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Thursday, October 8, 2026

Bibiana Beglau spielt fürs Leben: In Oleshky heißt es, "die verhungern sowieso"

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Bibiana Beglau spielt fürs LebenIn Oleshky heißt es, "die verhungern sowieso"

08.10.2026, 15:38 Uhr imageVon Sabine Oelmann

Wer in Berlin am Freitagabend noch nichts vorhat, sollte diesen Text lesen: Bestes Theater, ausgezeichnetes Essen und Gutes tun in einem. Der Erlös geht in die Ukraine.

Bibiana Beglau ist es gewohnt, auf großen Bühnen zu stehen: Burgtheater, Film, Fernsehen. Jetzt ist sie in Berlin zu erleben - in einem Restaurant, hautnah, zwischen Tischen, Tellern und Gläsern, zusammen mit großartigen Kolleginnen und Kollegen. Gespielt wird "Nathan, der Weise".

Die ganz großen Schauspielerinnen wurden früher Diven genannt. Heute hat das Wort einen leicht verstaubten Charme. Und trotzdem möchte man es bei Bibiana Beglau am liebsten verwenden, solange sie auf einer Bühne steht, solange sie auf einer Leinwand zu sehen ist: Da ist diese Wucht, diese Präsenz, diese unverwechselbare Stimme. Eine Schauspielerin, bei der man nicht lange überlegen muss, wer da gerade einen Raum betreten hat. Im wirklichen Leben erledigt sich der Begriff allerdings ziemlich schnell: Wer Bibiana Beglau "Diva" nennt, bekommt ein raues, lautes, völlig unprätentiöses Lachen.

Beglau lebt derzeit in Wien und spielt am Burgtheater. In "Sankt Falstaff" von Ewald Palmetshofer, einer freien Bearbeitung von Shakespeares "Heinrich IV.", steht sie als "Das Hirn" und als Henry Percy, genannt "Hitzkopf", auf der Bühne. Die Inszenierung von Karin Henkel wird von der Kritik nicht durchgehend freundlich aufgenommen, manche Kritiker nehmen Stück und Inszenierung ziemlich hart auseinander. Beglau dagegen wird gerade von diesen Kritikern ausdrücklich gelobt.

Jetzt ist sie in Berlin, die Stadt ist ihre zweite Heimat, hier hat sie ihre Wohnung, ihre Freunde, ihr Leben außerhalb des Theaters. Wien und Berlin, sagt sie, seien für sie ein gutes Gegenprogramm: "Die Städte ergänzen sich für mich. Was in Berlin hektisch und schnell ist und einen wahnsinnigen Drive hat, ist in Wien bedächtiger und fokussierter. Das eine ist so gut wie das andere, eben ergänzend."

Jetzt geht es um diesen einen Abend im Restaurant Kreuzberger Himmel, das Beglau schon lange kennt. Die Geschichte beginnt 2015: Damals kamen viele Menschen, die vor dem Krieg nach Berlin geflohen waren. Die Behörden waren überfordert, Unterkünfte fehlten, Menschen schliefen auf der Straße, in Parks, irgendwo. Über einen gemeinsamen Kontakt lernte Beglau Andreas Tölke von Be an Angel kennen und bot spontan ihre Wohnung an. Drei junge Syrer zogen bei ihr ein. Einer von ihnen war Bakri Kamurgi, heute Geschäftsführer des Kreuzberger Himmels. Seit 2018 wird dort ausschließlich mit Menschen mit Fluchterfahrung gearbeitet.

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Bibiana Beglau mit Bakri Kamurgi, dem Geschäftsführer des Kreuzberger Himmels. (Foto: privat)

Beglau ist immer wieder dort zu Gast. Sie mag das Restaurant, die Küche - und sie kennt die Arbeit von Be an Angel inzwischen seit Jahren. Vor einem Jahr stand sie dort schon einmal "auf der Bühne", wobei es eigentlich keine Bühne gab. Gemeinsam mit Meike Rötzler und Johann von Bülow trat sie im voll besetzten Restaurant auf, zwischen Tellern, Gläsern und Gesprächen. Kein schwarzer Vorhang, kein Zuschauerraum, keine schützende Entfernung. "Ich finde es gut, nah am Publikum zu sein. Publikum macht mir keine Angst. Mir macht es Spaß und mich erfüllt es, unmittelbare Reaktionen erleben zu können", sagt Beglau.

Sie beschreibt damit genau das, was diesen Ort für sie offenbar reizvoll macht: Die Zuschauer sitzen nicht anonym im Dunkeln, sondern unmittelbar vor ihr, nur wenige Meter entfernt. Jede Geste, jeder Blick, jede Bewegung kommt direkt an. "Die Menschen, die Gäste, die Zuschauerinnen und Zuschauer sind wahnsinnig konzentriert und verfolgen jede Geste, jeden Schritt." Dazu muss man Profi sein, um so etwas hinlegen zu können.

Genau diese Nähe wird nun wieder eine Rolle spielen, wenn Beglau gemeinsam mit dem Kollegen und der Kollegin "Nathan, der Weise" spielt. Wieder im Kreuzberger Himmel, einem Restaurant, in dem Menschen unterschiedlicher Religionen und Herkunft gemeinsam arbeiten und damit jeden Tag vorleben, worüber Lessings Stück spricht: Drusen, Muslime und Juden, ebenso wie Menschen mit Fluchterfahrung, die nicht nur eine Unterkunft gesucht haben, sondern sich ein eigenes Leben aufgebaut haben - ein eigenes Restaurant, einen Arbeitsplatz, eine Perspektive.

Lessings Stück handelt von Religion, Vorurteilen und der Frage, was Menschen miteinander verbindet, wenn sie unterschiedlichen Glaubens sind. Im Kreuzberger Himmel ist diese Frage keine abstrakte Theateridee. Sie sitzt am Tisch, steht hinter der Theke und kommt aus der Küche. Vielleicht ist genau das der spannendste Grund, "Nathan, der Weise" ausgerechnet hier zu spielen.

"Wie ein Computerspiel - es ist aber Krieg"

Und dann kommt der zweite Grund: Oleshky. Die Stadt liegt auf der anderen Seite des Dnipro, gegenüber von Kherson, im russisch besetzten Teil der Ukraine. Über 2000 Menschen leben dort noch, darunter rund 500 Kinder. In Kherson werden Menschen inzwischen mit russischen Drohnen gejagt. Der Pilot sitzt irgendwo auf der anderen Seite des Flusses, sieht über die Kamera seines Fluggeräts, wen er verfolgt, und entscheidet, wann er angreift.

In Oleshky ist die Lage dramatisch: Die Stadt ist von einem Drohnengürtel umgeben, russische Drohnenpiloten können dort trainieren, Menschen werden zu Trainingszielen. Es klingt wie ein Computerspiel. Es ist aber Krieg. Seit Mai kommen reguläre Lebensmittel-Lieferungen kaum noch in die Stadt. Geschäfte sind geschlossen, Medikamente fehlen. Die Menschen sitzen fest. Minen und Drohnen machen Fluchtversuche lebensgefährlich. Ein russischer Soldat hat dem Fahrer eines Lebensmitteltransports gesagt: "Dreht um. Die verhungern sowieso."

Beglau kennt die Situation, weiß aber aus zuverlässiger Quelle, dass es über die Kontakte, die Be an Angel über Jahre in der Ukraine aufgebaut hat, weiterhin möglich sei, Menschen aus Oleshky herauszubringen. Nur ist dieser Weg lebensgefährlich. Die Menschen müssen zunächst mehr als 23 Kilometer allein bis zum nächsten Dorf zurücklegen. Dort werden sie von Helfern mit Minibussen und Privatfahrzeugen übernommen und über Umwege weitergebracht. Wie genau die Route funktioniert, kann nicht öffentlich gemacht werden. Zu groß ist die Gefahr, dass Informationen über Kommunikation und digitale Überwachung in russische Hände gelangen.

Es ist eine Evakuierung, die nicht auf einer Landkarte beginnt, sondern mit einem Menschen, der sich irgendwann entscheidet, loszulaufen. Für diese Rettungen wird Geld gebraucht. Deshalb haben sich Meike Rötzler, Johann von Bülow und Bibiana Beglau kurzfristig entschlossen, wieder gemeinsam im Kreuzberger Himmel aufzutreten - ein Theaterabend mit einem sehr konkreten Ziel.

Drei-Gänge-Menü, Schauspiel, Literatur - alle Einnahmen gehen an die Evakuierungen aus Oleshky. 70 Euro kostet das Ticket inklusive Drei-Gänge-Menü. Das ist weniger, als eine Theaterkarte in Berlin inzwischen häufig kostet, und gleichzeitig mehr als eine Eintrittskarte: Mit dem Geld wird eine konkrete Rettung möglich. Beglau liebt, wie pragmatisch diese Art der Hilfe ist, dass Be an Angel so unglaublich pragmatisch auf Notstände reagiert. 2015 war das so, im März 2022 war es wieder so. Seit Beginn des russischen Großangriffs hat der Verein nach eigenen Angaben 25.000 Menschen aus Frontgebieten evakuiert und gerettet. Was Beglau an dem Verein besonders wichtig ist: Er hört nicht auf. In Deutschland geht es um Einzelfallberatung, Ausbildung, Arbeit und darum, Menschen mit Fluchterfahrung ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. In der Ukraine geht es inzwischen auch um Kinder, die mit dem Krieg leben müssen. Zwei Zentren bieten ihnen Räume, in denen sie für ein paar Stunden nicht nur Kinder aus einem Krieg sind.

Vielleicht passt genau deshalb der Abend im Kreuzberger Himmel so gut zu Bibiana Beglau: Ein Stück über Religion, Menschlichkeit und die Frage, was Menschen verbindet. Ein Restaurant, in dem genau diese Verbindung seit Jahren gelebt wird. Eine Schauspielerin, die ausnahmsweise nicht auf einer großen Bühne steht, sondern mitten im Publikum. Und Menschen, für die dieser Abend weit mehr ist als Theater. Eine Diva würde darüber wahrscheinlich lachen - Bibiana Beglau fängt lieber an, zu spielen.

Restaurant Kreuzberger Himmel, Yorkstraße 89, 10965 Berlin, 19:30 Uhr - "Nathan, der Weise" mit Bibiana Beglau, Meike Rötzler und Johann von Bülow, drei-Gänge-Menü inklusive Eintritt: 70 € (alle Einnahmen unterstützen die Evakuierung von Menschen aus Oleshky); Anmeldung: kathrin.ast@be-an-angel.org

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