Mutige Wette oder Verzweiflungstat? : KI-Agenten sollen 2028 in BMW-Chefetage aufsteigen

Mutige Wette oder Verzweiflungstat? KI-Agenten sollen 2028 in BMW-Chefetage aufsteigen
12.10.2026, 17:37 Uhr
Von Lukas Wessling
Noch ist der Vorstand des BMW-Konzerns unter sich, wenn er über die Zukunft des Autobauers berät. Doch nicht mehr lange: Das Unternehmen plant, KI-Agenten einzubinden, und zwar auf höchster Ebene. Entscheidungen sollen so wesentlich schneller fallen.
BMW plant, künstliche Intelligenz in die Führungsebene einzuführen und setzt dafür im Einkauf auf den Einsatz von vier KI-Agenten. Diese sollen dabei helfen, geopolitische Risiken frühzeitig zu erkennen, die Produktqualität zu sichern und Kosten zu senken. Perspektivisch sollen spezialisierte Agenten über Abteilungsgrenzen hinweg zusammenarbeiten und selbst Aufgaben erledigen. Der Autobauer will ab 2028 ein "KI-orchestriertes Unternehmen" werden. Das berichten mehrere Medien übereinstimmend.
Der Schritt soll Personal sparen, das aber ist gewissermaßen nur ein Nebeneffekt. Denn BMW will mit den KI-Agenten bestehende Prozesse nicht nur beschleunigen. Das erklärte Ziel: Die Entscheidungsfindung dramatisch abkürzen. Führungsrunden sollen ihre Optionen vor Ort durchspielen können - ohne langwierige Rücksprache mit den einzelnen Abteilungen des Unternehmens halten zu müssen.
Die KI-Agenten führen dieser Vision zufolge Fachwissen aus den entferntesten Ecken des Konzerns zusammen, binden geopolitische Entwicklungen oder Börsendaten mit ein und das binnen Minuten. Die KI-Agenten sollen laut BMW-Vorstand Nicolai Martin Martin nicht ein weiteres Werkzeug sein, sondern ein neuer Kollege. Unter Umständen ein Kollege mit weitreichenden Befugnissen.
Und erklärtermaßen ein Kollege, von dem sich das Unternehmen allein im Einkauf Einsparungen im dreistelligen Millionenbereich erhofft. Das gesamte Einkaufsvolumen des BMW-Konzerns belaufe sich auf 80 Milliarden Euro, zitiert die Branchenzeitschrift "AutomotiveIT" den BMW-Vorstand Martin: "Schon kleine Verbesserungen bei Materialkosten, Kapazitäten oder Flexibilität besitzen damit einen ungleich größeren Hebel."
"Zunehmend herausforderndes Marktumfeld"
"Ein mutiger Schritt", urteilt der Auto- und IT-Experte Thomas Köhler im Gespräch mit ntv.de. Angesichts der bisherigen Erfahrungen mit agentischer KI hält er BMWs Zeitplan für "sehr optimistisch". Noch immer sei es schwer, die Modelle dazu zu bringen, vorgegebene Ziele zuverlässig zu verfolgen. Der Einsatz könne erhebliche Vorteile bringen, aber auch schiefgehen. Wie viel Unternehmen mit solchen Systemen tatsächlich sparen könnten, lasse sich noch nicht belastbar beziffern.
BMW plant den Umbau in drei Stufen. Bereits heute steht KI den Beschäftigten im Unternehmen beiseite, schreibt Mails oder Software. In der zweiten Stufe sollen Agenten ganze Abläufe übernehmen. Dafür bekommen sie Zugriff auf Datenbanken oder gar Produktionssysteme. Diesen Übergang vollzieht BMW gerade. Ab 2028 soll die dritte Stufe folgen: Im "KI-orchestrierten Unternehmen" verzahnen dann mehrere Agenten Produktion, Einkauf und Entwicklung.
Diesen straffen Zeitplan erklärt Auto-Experte Köhler mit dem wirtschaftlichen Druck, der auf der Branche lastet. Ende September stellte BMW ein Bündel an Maßnahmen vor, mit dem der Konzern sich demnach "auf ein in den kommenden Jahren zunehmend herausforderndes Marktumfeld" vorbereiten will. Eine dieser Maßnahmen: die Einführung von KI-Agenten. Was deutsche Hersteller laut Köhler zusätzlich motiviert: die chinesische Konkurrenz. Deren rasante Innovationszyklen, der vielzitierte "China-Speed" - ohne mehr Automatisierung sei das nicht erreichbar.
Köhler stimmt BMW insofern zu als auch er einen großen Nutzen für den Einkauf darin sieht, Lieferprobleme mit KI früh zu erkennen. Ein Agent könne viele Faktoren gleichzeitig und in kurzen Abständen prüfen: Wie entwickelt sich die Nachfrage? Wo drohen Ausfälle? Welche Bauteile könnten knapp werden?
Köhler erinnert sich an einen Chip für die Ladetechnik eines Autos, der zunächst etwa fünf Euro gekostet habe. Als die Fabrik in Südostasien während der Pandemie stillstand, sei der Preis bei Zwischenhändlern auf bis zu 500 Euro gestiegen. Das habe die Kalkulation des Ladekabels gesprengt, in dem der Chip steckte. Der Zulieferer habe deshalb einen anderen, noch verfügbaren Chip beschaffen und die gesamte Software neu schreiben müssen.
"In zwei Prozent der Fälle halluziniert sie"
Der Einkauf ist nur ein Teil von BMWs KI-Strategie. Agenten sollen auch die Fahrzeugentwicklung unterstützen. Die Software des KI-Unternehmens CodeRabbit, an dem BMW beteiligt ist, hilft bereits mehr als 1000 Entwicklern bei der Codeprüfung. Parallel will der Konzern bis Mitte 2027 die Zahl seiner Bereiche und zugeordneten Managementfunktionen um 20 Prozent senken. KI soll helfen, mit schlankeren Strukturen schneller zu entscheiden.
Gerade dabei sieht Köhler Risiken. Ein Agent mit dem Auftrag, Kosten zu senken, könnte an Stellen sparen, die seine Auftraggeber nicht vorgesehen haben. Erfinde ein System etwa eine Norm zur Materialfestigkeit und niemand bemerke den Fehler, könnten die Folgen erst Jahre später sichtbar werden. Besonders gefährlich werde es, wenn Beschäftigte den Ergebnissen blind vertrauten und die Fachleute keine Zeit mehr hätten, sie zu prüfen.
Der Konzern müsse außerdem sein Wissen und das seiner Zulieferer schützen, mahnt Köhler. Wenn Agenten Zugriff auf Herz und Hirn des Unternehmens bekommen, müsse das auf Grundlage eines Open-Source-Modells stattfinden, das auf eigenen Servern laufe. Er kenne die konkreten technischen Pläne des Konzerns nicht, betont Köhler im Gespräch mit ntv.de, zeigt sich aber zuversichtlich, dass bei der Geschwindigkeit der aktuellen Entwicklung im Jahr 2028 ausreichend fähige Modelle zur Verfügung stehen werden.
Ob die Wette aufgeht, hängt für Köhler damit weniger von der Leistungsfähigkeit der KI ab. Viel wichtiger: Menschen müssten ihre Ergebnisse prüfen können - mit genügend Zeit und Fachwissen. In 98 Prozent der Fälle funktioniere die KI, "aber in 2 Prozent halluziniert sie". Es entstünden Fehler, potenziell fatale. Und dann brauche es "einen Mensch, der die Fehler entdeckt und korrigiert".
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