«Bergretter»-Drehbuchautorin plaudert aus dem Nähkästchen

- «Die Bergretter» zieht über 5 Millionen Zuschauer pro Folge auf ZDF an
- Dreharbeiten oft herausfordernd: Winterepisoden im Kaunertal bei extremen Bedingungen
- Pro Jahr entstehen sieben Folgen, begleitet von echten Bergrettern
TELE: Mit mehr als fünf Millionen Zuschauern im Durchschnitt sind «Die Bergretter» ein Quotengarant fürs ZDF. Das macht schon stolz?
Christiane Rousseau: Ich schreibe seit fast fünf Jahren für «Die Bergretter», immer wahnsinnig gerne. Es ist ein Privileg, für eine so erfolgreiche Serie zu schreiben. Zudem fühlt sich die Arbeit mit unserem Team gar nicht nach Arbeit an. Es herrscht ein tolles Betriebsklima, was nicht bei jeder TV-Produktion der Fall ist.
Was macht «Die Bergretter» in Ihren Augen so speziell?
Es ist das einzige Format, das in den Bergen spielt und einen derart hohen Action-Anteil hat. Was aber dazu führt, dass die Produktionsbedingungen oft nicht einfach sind. Die Leute stehen am Berg, im Sommer und im Winter, und frieren sich den Hintern ab. Vor allem bei den Winterfolgen, die wir im Kaunertal drehen, sind die Bedingungen oft schwierig. Das machen nur Leute, die Bock drauf haben.
Haben Sie diese schwierigen Bedingungen beim Schreiben im Blick?
Als Autorin sitze ich da in meiner warmen Schreibstube und denke mir irgendwelche aufregenden Sachen aus. Aber die Umsetzung darf beim Schreiben natürlich keine Rolle spielen. Das merke ich dann, wenn ich mal am Set bin und sehe, was für ein Aufwand betrieben wird. «Ups!», denke ich mir da schon mal: Wer hat sich denn so was Verrücktes ausgedacht? (Lacht herzhaft.)
Können Sie uns vielleicht schon verraten, was für Abenteuer diesmal auf uns warten?
Nur so viel: Markus Kofler und sein Team werden vor grosse Herausforderungen gestellt. Beruflich wie privat. Es wird extrem spannend, sehr emotional – und in einer Episode auch etwas erotisch. Wir wollen wie immer abwechslungsreich bleiben, die Geschichten unterschiedlich gestalten. Mal steht die Familie im Fokus, mal eine Liebesgeschichte. Dann kommt eine Episode actionreicher daher, dann wieder emotionaler.
Immer wieder neue Geschichten zu erzählen, ist sicher schwierig.
Als Head-Autorin habe ich die Aufgabe, darauf zu achten, dass immer alles wie aus einem Guss klingt und dennoch eine Vielfalt erhalten bleibt. Ich selbst schreibe zwei bis drei Bücher pro Staffel, die anderen übernehmen ganz tolle Kolleginnen und Kollegen. Wichtig ist, dass die Zuschauerinnen und Zuschauer nicht merken, wer welche Folge geschrieben hat.
Ein Artikel aus «Tele»
Das ist ein Beitrag aus «Tele». Das Fernsehmagazin der Schweiz taucht für dich nach den TV- und Streamingperlen.
Das ist ein Beitrag aus «Tele». Das Fernsehmagazin der Schweiz taucht für dich nach den TV- und Streamingperlen.
Wie viel Phantasie darf dabei sein?
Wir drehen den Realismus immer noch zwei, drei Stufen weiter. Es gibt Szenen, wo Markus Kofler alias Sebastian Ströbel an den Kufen des Helikopters hängt. Das passiert bei der echten Bergrettung wohl eher nicht (schmunzelt). Aber wir machen das, denn wir sind ein Actionformat, keine Doku. Wir müssen jeweils abwägen, was uns wichtiger ist: Realismus oder Unterhaltung. Und da landen wir eigentlich immer bei der Unterhaltung.
Wie entsteht ein Drehbuch: mit der ominösen leeren Seite?
Die leere Seite am Anfang ist immer schlimm, es wird auch nicht besser mit den Jahren (lächelt). Es gibt ganz unterschiedliche Herangehensweisen, bestimmt macht es auch jeder oder jede wieder anders. Bei mir ist es manchmal so, dass ich ein spezielles Motiv, etwa eine Hängebrücke sehe und mir denke, mit der müsste mal eine Folge beginnen oder enden. Oder dann lese ich einen Zeitungsartikel, ein Stichwort, eine Titelzeile und überlege mir, was für eine Geschichte ich erzählen könnte.
Erhalten Sie manchmal auch Inputs von ausserhalb?
Ja, oftmals bekomme ich auch Artikel von Freunden zugestellt, lese über Ereignisse, die sich in den Bergen ereignet haben, wie etwa, als ein Mann am Grossglockner seine Partnerin einfach hat stehen lassen. Erst mal braucht es eine Idee, dann schreibe ich als Fliesstext eine Geschichte bzw. ein Exposé. Das muss erst mal abgenommen werden, und wenn sich alle einig sind, dass die Geschichte so erzählt werden soll, dann wird das Drehbuch geschrieben.
Wann kommen Ihnen die besten Ideen: beim Spazieren, Einkaufen oder beim Rasenmähen?
Also beim Rasenmähen bisher noch nicht (lacht). Es passiert meistens beim Austausch mit dem Team – Stoffentwicklung ist auch Teamarbeit.
Worin liegt für Sie die grösste Herausforderung?
Die liegt bei einem so langjährigen Format darin, die Geschichten frisch zu halten. Dass man nicht immer wieder dasselbe erzählt, sondern neue Impulse aufnimmt. Dass man mit der Zeit geht, ohne belehrend zu sein. Dass man aus der Mitte der Gesellschaft erzählt. Eigentlich wollen wir die Leute in schöner Bergkulisse erschüttern, auch mal berühren, traurig machen oder zum Lachen bringen. Es sollen Emotionen rüberkommen. Das ist die grosse Herausforderung!
Wie lange schreiben Sie an einer einzelnen Episode?
Das ist sehr unterschiedlich. Ich brauche am längsten, um eine Geschichte zu finden. Wenn ich die dann weiss, kann ich sie auch mal in drei Wochen niederschreiben. Aber eben, das ist dann die erste Fassung, die bis Drehbeginn noch etliche Male überarbeitet wird.
Das Wetter ist ein wichtiger Faktor. Muss das Drehbuch daher oft geändert werden?
Ans Wetter muss ich beim Schreiben in der Tat immer mitdenken. Ich schreibe selten Szenen, wo es gewittert oder Nebel aufzieht, denn das auf dem Set zu bewerkstelligen, ist zu schwierig. Spielt die Szene bei Sonnenschein und es regnet dann, werden die Aufnahmen auf später verlegt. Gedreht wird ja nicht chronologisch. Im schlimmsten Fall müssen Szenen umgeschrieben werden. Das macht in der Regel der Regisseur vor Ort.
Sind Sie bei den Drehs dabei?
Dass die Autoren am Set sein müssen, ist in Deutschland selten der Fall. Das ist eher ein amerikanisches Prinzip. Ich bin ab und zu vor Ort, um ein bisschen einen Eindruck oder eine Idee zu bekommen. Zudem finde ich es wichtig, dass man sich als Autor auch mal am Set blicken lässt. Aber brauchen tut mich da keiner (lacht).
Aufgewachsen sind Sie im oberbayerischen Ingolstadt. Sie hatten die Alpen zwar nicht gerade vor der Haustür, aber in Reichweite. Was verbindet Sie mit der Bergwelt?
Ich wuchs sehr bergaffin auf, wir gingen als Kinder immer wandern und Ski fahren. Das habe ich geliebt – zumindest das Skifahren (lacht). 25 Jahre lang habe ich in Berlin gelebt. Aber dann wurde meine Sehnsucht nach den Bergen immer grösser. So zog ich diesen Juli mit meiner Familie zurück nach Bayern. Es ist so schön, jetzt beim Schreiben aus dem Fenster auf die Berge zu schauen. Für mich fühlt es sich nach Glück an.
Zahlreiche Folgen der ARD-Vorabendserie «Morden im Norden» stammen ebenfalls aus Ihrer Feder, auch die neue ZDF-Familienfilmreihe «Einfach Elli». Wie wichtig ist es, in verschiedenen Genres tätig zu sein, um nicht schubladisiert zu werden?
Ich fing ja mit Krimis an, kam erst später zu den Bergformaten. Jetzt bin ich so etwas wie die Bergtante. Es gibt Schlimmeres (lacht). Damit sind wir so erfolgreich, dass ich mir den Stempel gerne aufdrücken lasse. Wenn man mich fragen würde, was für ein Projekt ich mir wünschte, wäre das vermutlich eine Komödie. Darauf hätte ich wirklich Lust.
Was sagen eigentlich Ihre Kinder (10 und 11) zu den Geschichten, die Sie schreiben?
Die gucken sich «Die Bergretter» sehr gerne an. Es ist natürlich schön, wenn man einen Beruf hat, den man den Kindern gut erklären kann. So können sie sich im Fernsehen anschauen, was die Mama macht. Ab und zu dürfen sie auch zum Set mitkommen. Es ist immer sehr amüsant, wenn mein Sohn und meine Tochter dabei sind. Die Dreharbeiten werden ja immer von echten Bergrettern begleitet, um zu gewährleisten, dass alles richtig und authentisch gemacht wird. Einmal ging meine Tochter auf einen zu und sagte: «Aha, ihr seid jetzt also die echten Menschen.» (Lacht).
Die Sender haben den Rotstift angesetzt. Wie stark bekommen Sie das zu spüren?
Es ist das grosse Glück bei den «Bergrettern», dass sie so gut laufen. Im Gegensatz zu neuen Formaten müssen wir nicht abwarten, wie sie sich bewähren. Wir haben zumindest im Moment weiterhin sieben Folgen im Jahr. Toi, toi, toi!
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