Gefahr für Menschen bestand: Gutachter: Nord-Stream-Explosionen hätten kleinere Schiffe versenkt

Gefahr für Menschen bestandGutachter: Nord-Stream-Explosionen hätten kleinere Schiffe versenkt
04.11.2026, 13:54 Uhr

Im Nord-Stream-Prozess in Hamburg ist ein Gutachter geladen. Er schätzt für das Gericht ein, was Schiffen und deren Besatzung gedroht hätte, wenn sie sich zum Zeitpunkt der Sprengungen im Explosionsgebiet aufgehalten hätten. Das Fazit des Spezialisten: Selbst große Schiffe wären in Gefahr gewesen.
Das schlagartig entweichende Gas bei der Sprengung der Nord-Stream-Pipelines in bis zu 80 Metern Tiefe hätte kleine Schiffe an der Wasseroberfläche nach Einschätzung eines Sachverständigen versenkt. "Kleine Schiffe haben absolut keine Chance", sagte der Wasserbauspezialist Mario Oertel von der Bundeswehruniversität Hamburg vor dem Hanseatischen Oberlandesgericht.
Er legte am dritten Prozesstag im Verfahren um den Anschlag auf die Nord-Stream-Pipelines dar, was passiert wäre, wenn zum Zeitpunkt der Explosionen an der Stelle Schiffe gefahren wären. Das Ergebnis etwa für Jachten und Segelschiffe mit einer Länge von 12 bis 15 Metern: "Es ist davon auszugehen, dass Schiffe dieser Größe kentern oder sinken würden, wenn sich diese unmittelbar über der Blasenfahne im Bereich der Fontäne befinden", erklärte Oertel. Menschen könnten stürzen oder über Bord gehen.
"Im Bereich der gasbeeinflussten, sauerstoffarmen Zone bestehen Gefahren des Ertrinkens und wohl auch des Erstickens." "Mein erstes Bauchgefühl war, da wird alles versenkt", sagte Oertel. Diese Hypothese habe sich in der Analyse aber nicht bestätigt. Schon mittelgroße Schiffe, etwa Stückgutfrachter, dürften eher nicht sinken, wenn sie in den ersten Sekunden durch das Explosionsgebiet fahren würden. Oertel schränkte aber ein: "Fahrstabilität und Manövrierfähigkeit können sicherheitsrelevant beeinträchtigt werden." Auch die Ladungssicherheit wäre nicht mehr gewährleistet.
Selbst große Schiffe, etwa Containerschiffe, hätten die Folgen der Explosionen gespürt, ist sich der Experte sicher. Das Fahrverhalten, die Manövrierfähigkeit und die Ladungssicherung wären beeinträchtigt. "Insgesamt ist für große Schiffe von einer geringeren, jedoch nicht vernachlässigbaren Gefährdung auszugehen." Die Initialphase der Explosion sei viel krasser gewesen, "als wir es uns vorstellen können", betonte Oertel.
Oertel: Rasanter Druckabfall nach Sprengungen
Er ging in seinem Gutachten davon aus, dass in der Pipeline Nord Stream 1 ein Druck von 165 bar herrschte - das entspricht einer Wassersäule von fast 1700 Metern - und in der Pipeline Nord Stream 2 von etwa 103 bar. Nach der Explosion mehrerer Sprengsätze am Grund der Ostsee am 26. September 2022 fiel den Angaben zufolge der Druck in der einen Leitung innerhalb von zehn Stunden auf 16 bar, in der anderen innerhalb von sieben Stunden auf ein hydrostatisches Niveau, der Gasinnendruck in der Pipeline war also nicht mehr existent.
Für die ersten Sekunden ging Oertel an der Sohle von einem Gasaustritt von 165 Kubikmetern pro Sekunde aus. Die Ausdehnung des an der Oberfläche blubbernden Gas-Wasser-Gemischs bezifferte er auf etwa 500 mal 600 Meter. Die Auswurfhöhe im etwa 40 Meter großen Zentrum habe etwa elf Meter betragen, teils sogar bis 20 Meter - "was wirklich massiv viel ist", sagte Oertel.
Vor Gericht steht der frühere Offizier einer Spezialeinheit des ukrainischen Militärs Serhij Kusnjezow. Die Bundesanwaltschaft wirft dem 50-Jährigen vor, der Drahtzieher hinter der Sprengung der Ostsee-Gaspipelines gewesen zu sein. Kusnjezow soll die Explosionen gemeinsam mit sechs weiteren Tätern verursacht haben. Er sitzt seit November 2025 in Untersuchungshaft. Wegen des Einsatzes verbotener Methoden der Kriegsführung durch einen Angriff gegen zivile Objekte lautet die Anklage auf Kriegsverbrechen. Außerdem wird der 50-jährige Kusnjezow beschuldigt, eine Sprengstoffexplosion herbeigeführt, Bauwerke zerstört und öffentliche Betriebe gestört zu haben.
Im weiteren Verlauf des Verhandlungstages soll am Nachmittag noch ein Beamter des Bundeskriminalamts als Zeuge berichten, wie die Ermittler auf die Spur der Segeljacht "Andromeda" gekommen sind, mit der die Saboteure zum Anschlagsort vor der dänischen Insel Bornholm gekommen sein sollen.
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