„Rogacki“ Pop-Up-Laden in Kreuzberg: „Essen Linke Austern?“

Zur Eröffnung des Berliner Kult-Feinkostladens Rogacki strömen die Charlottenburger Stammgäste gen Osten in die Markthalle Neun – mit Bock auf Fisch und Nostalgie.
Foto: Jörg Carstensen/imago
Da sind Frauen in Barbour-Jacken. Herren in stylischen Brillen mit dickem Rand, in Hemd und Sakko. Pfennigabsätze klicken auf dem Boden der Markthalle und Gucci-Taschen drängen sich durch die Menge vor einem neuen Laden. Öffnet hier heute eine Luxus-Parfümerie? Eine High-End-Vinothek? Oder doch eine Unternehmensberatung?
Nein, der Grund für dieses – zugegeben, den Altersdurchschnitt in der Kreuzberger Markthalle Neun anhebende – Publikum ist die Eröffnung eines Pop-up-Shops, nämlich der Charlottenburger Feinkost-Institution Rogacki. Die Fans aus dem schicken Charlottenburg wirken in Kreuzberg zwar noch etwas deplatziert, doch die Vorfreude war groß, als bekannt wurde, dass der Traditionsladen nach etwas mehr als einem Jahr Pause wieder öffnet.
Ob die Charlottenburger nicht Angst vor Kreuzberg hätten, fragten böse Zungen vor der Eröffnung. Doch keine Angst, es soll nicht bei diesem Pop-up-Store bleiben. Man sei, so der neue Inhaber Daniel-Jan Girl in einer Ansprache ans Publikum, weiterhin auf der Suche nach einem neuen Stammhaus, das man 2028 zum 100-jährigen Jubiläum Rogackis eröffnen wolle. „Wir wollen sehr gerne und werden auch wieder einen Laden in Charlottenburg aufmachen“, sagt Girl. Wo genau, das verrät er an diesem Abend noch nicht.
Giffey lobt die Bulettencreme
Der ehemalige Laden hat in der Wilmersdorfer Straße in Charlottenburg auch auf eine lange Geschichte zurückzublicken. 1928 gründeten das Ehepaar Paul und Lucia Rogacki ihren Laden als Aal- und Fischräucherei im Berliner Stadtteil Wedding. Vier Jahre später zogen sie nach Charlottenburg, wurden über die Jahre immer größer und machten den Namen Rogacki in Berlin zu einer Gastro-Institution.
Neben Fischspezialitäten gab es hier dann auch Wild, Kohlrouladen, frisches Brot mit Käse und Wurst sowie Wein und Champagner. 2025 dann starb Dietmar Rogacki, Besitzer und Enkel des Gründers, unerwartet bei einem Brand in seiner Villa und das Geschäft ging in die Insolvenz. Bis Girl es übernahm.
Foto: Jean-Marc Wiesner
Die Gäste in der Markthalle schwelgen in Erinnerungen, denken zurück an die vielen Heiligabende, die sie bei Rogacki verbracht haben, eine Charlottenburger Tradition zu Weihnachten. „Die Touris gingen ins KaDeWe, wir waren bei Rogacki. Und um 14 Uhr war Feierabend.“ Bis Rogacki einen neuen Laden in Charlottenburg öffnet, müssen sich die Stammgäste des Weihnachtsumtrunks erst mal gedulden.
Zum Trost ist Franziska Giffey da: Für die Eröffnung soll die SPD-Politikerin ein Grußwort sprechen, denn wer legt sich mehr als sie „unabhängig jeder politischen Couleur für Berlin ins Zeug?“, so Daniel-Jan Girl. Giffey lobt die Bulettencreme, die es auch heute auf den Probierhäppchen gibt, die sei ihr Favorit. Es ginge bei der Neueröffnung jetzt darum: „Tradition neu beleben“. Das Publikum applaudiert.
Man füttert sich gegenseitig halbe Eier
Dann wird noch von 10 runtergezählt, Girl schneidet feierlich ein Band durch, der rote Vorhang fällt von der Fassade des Ladens, der in der Markthalle Neun die dreifache Länge von so manch anderem Stand einnimmt. Giffey posiert noch für die Kameras mit einem türkisfarbenen Schild mit dem Aufdruck „FISCH Spezialitäten“. Auch in der Rogacki-Austernbar steht Giffey später noch für Fotos bereit.
Neid kommt auf, denn die ehemalige Bürgermeisterin hat einen viel größeren Teller an Probierhappen erhalten als die anderen geladenen Gäste, darunter auch der ehemalige Regierende Bürgermeister der SPD, Michael Müller. Trotzdem wird ihnen hier einiges geboten: zwar kein Schampus, aber drei verschiedene Sorten Wein. Das schmeckt auch den angereisten Charlottenburgern, die sich hier durchaus wohlfühlen.
Man sitzt gesellig auf Bierbänken, isst Schrippen mit Bulettencreme und füttert sich gegenseitig halbe Eier. Auch die an der Bar frisch geöffneten Austern schlürft man fröhlich. „Warum gehen hier alle so crazy?“, fragt eine junge Frau, die an dem Trubel vorbeigeht. Wegen eines Fischladens, ist die Antwort. Die Eröffnung scheint ein Hit zu sein.
Doch ob sich das Stammpublikum aus Charlottenburg weiter Richtung Osten trauen würde, war nicht die einzige Sorge. „Essen Linke Austern?“, fragte sich auch die hauseigene Pressesprecherin von Rogacki, Mareen Eichinger, über den neuen Standort in SO36, nicht weit vom Rio-Reiser-Platz, Görlitzer Park und dem Rauch-Haus. Das sollte jedoch kein Problem sein.
Markthalle ist kaum für Anwohnende da
Viele Linke in Kreuzberg sind schon lange keine hausbesetzende Punks mehr, sondern eher bildungsbürgerlich, naturweintrinkend und ebenso feinkostaffin wie das Publikum im Westen. Auch andere Weinbars in der Markthalle Neun reichen mittlerweile das Trendfood Auster zum Gläschen. Gerade am „Street Food Thursday“ sieht man hier vor allem eins: stilvolle Anzughosen, Modcut-Frisuren, schnelle Brillen und eine Menge Touris, die die Markthalle aufsuchen.
Außerdem: In der Markthalle geht es kaum mehr darum, die im Kiez wohnenden Menschen mit preiswerten Lebensmitteln zu versorgen. 2021 etwa schloss der dort ansässige Discount-Supermarkt Aldi und wurde durch den Drogerieladen dm ersetzt. Auch die Preise der Bio-Gemüseläden in der Markthalle liegen weit über dem für viele Anwohnende Bezahlbaren.
Nicht nur die Markthalle trägt dazu bei, dass der Kiez für viele Menschen, die hier leben, nicht mehr für sie gemacht zu sein scheint. Trendige Restaurants, ein Spa und ein avantgardistisches Modelabel ersetzen die Apotheke, den Späti und den Plattenladen. So kultiviert der Kiez immer mehr ein hipsteresques Publikum, das – auch wenn es den Charlottenburgern zumindest äußerlich nicht ähnelt – den frischen Austern bei Rogacki bestimmt nicht abgeneigt sein wird.
Trotzdem – die Häppchen schmecken und mit einem Glas Wein in der Hand wird man ganz ohne Gucci-Tasche zum Teil der Feiergesellschaft, die sich in die Markthalle Neun hervorragend einfügt.
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