«Mutter aller Strassen» – Route 66: Amerikas Strasse der Freiheit – und zerplatzter Träume

Millionen Menschen brachte die Route 66 zu ihren Blütezeiten in den Westen. Sie verbindet eintönige Ackerlandschaften mit Wüstengebieten und Wirtschaftsmetropolen. Und sie bleibt unvergessen. In ihrem 100. Jubiläumsjahr bringt die «Mutter aller Strassen» Menschen zusammen.
Hoffnungsträgerin für ein gespaltenes Land
Mit dem Mythos des Neubeginns können sich in den USA alle identifizieren. «Das macht die Symbolkraft der Route 66 so wichtig, dass sie überparteilich dasteht», sagt Astrid Fellner. Die Professorin für amerikanische Literatur bereist mit ihren Studierenden regelmässig die Route 66, da sie buchstäblich erfahrbar mache, wie vielseitig die USA sind.
Kaum eine Strasse hat die amerikanische Kultur so geprägt wie die Route 66. Eine Road to Freedom ist sie für Nick Spitzer, Host und Produzent der Radiosendung «American Routes» und regelmässig auf der Route 66 unterwegs: «Es geht nicht darum, an einem bestimmten Ort anzukommen, sondern darum, zu vielen unterschiedlichen Orten unterwegs zu sein. Die Strasse selbst ist das Ziel.»
Alte Diners, verlassene Tankstellen, Neonreklamen und endlose Wüstenstrassen sind längst zu ikonischen Motiven der amerikanischen Popkultur und Fotografie geworden. «All die Dinge, die wir aus Werbung und Filmen kennen und die wir mit den USA assoziieren, sind an der Route 66 entstanden», sagt Astrid Fellner.
Die Route 66 verbindet auf einer Länge von 3940 Kilometern Chicago mit Los Angeles und führt durch acht US‑Bundesstaaten.
Offiziell eröffnet wurde sie am 11. November 1926. Berühmt wurde sie als «Mother Road», ein Name, den der Schriftsteller John Steinbeck prägte. In den 1930er-Jahren diente die Strasse Hunderttausenden Menschen als Fluchtroute während der Dust-Bowl-Krise und wurde zu einer der wichtigsten Migrationsachsen in den amerikanischen Westen.
Ihre Blütezeit erlebte die Route 66 in den 1950er-Jahren, als mit dem Aufstieg der automobilen Mittelschicht eine eigene Kultur aus Diners, Motels und Tankstellen entstand. Mit dem Ausbau der Interstate Highways verlor die Strasse ab 1956 jedoch zunehmend an Bedeutung, bis sie 1985 offiziell aus dem US-Highway-System gestrichen wurde.
Heute gilt die Route 66 als Symbol der amerikanischen Car Culture und zieht als legendäre Kultstrasse Besucherinnen und Besucher aus aller Welt an. Im Jahr 2026 feiert sie ihr 100-jähriges Bestehen.
Für die Amerikanistin ist die Route 66 eine Art Quintessenz der amerikanischen Strasse. Derart romantisiert wird sie aber erst nach ihrem offiziellen Ende. Zuvor ist sie immer wieder Schauplatz menschlicher Not.
«Mother Road»: Lebensader in der Hungerkrise
Während der 1930er-Jahre wird die Route 66 zur Fluchtroute. Staubstürme machen die Äcker im Mittleren Westen unfruchtbar. Abertausende verlassen ihr Zuhause, das keines mehr ist, weil die Dürre ihnen die Lebensgrundlage entzogen hat. Die Flucht führt über die Route 66 nach Westen, wo sie auf eine neue Existenz hoffen.
Für Woody Guthrie ist die Strasse in jener Zeit eine «old, dusty road». Der Singer/Songwriter ist selbst von der Hungerkrise betroffen und verarbeitet sie eindrücklich in seiner Musik. Auch John Steinbeck beschreibt die Landflucht. In seinem Roman «Früchte des Zorns» verewigt er die Route 66 als «Mother Road».
«Die Strasse wird zu einer Mutterfigur, einer Hoffnungsträgerin, fast zu einer Person, die sich kümmert. Und das Schlimme ist natürlich, dass die Realität eine ganz andere war», sagt Astrid Fellner, «der Hunger wurde immer grösser, auf der beschwerlichen Reise über die Rocky Mountains».
Hollywood entdeckt den Reiz der Route 66
Die Flüchtenden gelangen zwar nach Kalifornien, aber nicht automatisch in ein besseres Leben. Guthrie und Steinbeck zeigen, dass der amerikanische Traum für viele Migrantinnen und Migranten entlang der Route 66 unerreichbar bleibt. Dank ihres kritischen Blicks entdeckt auch Hollywood die Strasse.
Die frühe Verfilmung von Steinbecks Roman bringt die beschwerliche Reise einer Flüchtlingsfamilie von Oklahoma nach Kalifornien auf die Kinoleinwand. Mit dem Roadmovie «Easy Rider» wird die Route 66 später zur Projektionsfläche einer rebellischen Hippie-Generation. Statt Wohlstand steht nun individuelle Freiheit im Zentrum.
Wenig später erzählt «Two-Lane Blacktop» von jungen Strassenrennfahrern im amerikanischen Südwesten, während in «Rain Man» zwei Brüder über Teilstücke der Route 66 reisen. Einen liebevollen Blick auf die vergessenen Orte entlang der Strecke wirft schliesslich der Animationsfilm «Cars», der 2006 vom Niedergang der historischen Route 66 erzählt. Und musikalisch setzt der Song «(Get Your Kicks on) Route 66» der Strasse ein Denkmal.
Soundtrack für die Nachkriegsjahre
Kaum ein Lied hat den Mythos der Route 66 so geprägt wie «(Get Your Kicks on) Route 66» von 1946. Geschrieben wurde es von Bobby Troup, einem jungen Ex-Soldaten aus der weissen Mittelschicht des Nordostens, der nach dem Zweiten Weltkrieg vom grossen Durchbruch in Los Angeles träumt.
Auf seiner Fahrt nach Kalifornien schreibt er einen Road Song, der die Stationen seiner Reise aufzählt – von St. Louis über Oklahoma City und Amarillo bis nach San Bernardino. In Los Angeles angekommen, spielt Troup den Song Nat King Cole vor. Der Entertainer macht ihn zum Hit. Und die Route 66 erhält ihre musikalische Visitenkarte.
Ausgerechnet der Mann, der die Route 66 mit seiner Aufnahme weltberühmt macht, kann sie nicht überall frei bereisen. Als Schwarzer ist Nat King Cole in vielen Bundesstaaten entlang der Strecke noch mit den Folgen der Rassentrennung konfrontiert. Der Boom der Route 66 ist vor allem der Boom einer weissen Mittelschicht, die sich mit dem Aufstieg der Car Culture Mobilität, Freizeit und den Traum vom Westen leisten kann.
«Get Your Kicks» trifft in den Nachkriegsjahren den Nerv der jungen Mittelschicht. Der Song verspricht Abenteuer, Spass und Freiheit «on the road» und wird zum musikalischen Reiseführer quer durchs Land. Das Autofahren wird zum Symbol eines neuen amerikanischen Lebensgefühls.
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Bild 1 von 11. Die Route 66 verbindet Chicago mit der Westküste. (Aufnahme: Chicago in den 50er-Jahren). Bildquelle: Marcel und Verena Spichiger.
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Bild 2 von 11. Der Highway führt über rund 3900 Kilometer durch acht Bundesstaaten bis nach Kalifornien. Bildquelle: Marcel und Verena Spichiger.
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Bild 3 von 11. Karge Landschaften erstrecken sich entlang der Route 66. Bildquelle: Marcel und Verena Spichiger.
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Bild 4 von 11. Ein typischer Zwischenstopp auf einem Roadtrip auf der Route 66 bei einer Imbissbude ... Bildquelle: Marcel und Verena Spichiger.
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Bild 5 von 11. ... oder einfach am Strassenrand. Bildquelle: Marcel und Verena Spichiger.
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Bild 6 von 11. Einblick in ein Motel an der Route 66. Bildquelle: Marcel und Verena Spichiger.
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Bild 7 von 11. Das ikonische Schild: «Highway 66». Bildquelle: Marcel und Verena Spichiger.
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Bild 8 von 11. «Jesus Saves». Auf der Route 66 treffen unterschiedliche Milieus aufeinander. Bildquelle: Marcel und Verena Spichiger.
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Bild 9 von 11. Ein «Trading Post» an der Route 66. Bildquelle: Marcel und Verena Spichiger.
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Bild 10 von 11. Im Südwesten der Route 66: Kakteenlandschaften säumen die Strasse. Bildquelle: Marcel und Verena Spichiger.
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Bild 11 von 11. Man muss auch mal nach Hause schreiben: Ein «Mail Center» im Südwesten. Bildquelle: Marcel und Verena Spichiger.
Ende der Bildergalerie
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Doch ausgerechnet der Siegeszug des Autos wird der Route 66 zum Verhängnis. Mit dem Bau des Interstate-Highway-Systems ab 1956 wird der Verkehr schneller, sicherer und zunehmend standardisiert. Die neuen Highways umgehen die alten Orte. Geschäfte, Tankstellen und Motels verlieren ihre Kundschaft. Die Route 66 wird vom nächsten amerikanischen Fortschrittsversprechen überholt.
Das zweite Leben der Route 66
1985 wird die Route 66 offiziell aus dem amerikanischen Fernstrassennetz gestrichen. Doch damit beginnt ihr zweites Leben. Die einstige Transportstrecke wird selbst zum Reiseziel. Diners, Motels, Tankstellen und Neonreklamen werden zu Erinnerungsorten, die Route 66 zum Symbol einer widersprüchlichen Vergangenheit zwischen Fortschritt und Nostalgie.
«Die Route 66 steht sinnbildlich für einen spannenden Widerspruch in den USA», sagt Nick Spitzer. «Einerseits verkörpert die Strasse eine traditionelle, konservative Haltung. Bewährtes soll erhalten bleiben. Andererseits steht sie aber auch für Offenheit, Begegnungen mit unterschiedlichsten Menschen.»
Vielleicht liegt gerade darin ihre anhaltende Faszination: Die Route 66 verbindet Menschen, die sonst wenig miteinander verbindet. Hundert Jahre nach ihrer Eröffnung steht sie noch immer für Aufbruch und Neuanfang. Zugleich erzählt ihre Geschichte von den Enttäuschungen eines Landes, das seinen grossen Traum immer wieder neu erfindet. Gerade diese Spannung hält ihren Mythos bis heute lebendig.
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