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Saturday, November 7, 2026

Galaxus-Gründer warnt: «Unsere Demokratie ist zu langsam»

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  • Junge Menschen fühlten sich von der Politik zunehmend abgehängt, warnt Unternehmer Oliver Herren.
  • Die Schweiz sei schneller und klüger gewesen als andere und dadurch zu Wohlstand gekommen. Dieser sei zunehmend in Gefahr.
  • Er will mit der neuen Plattform Plural Gegensteuer geben, wo Demokratie digital gelebt wird.
  • Sorgen bereitet Herren auch die Medienkrise. Schaue niemand mehr hin, führe das zu Korruption. Firmen hätten eine Verantwortung, wenn sie ihre Werbegelder verteilten.

Herr Herren, wie kommen Sie auf die Idee, eine Demokratieplattform zu gründen?
Ich mache mir Sorgen um unsere direkte Demokratie. Sie ist nicht tot, aber sie hat sich nicht der Zeit angepasst. Sie löst die grossen Probleme zu langsam und überzeugt immer weniger Menschen. Wir alle haben die Möglichkeit, unsere Zukunft mitzugestalten. Aber der Zugang ist beschwerlich und nicht zeitgemäss, und gerade junge Menschen fühlen sich abgehängt. Mit Plural wollen wir Menschen und Politik wieder zusammenbringen.

Was sind Ihrer Meinung nach die drängendsten Probleme?
Nehmen Sie die Digitalisierung. Der Bund scheitert seit 25 Jahren an denselben IT-Projekten, weil er Software plant wie einen Tunnel: jahrelang Anforderungen schreiben, alles in einem Stück vergeben, dann umstellen und hoffen. Mit KI wird der Abstand zur Wirtschaft noch grösser. Ähnlich langsam geht es beim Wohnen vorwärts: In den Städten findet kaum noch jemand eine bezahlbare Wohnung. Trotzdem dauert es Jahre, bis gebaut werden kann. Oder bei der Altersvorsorge, wo die Rechnung für die Jungen seit Jahren nicht aufgeht. Das sind alles Themen, die junge Menschen direkt betreffen, und gerade sie haben am wenigsten Einfluss darauf.

«Wer das Gefühl hat, dass seine Stimme nichts bewirkt, wendet sich ab oder wird wütend.»

Oliver Herren

Sehen Sie die Schweiz in einer Sackgasse? Ist sie blockiert?
Blockiert nicht, aber zu langsam. Unsere Instrumente stammen aus dem 19. Jahrhundert, die Probleme von heute sind digital und global. Zwischen den Abstimmungen haben die meisten Menschen keine Stimme. Das wollen wir ändern. Wir starten in der Schweiz, weil die direkte Demokratie hier am weitesten entwickelt ist. Die Idee funktioniert aber überall, wo Menschen mitreden wollen.

Was sind die konkreten Folgen, wenn sich nichts ändert? Verlieren wir oder die kommenden Generationen den Wohlstand? Oder spaltet sich unsere Gesellschaft?
Beides, und das eine verstärkt das andere. Unser Wohlstand beruht darauf, dass die Schweiz schneller und klüger war als andere. Wenn wir Reformen jahrzehntelang vor uns herschieben, bezahlen die nächsten Generationen die Rechnung. Wohin das führt, sehen wir gerade in Europa: In Frankreich, Spanien, Italien oder Deutschland gehen junge Menschen auf die Strasse, weil sie keine bezahlbare Wohnung finden, keine Perspektive sehen und das Gefühl haben, dass niemand ihnen zuhört. Diese Länder haben zu lange auf Kosten der Jungen gelebt, statt in die Zukunft zu investieren. Die Schweiz steht besser da, aber sie ist nicht immun. Wer das Gefühl hat, dass seine Stimme nichts bewirkt, wendet sich ab oder wird wütend. Dann gewinnen jene, die am lautesten sind, nicht jene mit den besten Lösungen.

Was ist das Neue an der Plattform?
Wer eine Idee hat, stellt sie auf Plural zur Diskussion. Die Community wägt Argumente dafür und dagegen ab und entscheidet, ob es weitergeht. Findet eine Idee genug Rückhalt, bringen wir sie in die Politik ein: als Petition, als Vorstoss im Parlament oder als Volksinitiative. Ich bin überzeugt: Viele Ideen hätten in der Bevölkerung eine Mehrheit, gehen in unserem System aber unter.

War es nicht schon immer so, dass sich nur eine Minderheit für Politik interessiert hat?
Der Unterschied ist, dass junge Menschen heute täglich mehrere Stunden auf Social Media verbringen. Sie bleiben in ihrer Filterblase gefangen, wo sie dem Algorithmus ausgesetzt sind. Social Media ist schädlich für unsere Gesellschaft. Der Abstieg der traditionellen Medien und der Vormarsch des Populismus in Europa sind meiner Meinung nach eine direkte Folgeerscheinung von Social Media. Jetzt kommen noch KI-Buddys als neue beste Freunde der Jugendlichen hinzu – damit wird das Problem noch verschärft. Plural ist das Gegenmodell: kein Algorithmus, der auf Empörung optimiert, sondern ein Ort, an dem Argumente zählen.

Andere Stimmen würden sagen, die Politelite habe sich von den Sorgen der Bevölkerung entfremdet, insbesondere bei den Themen Migration und Asyl.
Da widerspreche ich. Asylsuchende sind ein sehr kleiner Teil der Bevölkerung, trotzdem dominiert das Thema jede Debatte. Genau das macht Social Media so einfach: Ein Problem lässt sich beliebig aufbauschen, solange es Empörung erzeugt. Natürlich bringt Zuwanderung Herausforderungen. Aber sie ist vor allem eine Folge unseres Erfolgs: Wo es Arbeit gibt, kommen Menschen hin. Ohne die Menschen, die zu uns kommen, stünden unsere Spitäler, Pflegeheime und Baustellen still. Es ist ein Vorteil, dass wir im Ausland noch qualifizierte Fachkräfte finden. Andere Länder in Europa tun sich damit schwer.

Zur Person

Oliver Herren (47) ist Schweizer Unternehmer, Mitgründer von Digitec und Galaxus sowie Chief Innovation Officer von Digitec Galaxus. Gemeinsam mit Florian Teuteberg und Marcel Dobler gründete er 2001 aus einer gemeinsamen Gaming-Leidenschaft heraus Digitec; daraus entwickelte sich später mit Galaxus der führende Schweizer Onlinehändler. 2013 gründete Herren zusammen mit Felix Niederer zudem True Wealth, einen digitalen Schweizer Vermögensverwalter. Privat ist Herren Vater von drei inzwischen erwachsenen Kindern. Familie, Gesundheit und Sport sind ihm wichtig; er wandert, fährt Ski, läuft und klettert.

20min/Dominic Forstenhauser

Sind Sie für ein Social-Media-Verbot für Jugendliche?
Ja, für Kinder braucht es klare Altersgrenzen, zum Beispiel 16 Jahre, wie sie Australien eingeführt hat. Social Media verstärkt die soziale Ungleichheit: Die einen Kinder haben Eltern, die Grenzen setzen, die anderen nicht. Wer jeden Abend stundenlang scrollt, schläft weniger, kann sich schlechter konzentrieren und liest kaum noch ein Buch. Das zeigt sich in der Schule, und in der Schule werden die Weichen gestellt. Die Kinder können nichts dafür, es ist ein Ungleichgewicht der Startchancen. Selbst China hat die Nutzungszeit für Jugendliche begrenzt.

Die Schweiz ist mit gutem Grund nicht China: Meinungsfreiheit und Medienfreiheit zeichnen Demokratien gerade aus.
Absolut. Mir geht es nicht um staatlich verordnete Inhalte, sondern um Schutz für Kinder, wie ihn auch Demokratien diskutieren.

«Ich kann mich nicht mit einer bestimmten Partei oder Richtung identifizieren.»

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Sie haben die kriselnde Medienbranche angesprochen. Haben Sie Lösungen dafür?
Demokratie funktioniert nur, wenn noch jemand hinschaut. Wenn niemand mehr hinschaut, führt das zu Korruption. Hier haben Firmen eine Verantwortung, wenn sie ihre Werbegelder verteilen. Neben der SRG braucht es ein gesundes, resilientes Ökosystem. Es braucht einen Mediengutschein, den jede und jeder frei einsetzen kann, zum Beispiel für ein Zeitungsabo.

Stehen Sie einer Partei nahe?
Ganz ehrlich: Ich kann mich nicht mit einer bestimmten Partei oder Richtung identifizieren. Bei vielen wirtschaftlichen Fragen bin ich als Gründer liberal. Mir liegen aber auch Themen am Herzen, die gemeinhin als links gelten: Ich hege beispielsweise Sympathien für eine zusätzliche Vermögenssteuer für sehr reiche Menschen, die ab 100 Millionen Franken greift und dann ansteigt. Und wenn die Umwelt vergiftet und Tiere ausgerottet werden, stört mich das. Plural selbst ist parteiunabhängig. Meine Meinung ist eine von vielen auf der Plattform.

Wie viel eigenes Geld stecken Sie in Plural?
Eine beträchtliche Summe. Derzeit finanziere ich die Plattform als Angel-Investor. Ziel ist es, dass wir irgendwann genügend Mitglieder haben, damit die Plattform selbsttragend und unabhängig wird.

Haben Sie überhaupt Zeit für Plural? Sie sind weiterhin in der Galaxus-Geschäftsleitung und sitzen neu auch noch im Verwaltungsrat von Migros Online.
Es stimmt, langweilig wird mir sicher nicht. Plural bleibt meine Herzensangelegenheit, für die ich Zeit finden werde. Möglich ist dies nur dank eines starken Teams bei Plural.

Daniel Waldmeier

Daniel Waldmeier (daw), Jahrgang 1987, arbeitet seit 2008 bei 20 Minuten. Er ist stellvertretender Chefredaktor.

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