Folgen des Hitzesommers 2026 – Stille Krise unter Wasser: Wo sind die Fische geblieben?

So viele ausgetrocknete Gewässerabschnitte in kleinen und mittleren Bächen hat es in der Schweiz noch nie gegeben. «In diesem Rekordsommer sind deshalb Millionen Fische bei uns verendet», sagt der Biologe David Bittner, Geschäftsführer vom Schweizerischen Fischerei-Verband.
Dies ist eine erste Hochrechnung aufgrund der bisherigen Beobachtungen in den betroffenen Gebieten. «Allein in der Emme unterhalb von Burgdorf sind hunderttausende Groppen und hunderte Forellen gestorben, weil sie über mehrere Kilometer kein Wasser mehr gehabt hatten», fügt Bittner hinzu.
Anders sieht die Situation in grossen Flüssen wie etwa Rhein, Aare oder Limmat aus. Gemäss Fachleuten verschiedener Kantone war die Fischkatastrophe dort praktisch nicht sichtbar. Denn zum einen war der Bestand vieler kältebedürftiger Fischarten wie Äsche und Forelle aufgrund früherer Hitzesommer oft bereits stark dezimiert. Zum anderen konnten die verbleibenden Tiere entweder vorübergehend in letzte kühle Rückzugsorte fliehen oder ihr Sterben wurde nicht bemerkt.
«In den vergangenen Jahren haben wir als Schutzmassnahmen lokale Kaltwasserzonen wie etwa spezielle Vertiefungen des Flussbetts geschaffen», sagt Lukas Bammatter, Co-Leiter der Fischerei- und Jagdverwaltung des Kantons Zürich. So stosse zum Beispiel beim Kiesstrand «Chuetränki» in der Nähe von Rheinau kühleres Grundwasser in den Rhein, wodurch die Temperaturen dort zum Überleben für kältebedürftige Fische gerade noch ausgereicht hätten.
Dichtestress an Rückzugsorten
In dieser kleinen «Oase» am Rhein, wo eigentlich sonst gerne Leute baden, hielten sich dann hunderte Äschen auf einmal auf. Diese Dichte an Fischen ist auf Dauer jedoch eine zusätzliche Belastung. «Da es in diesem Sommer gleich mehrere, langandauernde Hitzeperioden in Folge gab, hatten Forellen und Äschen generell tiefere Überlebenschancen», erklärt Bammatter. So seien nach der vierten Hitzewelle auch nur noch wenige Fische in den Kaltwasserzonen gesehen worden.
«Der Sommer 2026 war nochmals extremer als die Ereignisse von 2003, 2018 und 2022», sagt der Zürcher Experte. Bäche und Flüsse lagen streckenweise trocken, die früher nie ein Problem gewesen seien – etwa die Reppisch oder der mittlere Teil der Töss.
Im Kanton Zürich werden im Gegensatz etwa zum Kanton Bern oder Schaffhausen keine Notabfischungen mehr gemacht. «Wir haben festgestellt, dass wir damit mehr Schaden als Nutzen anrichten», sagt Bammatter. Die bereits geschwächten Fische würden durch die elektrische Abfischung zusätzlich gestresst und dann an Orten ausgesetzt, wo sich bereits weitere gestresste Fische aufhielten und sie um den schwindenden Platz konkurrenzierten. Die Überlebenschancen der Tiere würden sich durch die Umsiedlung somit kaum verbessern.
Mehr Schatten durch Bäume
Wichtiger sei es deshalb, betont Bammatter, in Zukunft deren Lebensraum noch weiter zu verbessern. Zum Beispiel mit noch mehr Schatten durch geeignete Vegetation am Ufer, was im Wasser drei oder vier Grad Celsius weniger bedeuten könne. Zudem müssten auch kleine und mittlere Bäche durchgehend fischgängig gemacht werden und mit möglichen Zufluchtsorten aufgewertet werden.
In den stark betroffenen, ausgetrockneten Gewässern – wie beispielsweise der Reppisch – blieben die Fischkadaver nicht lang liegen. «Sie wurden sofort von Füchsen, Graureihern, Wasseramseln, Kormoranen oder auch herumschleichenden Katzen gefressen», sagt Bammatter. Die Natur habe dort schnell aufgeräumt.
Der Wels als grosser Gewinner
Nicht alle Fischarten reagieren gleich empfindlich auf Hitze. Welse zum Beispiel, die knapp drei Meter lang werden können, profitieren von den hohen Temperaturen im Sommer. «Früher war es eine kleine Sensation, wenn man mal einen gesehen hat», sagt Samuel Gründler, Präsident des Fischereiverbands Schaffhausen.
Heute sind Welse in der Schweiz vielerorts stark verbreitet – vor allem dort, wo es etwas zu fressen habe. So seien die Kaltwasserzonen mit den grossen Fischansammlungen etwa im Rhein für sie geradezu wie ein Serviertablett gewesen, erklärt Gründler. «In der Nacht jagen die Raubfische dort, da es leichte Beute für sie ist und fast wie ein gedeckter Tisch».
Der Grösste von ihnen war ein Gigant von 1.86 Metern.
In letzter Zeit hat sich der Bestand der Welse tatsächlich auffällig vermehrt. Auch ein mehrjähriges Projekt des Wasserforschungsinstituts Eawag liefert Hinweise darauf, dass Welse vielerorts häufiger vorkommen. Denn neben wärmeliebenden und weit verbreiteten Fischarten wie Barbe oder Alet wurden auch Welse in den untersuchten Flüssen wie Aare, Rhein und Reuss besonders oft gefangen. Dagegen nur wenige Forellen oder Äschen.
«Wir haben bisher insgesamt über 750 Fische von 13 verschiedenen Arten mit einem Sender ausgestattet», sagt die Eawag-Forscherin Sara Süess. Darunter seien viele Welse gewesen – fast jeder Fünfte. «Der Grösste von ihnen hatte sich bei der Thurmündung in den Rhein aufgehalten und war ein Gigant von 1.86 Metern.»
Doch warum kam es in diesem Sommer trotz der Rekordhitze und Rekordtrockenheit nicht erneut zu einem Massensterben im Rhein? «In den vergangenen Wochen haben wir tatsächlich fast keine toten Äschen gesehen», sagt der Schaffhauser Experte Samuel Gründler. Das liege auch daran, dass es aufgrund der vorherigen Hitzesommer kaum noch welche gehabt habe.
Der Bestand brach beim Extrem-Ereignis 2003 um über 90 Prozent ein und hat sich seither nicht mehr richtig erholt. «Damals haben wir im Hochrhein zwischen Stein am Rhein und Schaffhausen fast zwanzig Tonnen Äschen entsorgen müssen», erklärt Gründler. Danach habe sich wieder ein kleinerer, aber stabiler Bestand etabliert. 2018 hätten sie auch auf aufgrund der grossflächigen Schutzmassnahmen dann nur rund drei Tonnen tote Fische entsorgen müssen.
«In der Aare bei Bern haben wir dagegen noch kein grosses Äschesterben wie im Hochrhein gehabt», sagt Michael Häberli, Bereichsleiter im Fischereiinspektorat vom Kanton Bern. Sie hätten Glück gehabt, dass sich die Gewässer auch diesen Sommer immer noch rechtzeitig wieder durch kurze Gewitter abgekühlt hätten. Zudem hätten viele Äschen an kühleren Mündungen Zuflucht gefunden.
Dennoch sah die Situation auch im Kanton Bern in den Bächen oft dramatisch aus. «An einigen Orten wie beispielsweise an der Emme haben wir einen grossen Aufwand betrieben, um die Fische in den noch kühleren Abend- oder Morgenstunden mit Strom abzufischen und umzusiedeln», sagt Häberli. Immerhin hätten sie damit viele Fische vor dem sicheren Erstickungstod gerettet und an wassersichere Stellen bringen können.
Verbaute Fliessgewässer
Eigentlich sollten die Fische von allein in kühlere Gebiete flüchten können. Doch in den Schweizer Gewässern hat es insgesamt rund 170’000 Verbauungen wie Kraftwerke, Staustufen oder Wehre, die vielerorts Wanderungen zwischen Lebensräumen erschweren oder verhindern.
Deshalb sind vor allem die Vernetzung der Gewässer sowie auch Renaturierungen nötig, damit Fische gefahrenfrei Zufluchtsorte aufsuchen können. «Das Tempo für solche Massnahmen muss deutlich erhöht werden», erklärt Häberli. Denn dies sei immer der Königsweg.
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.