Opferberatung in Sachsen-Anhalt: Zum Jubiläum braucht es Solidarität

Seit 25 Jahren unterstützt die Mobile Opferberatung Betroffene rechter Gewalt. Doch ein Thema trübt die Freude bei der Jubiläumsfeier.
Foto: Sebastian Christoph Gollnow/dpa
Zwei goldene Ballons schweben im Scheinwerferlicht auf der Bühne, gemeinsam bilden sie die Zahl 25. Darunter stehen drei Blumensträuße. Die Mobile Opferberatung Sachsen-Anhalt feiert Dienstagnachmittag ihren 25. Geburtstag. Es gibt alkoholfreien Sekt, Pommes, Falafel. Rund 100 Gäst:innen lauschen in einem kleinen Theater in Halle (Saale) den Festreden. Und es gibt viel zu loben: detaillierte Statistiken zu rechter Gewalt, mehr als 13.000 Beratungen von Betroffenen. Trotzdem ist die Stimmung gedrückt.
Nach der Landtagswahl im September ist unklar, wie lange es für die Opferberatung in Sachsen-Anhalt weitergeht. Die AfD, die bei der Wahl rund 44 Prozent der Stimmen bekam, könnte ab nächstem Monat die Regierung anführen. Schon in ihrem Wahlprogramm hatte sie angekündigt, dem Verein Miteinander, zu dem die Mobile Opferberatung gehört, die finanzielle Grundlage zu entziehen.
Am Dienstagnachmittag in Halle benennt jede einzelne Rede diesen Umstand. Die Soziologin Katharina Warda und die Schriftstellerin Manja Präkels zeigen zudem auf, wie der Rechtsruck in der Gesellschaft sichtbar wird, welche Parallelen es zu den 90ern gibt, zu den sogenannten Baseballschlägerjahren. Und sie stellen dem etwas entgegen: Solidarität. „Solange es ein Wir gibt, gewinnen wir“, sagt Katharina Warda. „Genaugenommen ist sich wehren Pflicht“, sagt Präkels.
Aus diesen Gedanken heraus entstand auch vor 25 Jahren die Mobile Opferberatung in Sachsen-Anhalt. Die Mitarbeiter:innen beraten Betroffene rechter Gewalt beim Umgang mit der Erfahrung, begleiten sie etwa bei den Strafverfahren ins Gericht und versuchen, vor Ort die Situation so zu verbessern, dass Angriffe unwahrscheinlicher werden. Dabei ergreift die Beratung Partei, übernimmt die Perspektive der Betroffenen.
Finanzierung in Gefahr
Es geht um Fälle wie etwa Mitte Mai 2026, als drei Männer in der Straßenbahn zwei Jugendliche erst rassistisch beleidigen, dann ins Gesicht schlagen und schließlich mit einer abgebrochenen Bierflasche verletzen. Oder um den Fall aus dem Januar, als dem Organisator eines CSDs in einer Kneipe auf dem Weg zur Toilette zuhören bekommt, man solle ihn ins KZ stecken. Solche Angriffe sammelt die Mobile Opferberatung in ihrer Chronik, veröffentlicht sie. Durch die jährliche Statistik macht sie nachvollziehbar, wie sich rechte Gewalt in Sachsen-Anhalt entwickelt.
Auf dem Jubiläumsfest in Halle hält zunächst Susi Möbbeck (SPD) eine Rede als Staatssekretärin des Sozialministeriums der geschäftsführenden Landesregierung von Sachsen-Anhalt. Die Bilanz der Opferberatung zeige wie notwendig deren Arbeit sei. „Sie hören zu, wenn andere wegsehen“, lobt Möbbeck.
Doch auch Möbbeck zeigt sich besorgt. „Wir müssen damit rechnen, dass die Landesförderung über kurze oder mittlere Frist komplett abbrechen.“ In den kommenden Wochen gehe es darum, die Förderung zumindest für nächstes Jahr abzusichern, sagt sie. Was sie nicht sagt: Weil die Finanzierung bislang nicht gesichert ist, musste die Opferberatung ihre Mitarbeiter:innen vorerst kündigen.
Kurz darauf erscheint Elisabeth Kaiser (SPD), die Ostbeauftragte der Bundesregierung, per Videobotschaft im Theater. Früher seien die Opfer rechter Gewalt allein gewesen, nicht ernst genommen worden. Heute stehe die Opferberatung an deren Seite. In den schwierigen Zeiten wolle Kaiser deshalb in der Bundesregierung für Unterstützung der Zivilgesellschaft einsetzen, damit die auch die Opferberatung weiter arbeiten kann. „Bleiben Sie ein Ort für alle, die nach einem Angriff nicht alleingelassen werden dürfen“, gratuliert sie abschließend nochmal zum Jubiläum.
Nach zwei Stunden voller Reden folgt auf der Bühne in Halle ein kurzer Umbau und dann eine Diskussionsrunde. Auf die Frage, was mit der Mobilen Opferberatung verloren gehen würde, antwortet Rechtsanwalt Sebastian Scharmer: Die Perspektive der Betroffenen habe bei staatlichen Behörden immer noch kein prägendes Gewicht. Oft werde noch nicht einmal die politische Motivation von Angriffen erkannt.
Dem widerspricht dann Antje Arndt, Projektleiterin der Mobilen Opferberatung Sachsen-Anhalt – zumindest ein bisschen. In den vergangenen Jahren habe sich einiges geändert. „Wir können auf Augenhöhe mit Vertretern der Polizei und Politik reden“, sagt sie. Ihre Sorge sei, dass unter einer AfD-Regierung auch solche Ansprechpartner:innen verschwinden könnten.
Was es jetzt brauche, sagt Arndt etwas später noch der taz, sei „Solidarität auf allen Ebenen“. Dabei dürften vor allem die nicht vergessen werden, die unter einer AfD-Regierung besonders leiden würden: Die Opfer rechter Gewalt.
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