ablässt und eine Annäherung an Europa und den Westen sucht.

Nur ein Wunder kann Russland retten.

Aber so richtig daran glauben tun nicht viele. «Nur ein Wunder kann Russland retten», sagt mir in der Pazifikstadt Wladiwostok der Neurologe Alexander Krinizkij auf die Frage, was in Russland geschehen müsste, um genau diese Richtungsänderung zu bewerkstelligen. Wobei er und seine Frau zuerst lange überlegten und er dann meinte: Jede offene Antwort könne eine administrative oder strafrechtliche Verfolgung zur Folge haben. Und dann landet er beim genannten Wunder.

Person in Winterkleidung geht durch verschneite Strasse mit dekorativem Geländer im Vordergrund.
Legende: Putins Russland bleibt auf Kriegskurs. Die Menschen haben gelernt, sich anzupassen. SRF

Dabei war er früher einer, der kein Blatt vor den Mund nahm. Als ich ihn 2012 traf, war er Oppositionspolitiker, dem Lager des später ermordeten liberalen Politikers Boris Nemzow nahe. Korruption und Bürokratie hemmten die Entwicklung im Fernen Osten Russlands, kritisierte er damals. Heute meint er zurückschauend: Damals habe man noch etwas bewirken können. Das sei inzwischen nicht mehr so. Die Mächtigen hören nicht auf die Menschen. Die Wahlen seien nur noch ein Zirkus.

Neue Märkte trotz Krise

Andere nutzen hier im äussersten Osten Russlands die Chancen, welche die geopolitische Neuorientierung des Landes mit sich bringt. Etwa der Autohändler Dmitrij Klatajewsskij, ein erfolgreicher Jungunternehmer. Er hat 65 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und bringt jährlich gut 1000 Autos nach Russland. Früher waren es vorwiegend japanische und europäische Modelle. Jetzt dominieren die chinesischen.

Man hat den Chinesen diesen Markt quasi geschenkt.

Für sein Geschäft sei jetzt die beste Zeit, gibt er sich zufrieden. Insgesamt haben die Chinesen in Russland klar den Automarkt übernommen. Waren es vor dem russischen Einmarsch in die Ukraine im Jahre 2022 noch weniger als 10 Prozent, sollen es inzwischen weit über 50 Prozent des Marktes sein. «Man hat den Chinesen diesen Markt quasi geschenkt», sagt der Autoimporteur.

Auch im grossen Business profitiert China von der derzeitigen Situation. Grob gesagt: Russland liefert Rohstoffe wie Gas, Öl oder Holz in grossen Mengen und oft mit Preisabschlägen nach China. Die Chinesen ihrerseits können in Russland ihre Waren und Güter verkaufen – oftmals solche, die der Westen wegen der Sanktionen nicht mehr liefert.

Eine neue Realität

Ganz viele Menschen in Russland haben sich mit «der Situation» mehr oder weniger arrangiert. «Rebellieren werden die Menschen wohl nicht. Aber Interesse, hier noch etwas zu erschaffen, hat man keines mehr», sagt Jelena, die bei einer Elektrizitätsfirma in der nordwestrussischen Industriestadt Tscherepowez arbeitet.

Wir haben uns daran gewöhnt. Wir Russen können uns an alles gewöhnen.

Wenige Tage vor unserem Besuch in dieser Stadt explodierten hier Drohnen in einem Ammoniak-Werk. Die betroffene Fabrik stelle Chemikalien her, die zur Produktion von Sprengstoffen verwendet werden können, schrieben Nachrichtenagenturen. «Wir haben uns daran gewöhnt. Wir Russen können uns an alles gewöhnen», sagt der 21-jährige Andrej – ein Essenskurier, der eigentlich gerne als Fotograf arbeiten würde.

Er stelle keine militärischen Güter her, sagt uns Wladimir Boglajew. Er ist Generaldirektor des Giesserei- und Maschinenbauwerks Tscherepowez und unterstreicht, nur im zivilen Sektor tätig zu sein. Dieser leide aber – insbesondere unter der Geld- und Kreditpolitik des Landes.

Ein verständlicher Ärger, wenn die Banken für Kredite auf einmal Zinsen zwischen 20 und 25 Prozent verlangen. Fachleute sehen darin klar eine Folge der sogenannten «militärischen Spezialoperation», wie hier der Krieg in der Ukraine genannt wird.

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  • Bild 1 von 3. Im Gespräch mit SRF kritisiert Wladimir Boglajew, dass die russische Regierung den Kontakt zur realen, zivilen Wirtschaft verloren habe. Bildquelle: SRF.

  • Bild 2 von 3. Das Leben in Russland werde immer rigider und harscher: Je tiefer man in der sozialen Hierarchie stehe, desto weniger Recht habe man, so Jelena. Bildquelle: SRF.

  • Bild 3 von 3. An die «militärische Spezialoperation» denke in Tscherepowez niemand, die Drohnen gäbe es jedoch, sagt Fahrradkurier Andrej. Bildquelle: SRF.

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Als Folge des Krieges, der Aufrüstung, des Arbeitskräftemangels und der westlichen Sanktionen ist unter anderem die Inflation angestiegen. Die Zentralbank musste daraufhin die Zinsen massiv erhöhen. Kritik am Krieg hört man von Boglajew auch in langen Gesprächen nicht.

Er spricht allerdings von äusseren Kräften, die einen Keil zwischen Europa und Russland treiben wollen. Welche das genau sind, bleibt unklar. Er hält es aber für wichtig, dass in Russland das technische Know-how erhalten bleibe.

Das Land solle auch in Zukunft eigenständig Industriegüter produzieren können. Seine Fabrik bezeichnet er als «Regiment» und «Frontabschnitt». Und damit wolle er hier mithelfen, dass Russland technologisch souverän bleibe.

Schattendasein für Kriegsgegner

Sich anzupassen ist das Motto der Stunde in Russland. Eine klare Mehrheit wünscht sich Friedensverhandlungen. Aber für viele unter ihnen wäre ein Rückzug der russischen Truppen aus den besetzten (oder wie es in Russland heisst: den «befreiten») Gebieten nicht akzeptierbar. Die Armee geniesst nach wie vor grosse Unterstützung in der Bevölkerung, wie Umfragen zeigen.

Diejenigen, die mit all dem nicht einverstanden sind, werden an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Ihre Stimmen werden nicht mehr gehört.

Kriegsgegnerinnen und Kriegsgegner sind im öffentlichen Raum kaum zu hören. Wer sich in sozialen Medien dazu äussert, geht ein grosses Risiko ein. Der russische Friedensnobelpreisträger Dmitrij Muratow sagte kürzlich in einem Interview mit der BBC, seit Beginn von Russlands «militärischer Spezialoperation» seien mindestens 1500 Menschen im Gefängnis, weil sie sich gegen die aktuelle Staatspolitik ausgesprochen hätten.

Olga Ruditsch, eine Psychologin aus der Wolgastadt Nischni Nowgorod, meint: «Diejenigen, die mit all dem nicht einverstanden sind, werden an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Ihre Stimmen werden nicht mehr gehört.» Viele würden sich isolieren. So falle die Gesellschaft auseinander, und es komme zu einer Atomisierung. Olga hat für sich die Konsequenzen gezogen. Im Sommer hat sie Russland mit zwei ihrer drei Töchter verlassen – in Richtung Georgien.

Derweil hängen in ihrer Heimatstadt wie überall im Lande nach wie vor Plakate, die Männern für den Kriegseinsatz in der Ukraine hohe Geldsummen versprechen – teils mehrere 10'000 Franken allein für die Vertragsunterzeichnung. In Nischni Nowgorod versprechen Plakate aber noch einen anderen Geldsegen: Für jedes zusätzliche Kind gibt es eine Million Rubel, rund 10'000 Franken.

Nach einem «Schwanensee»-Moment sieht es in Russland derzeit nicht aus. Präsident Putin bleibt auf seinem Kriegskurs. Und die Menschen haben gelernt, sich diesem anzupassen.

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