«Soll ich mir die Spritze setzen?» – Yvi fragt ChatGPT um Rat

- Laut CSS-Gesundheitsrapport nutzen 42 Prozent der Schweizer Bevölkerung KI-Chatbots zur Selbstdiagnose bei Symptomen. Bei jungen Erwachsenen sind es 62 Prozent.
- Ein US-Fall zeigt die Risiken: Bowen Wan starb mit 31 nach einer ChatGPT-Anleitung zur Reduktion ihres Epilepsie-Medikaments.
- Leserin Yvi und Leser Jack erzählen, dass ChatGPT ihnen zum Arztgespräch geraten habe.
- Rheumatologe Andreas Wüest nutzt ChatGPT ebenfalls, betont aber die eigene fachliche Einordnung.
Ob bei Kopfschmerzen, Husten oder Bauchweh: Für viele Personen ist es normal, bei Symptomen ChatGPT und Co. zu konsultieren. Das zeigt der Gesundheitsrapport von CSS. Im letzten Jahr haben mit 42 Prozent doppelt so viele Menschen einen KI-Chatbot für die Selbstdiagnose bei Krankheitssymptomen genutzt wie im Vorjahr. Unter jungen Erwachsenen sind es sogar 62 Prozent.
Dass die Nutzung von KI bei Medizinalfragen Risiken birgt, zeigt ein extremes Beispiel aus den USA: Bowen Wan liess sich von ChatGPT einen Plan zur Reduktion ihres Epilepsie-Medikaments erstellen. Die Folgen waren fatal: Sie starb mit nur 31 Jahren.
Die «New York Times» schilderte den Fall ausführlich in einem Artikel. Ein OpenAI-Sprecher betont gegenüber der Zeitung, es handle sich um eine «unglaublich herzzerreissende Situation», die von einer früheren ChatGPT-Version verursacht worden sei, die inzwischen nicht mehr verfügbar sei.
«Gut für Tipps, aber nicht für alles»
Auch hierzulande nutzen viele Menschen KI in Gesundheitsfragen. Zum Beispiel 20-Minuten-Leser Jack (34): «Ich nahm an Gewicht zu und ging davon aus, dass es an einem Medikament liegt, das ich nehme. Also fragte ich ChatGPT um Rat.» Die KI habe ihm bestätigt, dass dies wahrscheinlich der Fall sei. «Als ich dann über eine mögliche Reduktion der Medikamente gesprochen habe, hat mir die KI sofort geraten, dies nur in Rücksprache mit meiner Ärztin zu machen.»
Für Jack liegt der Nutzen vor allem darin, schnell eine erste Orientierung zu erhalten. Er sei ungeduldig und wolle bei einer Frage direkt eine Antwort. Schlussendlich habe er dann das Gespräch mit der Ärztin gesucht. Jacks Fazit: «Für Tipps ist ChatGPT wunderbar, aber die KI kann eben nicht alles.»
KI riet Yvi, Arzt zu konsultieren
Leserin Yvi befand sich im Ausland, als am Morgen vor einem Rückflug eine starke Zwischenblutung einsetzte. Ärztlich verschrieben muss sich Yvi vor Flügen Blutverdünner spritzen, um Thrombosen vorzubeugen. «Ich war verunsichert, ob das Medikament zu noch stärkeren Blutungen führen könnte.»
Kurzerhand habe sie KI um Rat gefragt. Auf die Frage, ob die Spritze genommen werden solle, hat ChatGPT laut Yvi nicht konkret geantwortet. Der Bot habe mehrfach darauf hingewiesen, dass es sich um eine gefährliche Entscheidung handle und umgehend ärztlicher Rat nötig sei.
Wie stehst du dazu, bei Gesundheitsfragen zuerst KI zu fragen?
«Ich liess mir dann die Risiken beider Optionen erklären und rief schlussendlich meinen Arzt in der Schweiz an.» Auf dessen Rat wurde die Spritze ausgelassen; nach der Ankunft folgte sofort ein Termin. Yvi fühlte sich gut beraten, betont aber auch: «Es ist entscheidend, wie man die Anfrage formuliert.»
«Lasse persönliche Infos weg»
Cornelia (32) ist kritischer. Sie fragt ChatGPT nach eigenen Angaben zwar mehrmals täglich um Rat, zum Beispiel bei Beziehungs- und Erziehungsfragen, für Ideen zur Wohnungseinrichtung oder bei Kaufentscheiden. «Gleichzeitig versuche ich, so wenig persönliche spezifische Infos zu geben wie möglich, oder ändere diese ab.»
Auch Ärzte nutzen ChatGPT und Co.
Doch nicht nur Patienten nutzen KI. Andreas Wüest, Arzt für Rheumatologie und Schmerztherapie, nutzt ChatGPT. Wüest beschäftigt sich unter anderem intensiv mit wirbelsäulenbedingten Kopfschmerzen. Bei einer Patientin, deren Beschwerden vom sechsten Halsnerv ausgingen, fragte er den Chatbot, wie solche Schmerzen entstehen können. «Ich war überrascht, wie differenziert die Antwort teilweise ausfiel.»
Die KI unterstütze ihn dabei, Patientinnen und Patienten komplexe Zusammenhänge verständlich zu erklären. Gleichzeitig betont der Arzt: «Entscheidend bleibt die eigene fachliche Einordnung: Man muss einschätzen können, was stimmt, was nicht.»
Anja Zingg (anz), arbeitet seit 2020 bei 20 Minuten. Sie ist seit Juni 2023 Leiterin des Ressorts Gesellschaft & Community.
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