Gewalt an Cottbuser Schule: Wenn der Lehrer zuschlägt

Dreimal griff Günter B. seine damals elf- und zwölfjährigen Schüler an, die alle Migrationshintergrund haben. Das Gericht will keinen Rassismus erkennen.
Foto: Frank Hammerschmidt/picture alliance
Tritt in den Rücken. Ohrfeige und Faust in den Bauch. Bedrohung. Schlag auf den Hinterkopf und Einklemmen mit einem Tisch. In vier Fällen hat der ehemalige Musiklehrer Günter B. an der Sachsendorfer Oberschule in Cottbus drei seiner Schüler angegriffen, die zum Tatzeitpunkt elf und zwölf Jahre alt waren. Drei Schüler, die alle aus migrantischen Familien kommen. Die Taten fanden im September 2023 statt. Drei Jahre später hat nun das Amtsgericht Cottbus den 67-Jährigen zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und einem Monat auf Bewährung verurteilt.
Den Schülern ist die Anspannung anzumerken, als sie am Dienstagmorgen auf den Prozessbeginn warten. Die drei jungen Männer, 15 und 16 Jahre alt, sitzen im Warteraum, unterhalten sich leise auf Russisch oder Arabisch mit ihren Eltern und drehen Akkupressur-Ringe zwischen den Fingern, die eine Beraterin der Opferperspektive Brandenburg ihnen mitgebracht hat. Gegen den Stress. Sie sollen aussagen gegen einen Lehrer, der ihnen Unrecht getan hat, als sie noch Kinder waren.
Einer der Schüler erinnert sich noch gut an den 21. September 2023. Es war kurz vor Beginn der Musikstunde, „wir standen vor der Tür, sind reingegangen, ich habe meinen Sitzplatz bekommen. Als ich mich hinsetzen wollte, habe ich einen Schlag von hinten bekommen.“ Er habe nicht gewusst, was los sei, was der Lehrer von ihm wolle. Der Lehrer habe den Tisch gegen die Brust des sitzenden Schülers gedrückt. „Ich konnte erst mal gar nicht gut atmen, ich hatte Asthma, ich habe dann auf dem Tisch geweint“, sagt er vor Gericht.
Betroffener musste ins Krankenhaus
Wie schlimm die Situation gewesen sein muss, macht die Aussage einer Schulsozialarbeiterin der Sachsendorfer Oberschule deutlich. Sie habe durch die Tür des Klassenzimmers lautes Schluchzen gehört – und laute Musik. Als sie das Klassenzimmer betrat, sei sie auf eine stumme Klasse getroffen: „Es saßen wirklich alle akkurat an den Tischen. Mein Eindruck war, dass sie verängstigt waren.“ Günter B. habe seinen Unterricht scheinbar unberührt fortgesetzt und der Klasse ein Lied vorgespielt, während der betroffene Schüler heftig am Weinen war.
Für uns spielt Rassismus hier ganz klar eine Rolle
Dorina Feldmann
Der Schüler, der wie die anderen Jugendlichen aus Sicherheitsgründen anonym bleiben soll, muss anschließend ins Krankenhaus und wird dort stationär behandelt. Er verlässt das Krankenhaus mit einer Hals-Orthese – und mit Angst vor der Schule. „Ich habe mich abgelenkt von meinen Gedanken, vielleicht sechs Monate lang.“ Sein Vater erinnert sich an den Schock: „Ich war überrascht, dass so etwas passieren kann in diesem Land“, sagt er nach dem Prozess.
Die anderen beiden Schüler berichten von ähnlichen Erfahrungen. B. habe sie unvermittelt geschlagen oder geschubst, „es ging viel zu schnell“, sagt einer. Und auch was dann passiert, ähnelt sich bei allen dreien: Ihre Klassenleitung habe zwar nach den Vorfällen Gespräche mit der Klasse geführt, von der Schulleitung habe es aber keine Aufarbeitung mit den Schülern und den Familien gegeben.
Die Anwältin der Nebenklage hatte schon eine Einstellung des Verfahrens befürchtet, nachdem sich der Prozess drei Jahre lang wegen eines Bearbeitungsstaus bei der Cottbuser Staatsanwaltschaft verzögert hatte. Das Urteil ist deshalb eine Erleichterung für die Betroffenen.
Lehrer sah sich überfordert
„Das relativ hohe Strafmaß war im Vorfeld nicht zu erwarten“, sagt auch Dorina Feldmann. Sie arbeitet als Beraterin für die Opferperspektive Brandenburg und hat zwei der betroffenen Schüler und ihre Familien seit den Gewaltvorfällen begleitet. „Ob für die Familien so wieder Vertrauen hergestellt werden kann, ist natürlich eine andere Frage. Aber für die Familien geht erst einmal eine dreijährige Tortur zu Ende.“
Denn erst durch den Prozess jetzt hätten sie mit Gewissheit erfahren, dass Günter B. tatsächlich nicht mehr als Lehrer unterrichte, sondern in Rente sei. „Die größte Angst der Familien war einerseits, dass der Lehrer wieder zurückkehrt, aber auch die Angst, dass andere Schüler ein ähnliches Schicksal ereilt und sie auch geschlagen werden.“
Die Gründe für B.s Gewaltausbrüche klärt der Prozess nicht eindeutig. B. selbst spricht von Überforderung. Die siebte Klasse, in der die betroffenen Schüler damals saßen, habe sich „organisiert Lehrer vorgenommen“, geärgert, geschubst, geschlagen. Als Quereinsteiger habe er nicht weiter gewusst. „Ich habe offensichtlich die falschen Mittel gewählt.“ Doch die Schulsozialarbeiterin zeichnet ein anderes Bild. Die Siebtklässler, die gerade erst an die Oberschule gewechselt waren, seien nicht besonders aufgefallen.
Warum also diese Gewalt – gegen drei migrantische Jungen? Die Frage nach einem rassistischen Motiv schwebt über dem Verfahren, wird aber nicht gestellt. Nur einen Hinweis liefert die Schulsozialarbeiterin: B. habe in anderen Situationen Schülern mit nicht-deutschen Eltern damit gedroht, sie bei der Ausländerbehörde anzukreiden, er habe da Kontakte. „Wir erleben das leider häufig, dass Gerichte nicht ausreichend schauen, ob ein rassistisches Motiv vorliegen könnte“, sagt Feldmann von der Opferperspektive. „Für uns spielt Rassismus hier ganz klar eine Rolle.“
Die Opferperspektive Brandenburg verzeichnet seit 2020 einen kontinuierlichen Anstieg von rechter und rassistischer Gewalt. 2025 zählte sie 290 rechte, rassistische, antisemitische und queerfeindliche Angriffe, 94 davon richteten sich gegen Kinder und Jugendliche. Die Taten von Günter B. stellen zwar eine Ausnahme dar, sagt Feldmann, man erlebe aber auch „seit Jahren ein Erstarken von rechtsextremer Jugendkultur“. Das finde natürlich auch an den Schulen statt. Entscheidend sei, die Betroffenen ernst zu nehmen und die Vorfälle nicht unter den Teppich zu kehren.
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