Kreislaufwirtschaft: Klimaneutral, kinderneutral, demokratieneutral

Die Ameisen machen uns vor, wie es geht. Sie verbrauchen weit mehr als wir Menschen und sind trotzdem nützlich. Das müssten wir auch schaffen.
V iele Städte in Deutschland möchten klimaneutral sein, möglichst schon bis 2035. Das geht aber nur dann, wenn sie nicht existieren. Klimaneutral bedeutet: kein Ausstoß von Treibhausgasen, kein Methanpups, kein CO2, nichts, nada, null. Aber niemand möchte null sein.
Alle Menschen sind Verbrenner. Wir oxidieren Kohlenwasserstoffe zu Kohlenstoffdioxid und Wasser. Selbst wenn wir das ganze Jahr schlafen, geben wir CO2 ab: 168 kg pro Person. Wenn jemand Sport macht, ist das über eine Tonne CO2. Und das Schlimme ist: Diese Menschen leben dann noch länger und dünsten noch länger Kohlendioxid aus. Wir sollten in dieser Logik dann in Zukunft die Massenmörder der Welt auszeichnen, weil sie ja die Erde entlastet haben.
Sollte ich heute kinderneutral oder partnerneutral sein? Oder soll ich auf die Straße gehen, um für Demokratieneutralität zu kämpfen? Ein Baum ist auch nicht klimaneutral, er ist gut für das Klima. Möchte ich dümmer sein als ein Baum? Die Menschen in Sachsen-Anhalt wählen die Nazis, obwohl sie laut Umfragen mit übergroßer Mehrheit ihre persönliche Situation als sehr gut oder gut bezeichnen. Sie tun es, weil sie Ängste haben und keine langfristige positive Perspektive erkennen. Klimaneutralität ist keine positive Perspektive.
Sie erklärt den Menschen zum Schädling, der besser überhaupt nicht existierte, wenn wir die Welt retten wollen. Damit nimmt sie allen Menschen die Würde und ihr Existenzrecht. Tatsächlich aber gibt es gar nicht zu viele Menschen auf der Erde. Wir müssen nur lernen, für alle Lebewesen nützlich zu sein. Die Biomasse der Ameisen entspricht einer Erdbevölkerung im Kalorienverbrauch von 30 Milliarden Menschen. Der tropische Regenwald in Brasilien ist nur möglich, da die Ameisen und andere Kleinlebewesen die Nährstoffe und Mineralien verarbeiten und sie den Bäumen und anderen Organismen zur Verfügung stellen.
Perfekt falsch gemacht
Viele Menschen glauben, dass sie die Umwelt schützen, wenn sie nur etwas weniger zerstören. Das ist unsinnig. Man schützt nicht, indem man weniger zerstört. Im Namen der Nachhaltigkeit wird jetzt in großen Hotelketten Baumwolle mit Polyester gemischt, damit die Bettwäsche 200-mal anstelle von 140-mal gewaschen werden kann und nicht gebügelt werden muss. Dass man dafür die ganze Nacht in Mikroplastikstaub schlafen muss und schwitzt, zählt nicht.
Es sei ja angeblich gut für die Umwelt. Dass man letzten Endes mit dem Polyester-Baumwoll-Gemisch nichts mehr anfangen kann, zählt genauso wenig. Man macht also das Falsche perfekt und damit perfekt falsch. Die Telekom fordert uns auf, unsere Mobiltelefone zurückzugeben, da sie angeblich recycelt werden. Tatsächlich werden von den 41 seltenen Elementen nur ein paar teilweise zurückgewonnen: lediglich jene, die wirklich teuer sind.
Gleichzeitig landen die seltenen Elemente, wie Indium, Gallium und Germanium, in der Schlacke und sind damit verloren. Die EU fordert ein Recht auf Langlebigkeit von Produkten, dabei leben die Gegenstände doch gar nicht. Meine Studierenden machen Lebenszyklusanalysen von Coca-Cola-Dosen. Hat jemand schon mal eine lebende Coladose gesehen? Nur weil wir Menschen lange leben wollen, sollen die Produkte lange leben.
Dabei ist eine Waschmaschine, die 30 Jahre hält, der größte Albtraum für die Wirtschaft, weil dadurch keine Innovation auf den Markt kommt und 30 Jahre lang Ersatzteile von den Herstellern bereitgehalten werden müssen. Wenn man keine Waschmaschine veräußert, sondern lediglich für 9 Jahre das Recht auf 3.000-mal Waschen verkauft, hat der Hersteller ein Interesse an Intaktheit und nicht an Reparatur.
Definierte Nutzungszeiten statt Langlebigkeit
Die digitale Welt braucht definierte Nutzungszeiten – keine Langlebigkeit, damit man weiß, wann die Materialien wieder zur Verfügung stehen. Dann kann eine Waschmaschine anstatt mit 85 billigen Plastiksorten mit vier Plastiksorten hergestellt werden, von denen es sich lohnt, sie wieder zurückzugewinnen. Die Europäische Union hat ein Recht auf Reparatur beschlossen. Was für ein Unsinn. Was die Kunden brauchen, ist ein Recht auf Intaktheit. Warum sollen sie noch die Reparatur von Sondermüll bezahlen?
Die Reparatur-Cafés haben durchaus eine wichtige soziale Funktion, da sie Menschen zusammenbringen und ihnen die Illusion vermitteln, wirkmächtig zu sein und Prozesse zu durchschauen. Richtig wäre, dass der Hersteller die Reparatur bezahlt. Es ist noch nie ein Auto zum Auto recycelt worden. Aus 46 Stahllegierungen eines Mercedes wird primitiver Betonstahl und das wird dann noch als Recycling präsentiert. Alle Buntmetalle in den Legierungen wie Nickel, Kobalt, Mangan, Molybdän, Vanadium, Palladium, Chrom, Titan, Bismut, Antimon und Wolfram sind somit unwiederbringlich verloren.
Wenn man Autos zu Autos machen würde, könnten alle Menschen beschäftigt werden, die jetzt zu Tausenden ihre Arbeit verlieren, nur müsste man sie dann anders konstruieren. Dann könnte man verhindern, dass Stuttgart das neue Detroit wird, denn zur Montage käme noch die Demontage. 85 Prozent des Stahls könnten mit nur einer Legierung hergestellt werden. Wer nach einer durchschnittlichen Nutzungszeit von 18 Jahren das Fahrzeug als Oldtimer behalten möchte, müsste nur etwa 4.000 Euro extra bezahlen.
Außerdem könnte man die Zahl der Kunststoffe drastisch reduzieren und sie genauso zurückgewinnen. Die Materialkosten sind bei einem Mercedes weitaus höher als die Arbeitskosten, und man könnte die Rohstoffe im Kreislauf halten, sodass man weniger abhängig von Metallimporten wird. Die neue Greenwashing-Gesetzgebung der EU ist selbst Greenwashing, weil sie die eigentlichen Fragestellungen nicht betrachtet. Werden bei einem Discounter schon bei den Eigenmarken über 40 verschiedene Plastiksorten verwendet, ist ein Recycling ausgeschlossen.
Weniger verschiedene Kunststoffsorten
Wenn man wirklich etwas tun wollte, müsste man PVC-Verpackungen verbieten, ein Pfand auf alle Verpackungen erheben und Monomaterialien verwenden. Wenn wir wie bisher weitermachen, wird künftig mithilfe der KI die Käseverpackung 11 statt bisher 6 verschiedene Kunststoffsorten aufweisen und 5 Prozent leichter sein. Dies gilt dann als Einsparung von Kunststoffen. Allerdings ist mit dem Zeug nach der Nutzung überhaupt nichts mehr anzufangen.
Klimaneutralität ist keine positive Perspektive. Sie erklärt den Menschen zum Schädling, bei dem es besser wäre, überhaupt nicht zu existieren, um die Welt zu retten
Die Reinigungskosten sind höher als der Wert des Plastiks. Die Gehalte an Mikroplastik, die wir im Körper haben, führen bei einer Reihe von Tierarten bereits jetzt zu Verhaltensänderungen. Wir werden wohl KI benötigen, wenn wir bald keine natürliche mehr haben. Die Europäische Union möchte die Menge an Reifenabrieb pro Kopf und Jahr von 900 auf etwa 500 Gramm reduzieren. Damit wird der Reifenabrieb aber für die menschliche Gesundheit umso gefährlicher.
ist Chemiker und Verfahrenstechniker. Mit William McDonough entwickelte er das Cradle to Cradle-Konzept für Kreislaufwirtschaft.
Früher blieb der Staub auf der Straße, bereits jetzt wird er zu großen Teilen von uns eingeatmet. Heute schon stammen 50 Prozent des Mikroplastiks in der Elbe vom Reifenabrieb. Nach Berechnungen des Umweltbundesamtes geben wir in Deutschland zudem pro Kopf 110 Gramm Mikroplastik allein durch Schuhabrieb ab. Die Laufflächen der Autoreifen müssten stattdessen biologisch abbaubar sein. Dann hätten die anderen Lebewesen ein nützliches Substrat.
Es geht nicht darum, den menschlichen Fußabdruck zu minimieren, sondern einen großen Fußabdruck zu haben, der aber zu einem Feuchtgebiet für die anderen Lebewesen wird. Wie wäre es, Textilien und Schuhe herzustellen, die biologisch abbaubar sind? Alles, was in der Anwendung verschleißt, wie Autoreifen, Zebrastreifen, Bremsbeläge, Bürsten von Straßenkehrmaschinen, Textilien, Schuhsohlen und anderes, also alles, was verbraucht wird, könnte für die Biosphäre nützlich sein.
Nicht weniger, sondern gar keinen Müll mehr
Alles, was nur gebraucht wird, wird technischer Nährstoff. Wir verbrauchen keinen Computer, keine Waschmaschine, keinen Fernseher, wir nutzen die Dinge ja nur. Wir Menschen sind das einzige Lebewesen, das Müll produziert. Wäre es weniger Müll, würde die Erde nur etwas später zu einer einzigen Müllkippe. Das Gestaltungsprinzip heißt Cradle to Cradle. Kreislaufwirtschaft – von der Wiege zur Wiege, anstelle von der Wiege zur Bahre.
Dabei entstehen keine Abfälle, sondern nur Nährstoffe für Biosphäre und Technosphäre. Wir können nützlich für die anderen Lebewesen sein, statt nur weniger schädlich. Wenn Menschen als Schädlinge behandelt werden, dann benehmen sie sich auch so. Werden sie indes als Chance für diesen Planeten begriffen, dann sind Menschen großzügig und freundlich. Selbst die Ärmsten der Armen teilen immer mit anderen, wenn sie dazugehören und gemocht werden.
Wir kommen dann zu einem bescheideneren Lebensstil, nicht weil es uns jemand vorschreibt, sondern weil wir uns freuen, mit anderen zu teilen. Wie wäre es, klimapositiv zu sein und das Kohlendioxid aus der Atmosphäre zurückzuholen, um damit Kunststoffe zu erzeugen und Böden wieder aufzubauen? Wie wäre es, Häuser wie Bäume zu bauen? Häuser, die die Luft und das Wasser reinigen und die Lebensräume für 200 andere Tierarten sind, so wie ein Kirschbaum?
Die Perspektive könnte sein, im Jahr 2100 den gleichen Gehalt an Treibhausgasen in der Atmosphäre zu erreichen, wie es ihn im Jahr 1900 gab. Das wäre eine positive Perspektive, ein Ziel, für das es sich lohnt zu leben. Dann bräuchte niemand Angst um die Zukunft zu haben und niemand würde Nazis wählen.
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