«Hat für uns gekämpft»: Darum demonstriert Argjend (17) für Thaçi

- Das Kosovo-Sondertribunal in Den Haag hat Ex-Präsident Hashim Thaçi am 16. September zu 25 Jahren Haft wegen Kriegsverbrechen verurteilt.
- In Pristina und Zürich protestierten Tausende unter dem Motto «Nicht in meinem Namen» – viele sehen Thaçi als Symbol des kosovarischen Freiheitskampfes.
- Argjend und Shkurtesa erzählen, weshalb sie das Urteil als ungerecht erachten.
Argjend ist gerade im Büro, als er auf seinem Handy die Nachricht liest: 25 Jahre Haft für Hashim Thaçi. «Ich war geschockt. Ich hatte erwartet, dass er freigesprochen wird», sagt der 17-Jährige.
Was ist passiert?
Das Kosovo-Sondertribunal in Den Haag hat den kosovarischen Ex-Präsidenten am 16. September wegen Kriegsverbrechen verurteilt. Das Gericht sah seine Verantwortung für 96 Morde, die willkürliche Inhaftierung von 385 Menschen und die Folter von 303 Personen als erwiesen an. Laut den Richtern beteiligte er sich aktiv an den Verbrechen während des Kosovo-Kriegs und unterstützte diese.
Drei weitere frühere UÇK-Anführer wurden unter anderem wegen 96 Morden, Folter und willkürlicher Inhaftierung zu 13 bis 25 Jahren Haft verurteilt. Alle vier bestritten die Vorwürfe; die Urteile sind nicht rechtskräftig, eine Berufung gilt als nahezu sicher.
Wer sind die UÇK und Thaçi?
Die UÇK war eine kosovo-albanische Befreiungsarmee. Sie kämpfte 1998 und 1999 im Kosovo-Krieg für die Unabhängigkeit Kosovos von Serbien. Hintergrund waren die Unterdrückung der kosovo-albanischen Bevölkerung und schwere Gewalttaten gegen sie. Auch UÇK-Angehörige verübten Gewalt gegen Zivilpersonen und mutmassliche politische Gegner. Im Konflikt wurden rund 13’000 Menschen getötet, die meisten von ihnen Kosovo-Albaner. Nach Nato-Luftangriffen 1999 zogen sich die serbischen und jugoslawischen Truppen zurück. 2008 erklärte sich Kosovo für unabhängig – Serbien erkennt dies bis heute nicht an.
Thaçi gehörte zur UÇK-Führung und war ihr politischer Sprecher. In den 1990er-Jahren lebte er zeitweise in der Schweiz. Später wurde er Ministerpräsident, Aussenminister und Präsident Kosovos. 2020 trat er nach der Anklage zurück und stellte sich dem Gericht.
Argjend: «Sie haben für ihr Land gekämpft»
Gegen diese Urteile gingen in Pristina wiederholt Tausende Menschen unter dem Motto «Nicht in meinem Namen» auf die Strasse. Dieses Motto knüpft daran an, dass das Sondertribunal die Urteile «im Namen des Volkes von Kosovo» aussprach. Auch in Zürich demonstrierten am Samstag mehrere Hundert Menschen. Argjend war ebenfalls dabei. «Neben all dem Unmut war es schön, zu sehen, dass wir Albaner zusammenstehen. Es waren Menschen aus der ganzen Schweiz, sogar Süddeutschland dabei.»
Am Urteil gegen Thaçi störe ihn besonders, dass es ähnlich hoch sei wie die gegen serbische Verantwortliche. Er empfindet dies als Gleichsetzung der beiden Seiten: «Dabei haben wir gegen ihre Unterdrückung und für unser Land gekämpft.» Die UÇK und ihre Anführer hätten dafür gesorgt, dass der Kosovo heute ein eigener Staat sei. Dass die Verurteilten Menschenleben auf dem Gewissen haben, bestreitet er indes nicht. «Wäre die Strafe tiefer ausgefallen, hätte ich das akzeptiert», sagt er.
Shkurtesa: «Sie haben diese Urteile nicht verdient»
Auch Shkurtesa (20) hatte auf Freisprüche gehofft. «Ich finde das Urteil nicht gerecht, da sie für unser Land gekämpft haben», sagt sie. Mit Thaçi und der UÇK verbinde sie das Gefühl, ihre Heimat ohne Angst vor einem Angriff besuchen zu können. «Für mich steht ihr Einsatz für die heutige Freiheit Kosovos.» Shkurtesa hofft deshalb, dass die Urteile noch aufgehoben oder zumindest gemildert werden.
Es gibt aber auch kritische Stimmen zu den Protesten. Der Journalist Enver Robelli, selbst Kosovo-Albaner, kritisiert in einem Kommentar im «Tages-Anzeiger» die Heldenverehrung der verurteilten UÇK-Anführer und die Verdrängung des Leids ihrer Opfer. Der Widerstand gegen serbische Unterdrückung rechtfertige keine eigenen Kriegsverbrechen. «Die Verantwortlichen müssen zur Rechenschaft gezogen werden», schreibt er. Fragen zur Verhältnismässigkeit der Strafen halte er hingegen für berechtigt.
Dass man die UÇK kritisch hinterfragen darf, ist auch Argjend wichtig. Eine gute Freundin von ihm halte die Strafe für verdient. «Da bin ich anderer Meinung, aber das kann ich akzeptieren.» Es sei wichtig, Dinge kritisch zu hinterfragen und eigene Schlüsse zu ziehen. «Nur so kommen wir am Ende als Menschen und als Staat weiter.»
Carolin Teufelberger (cat) arbeitet seit 2024 für 20 Minuten als Redaktorin beim Ressort News, Wirtschaft & Videoreportagen.
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