Schweizer Weltraumkonzern – Nach Cyberattacke auf Beyond Gravity: Verdacht fällt auf China

- Anfang Monat wurde eine Cyberattacke auf den staatlichen Weltraumkonzern Beyond Gravity bekannt.
- Jetzt zeigen SRF-Recherchen: Die Verantwortlichen vermuten China hinter dem Angriff.
- Offenbar sind Daten abgeflossen.
Beyond Gravity stellt Satelliten- und Raketentechnologie her und gehört dem Bund. Anfang Monat informierte das Unternehmen über eine gezielte Cyberattacke. Angegriffen habe ein mutmasslich «hochprofessioneller Akteur», schrieb Beyond Gravity. Das liess darauf schliessen, dass es sich um eine staatliche Aktion handeln könnte.
Recherchen bestätigen dies nun: Beyond Gravity und der Bund gehen von China als Angreifer aus, wie mehrere involvierte Personen gegenüber SRF erklären.
Offiziell bestätigen wollen den China-Verdacht weder das Unternehmen selbst noch das Verteidigungsdepartement VBS, das mit dem Bundesamt für Cybersicherheit den Angriff untersucht. Die Herkunft des Angreifers bleibe Gegenstand laufender Abklärungen, schreibt Beyond Gravity. Doch intern wird laut SRF-Informationen vermutet, dass China hinter der Attacke steckt.
«China hat Weltraum im Fokus»
Wenig überrascht ist Ralph Weber, Professor am Europa-Institut der Universität Basel. Er forscht unter anderem zu den chinesischen Geheimdiensten. Der Weltraum sei schon länger im Fokus der Nachrichtendienste und die Rivalität zwischen den USA und China sei gross, sagt Weber.
Beyond Gravity hat laut eigenen Angaben wegen des Cyberangriffs bei der Berner Staatsanwaltschaft Strafanzeige gegen Unbekannt eingereicht.
Nicht tätig geworden ist bislang die Bundesanwaltschaft, die für die Verfolgung von politischen Delikten wie Spionage zuständig ist.
Im vergangenen Mai sei in Deutschland zum Beispiel ein deutsches Ehepaar chinesischer Herkunft festgenommen worden, dem Spionage auch im Raumfahrtbereich vorgeworfen werde.
Die Rede ist von Datenabfluss
An welche Informationen die Angreifer bei Beyond Gravity gekommen sind, ist unklar. Klar scheint aber, dass Daten gestohlen wurden. Das lässt sich auch aus der Stellungnahme der Grünen-Ständerätin Maya Graf ableiten. Als Präsidentin der sogenannten Geschäftsprüfungskommission des Ständerats vertritt sie die Oberaufsicht des Parlaments.
Beyond Gravity gehört zum Bundeskonzern Ruag International AG. Für diesen wiederholt sich die Geschichte: Vor über zehn Jahren war der Konzern bereits einmal Opfer einer gezielten und umfassenden Cyberattacke. Die dabei eingesetzte Spionagesoftware hatte die Informatiksicherheit schwerwiegend beeinträchtigt, wie 2016 bekannt wurde.
Strafverfahren eingestellt
Fachleute vermuteten damals Russland hinter dem Angriff, die Bundesanwaltschaft eröffnete ein Strafverfahren. Im Jahr 2018 hat die Bundesanwaltschaft das Verfahren allerdings sistiert, weil sie die Täterschaft nicht eruieren konnte.
Cyberangriff führte zur Aufspaltung des Ruag-Konzerns
Für den Ruag-Konzern als Ganzes hatte der Cyberangriff gravierende Konsequenzen: Der Bundesrat beschloss, den Konzern aufzuteilen. Derjenige Unternehmensbereich, der hauptsächlich für die Schweizer Armee tätig ist, wurde abgespalten. Er firmiert heute unter Ruag MRO. Mehrere Konzernbereiche der übrig gebliebenen Ruag International AG wurden anschliessend verkauft – bis auf das Weltraumunternehmen Beyond Gravity.
«Die Geschäftsprüfungskommissionen von National- und Ständerat haben vom Datenabfluss Kenntnis erhalten», sagt Graf. Ein Bericht über den Sicherheitsvorfall liege ihnen vor. Die zuständige Gruppe innerhalb der Kommission werde klären, ob weiterer Handlungsbedarf bestehe.
«Geheimdienste interessieren sich oft für Details»
Beyond Gravity beliefert etwa das europäische Ariane-Raketenprogramm und die Nasa. China seinerseits ist eine bedeutende Weltraumnation. Inwiefern kann Know-how von Beyond Gravity überhaupt nützlich sein für das Land?
«Wir stellen uns oft vor, dass bei Spionageaktionen grosse Technologien gestohlen werden», sagt Ralph Weber. «In der Praxis aber geht es oft auch darum, an Details heranzukommen.» Diese seien für sich genommen nicht bedeutend. Doch wenn sie ein Nachrichtendienst zusammensetze, könnten sie von grosser Bedeutung sein.
Wie soll die Schweiz reagieren?
Sollten einmal harte Beweise vorliegen gegen China, müsste der Bundesrat abwägen, wie er reagieren soll. Meist sei der Bundesrat zurückhaltend, sagt Ralph Weber. Eine öffentliche Bezichtigung könnte aussenpolitische Interessen gefährden. Zum Beispiel haben die Schweiz und China kürzlich die Verhandlungen über einen Ausbau ihres Freihandelsabkommens abgeschlossen. Unterzeichnet und verabschiedet ist der Vertrag noch nicht.
Die Schweiz versuche, Spionagefälle meist diskret zu lösen, etwa indem man Verdächtige einfach ausreisen lasse, sagt Weber. Deutschland hingegen mache auch chinesische Spionageaktionen vermehrt öffentlich.
Der Bundesrat wollte Beyond Gravity eigentlich verkaufen. Doch dann legte das Parlament aus sicherheitspolitischen Überlegungen sein Veto ein.
Noch ist offen, wie der staatliche Konzern positioniert werden soll. Mitte September beriet der Bundesrat über mögliche Lösungen, ohne zu einem Entscheid zu kommen.
Der Cyberangriff dürfte Beyond Gravity in dieser sensiblen Übergangszeit schwächen.
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