20 Jahre Mord an Politkowskaja: "In Russland gibt es keine Presse"
Reportage
Stand: 07.10.2026 • 19:42 Uhr
Auch 20 Jahre nach dem Mord an ihrer Journalistin Anna Politkowskaja versucht die Nowaja Gaseta, weiter in Russland zu berichten. Trotz Zensur, Lizenzentzug - und der ständigen Gefahr für das eigene Leben.
Der Himmel ist grau über Moskau an diesem Nachmittag, noch trister als der Sitz der Nowaja Gaseta in der Potapowski-Gasse 3. Einzig die Vasen mit den gelben Sonnenblumen und den weißen Chrysanthemen vor dem Eingang, unter den Gedenktafeln für Anna Politkowskaja, zeigen, dass es ein besonderer Tag ist.
Oben, in den Redaktionsräumen, wird gebohrt und geschraubt. Eine weitere Gedenktafel wird in dem Zimmer angebracht, in dem Politkowskajas Schreibtisch mit Papieren und Büchern steht, ihr Computerbildschirm ihr Foto zeigt, Bilder ihrer Arbeit an den Wänden hängen.
"In diesem Haus lebte Anna Politkowskaja, die am 7. Oktober 2006 brutal ermordet wurde", steht auf der demolierten Tafel, die vor kurzem noch vor ihrem Haus hing. Unbekannte hatten die Tafel zerstört, sie durfte nach der Restaurierung dort nicht wieder aufgehängt werden.
Sergej Sokolow ist Chefredakteur der Nowaja Gaseta und sagt, seine Erfahrungen aus Sowjetzeiten seien heute hilfreich dabei, mit der Zensur umzugehen.
"Widerstand der Menschenwürde"
Die Erinnerung soll verblassen an eine Journalisten, die mehr war als eine Chronistin der Gräuel des Tschetschenien-Krieges. Sergej Sokolow, heute Chefredakteur der Nowaja Gaseta, sagt:
Anna beschäftigte sich mit dem Widerstand der menschlichen Freiheit und der Menschenwürde gegen den Staatsapparat. Egal, ob dieser nun in Form konkreter Beamter, paramilitärischer Einheiten oder der Armee auftrat.
An einer Wand in Sokolows Büro hängen Aufmacherseiten seiner Zeitung, vergilbt durch die Jahre. Alles wirkt etwas aus der Zeit gefallen - aber das habe auch sein Gutes, meint er. "Verstehen Sie, diejenigen, die die Nowaja Gaseta gegründet haben, sind bereits im fortgeschrittenen Alter. Ich zum Beispiel. Und wir haben alle schon zu Sowjetzeiten angefangen zu arbeiten", sagt er und zieht an seiner Zigarette.
"Die Erfahrungen aus jener Zeit ermöglichen es uns, uns schneller anzupassen, mit Hindernissen, Zensur und allem anderen umzugehen, wie bereits in der Sowjetunion. Für junge Menschen ist es natürlich schwieriger", so Sokolow.
In Sokolows Redaktionszimmer hängen alte Aufmacherseiten seiner Zeitung.
Wollte sich mit Zensur nicht abfinden
Politkowskaja war damals schon eine erfahrene Reporterin, und dennoch keine, die sich mit Zensur abfinden wollte - oder der Tatsache, dass sie sich mit ihren Berichten in Lebensgefahr begibt. "Als ich ihr zu erklären versuchte, warum man das so nicht schreiben könne und dass ihr dadurch die Möglichkeit genommen würde, künftig in Tschetschenien zu arbeiten - da flogen mir sehr dicke Bücher entgegen", erinnert sich Sokolow mit einem Lächeln.
Nebenan: ein Raum mit Werbematerial, T-Shirts und Kaffeetassen, die Sätze tragen wie "Du bist nicht allein", sowie Bücher von Anna Politkowskaja, die zu Beginn der 2000er-Jahre erschienen sind.
Damals warfen ihr tatsächlich viele vor, sie denke zu katastrophal, sie übertreibe es mit ihren Einschätzungen. Hätte sie nur etwas länger gelebt, hätte sie gesehen, dass es noch schlimmer kommt, als sie damals dachte. Denn natürlich konnte zu Beginn der 2000er-Jahre niemand den Wahnsinn und die Katastrophe vorhersagen, die sich jetzt vor unseren Augen abspielen.
Sergej Sokolow
Sechs Mitarbeiter ermordet
Eine Katastrophe, auch für Politkowskajas Zeitung. Sechs Journalisten der Nowaja Gaseta wurden seit ihrem Bestehen bis 2021 ermordet, andere aufgrund ihrer Arbeit verletzt.
Der Mitgründer der Zeitung, Dmitri Muratow, erhielt für seine unabhängige Berichterstattung den Friedensnobelpreis 2021. Ein Schutz für das Blatt war das nicht: 2022 wurde der Nowaja Gaseta die Drucklizenz und dann auch die Webseitenlizenz entzogen. Dennoch machen sie weiter, unabhängig, aber ohne Lizenz, im Internet und mit aller Vorsicht. Sokolow sagt:
Man kann nur dann von Pressefreiheit sprechen, wenn es überhaupt eine Presse gibt. In Russland gibt es keine Presse. In Russland gibt es noch vereinzelte Inseln von Medienprojekten, die unter staatlich auferlegter Zensur existieren, aber noch in der Lage sind, nicht nur Propaganda zu verbreiten.
"Wenn Sie in Jekaterinburg (am Ural) eine beliebige Person ansprechen, fragen Sie sie doch einmal: Wie sieht es mit dem Schicksal der Flüchtlinge aus dem Gebiet Kursk, aus dem Gebiet Belgorod oder aus Schebekino aus? Die Person wird nicht verstehen, wonach Sie sie fragen. Sie weiß nichts davon", sagt Sokolow, um zu beschreiben, wie wenig unabhängige Information es gibt.
"Niemand hatte sich zum Ziel gesetzt, den Auftraggeber zu suchen"
Es geht los, Pressevertreter füllen den Saal, der für die Gedenkveranstaltung an Politkowskaja vorbereitet ist. Muratow und Sokolow halten Reden, dann gibt es einen langen Film über Leben und Tod von Anna Politkowskaja.
Zu sehen ist auch ein kurzer Ausschnitt ihrer letzten Lebensminuten: Bilder der Überwachungskamera beim Betreten ihres Hauses. Kurz darauf zeigt die Kamera verschwommen, wie ein Mann das Haus verlässt.
Es dauert lange, bis es Festnahmen und Verurteilungen gibt. "Doch dann tat die Ermittlungsbehörde so, als sei der Fall abgeschlossen. Es war von Anfang an klar, dass niemand sich zum Ziel gesetzt hatte, den tatsächlichen Auftraggeber zu suchen", glaubt Sokolow.
Die Suche nach den Hintermännern des Mordes an Anna Politkowskaja soll weitergehen - und auch die Suche nach einer Zukunft in Freiheit. "Die journalistische Pflicht besteht nicht darin, ins Gefängnis zu gehen", meint Sokolow. "Verstehen Sie? Man muss mittendrin sein, um zu verstehen, was mit dem eigenen unglücklichen Land, mit dem eigenen unglücklichen Volk geschieht."
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