Komponist Frédéric Chopin – War Chopin schwul? Warum die Frage bis heute beschäftigt

«Ich gehe mich waschen, küss’ mich jetzt nicht, denn ich habe mich noch nicht gewaschen.» Solche Zeilen schrieb der Komponist Frédéric Chopin im 19. Jahrhundert an seinen Vertrauten Tytus Woyciechowski. Spricht romantische Liebe aus ihnen? Oder sind es nur Worte an den Busenfreund?
Wurde etwas verschwiegen?
Es waren solche Zeilen, die den Schweizer Kulturpublizisten Moritz Weber ins Stocken brachten. Die Musikgeschichte kannte vornehmlich einen heterosexuellen Chopin. Legendär ist etwa die Beziehung zur Schriftstellerin George Sand. Doch romantischer Natur sei diese Beziehung nicht gewesen. Das sagt Weber im Jahr 2020 in einem Radio-Feature auf SRF.
Und er mischt die Karten neu: Die romantischen Liebesbeziehungen zu Frauen wären Chopin angedichtet. In Übersetzungen aus dem Polnischen seien gar männliche Pronomen als weibliche übersetzt worden, um Chopin hetero darzustellen.
Der homosexuelle Nationalkomponist
Webers Aussage «Chopin war schwul – und niemand sollte davon erfahren» – so auch der Titel des Online-Artikels – war Resultat einer längeren Recherche. Und diese schlug ein.
In Polen, wo Chopin als Nationalkomponist gilt, waren die Reaktionen gemischt: Während konservative Stimmen von Manipulation sprachen, herrschte in liberalen Kreisen Schulterzucken: Jeder Musikstudent im zweiten Semester hätte davon gewusst, es sei keine grosse Sache.
Zurückhaltender reagierte das Chopin-Institut in Warschau auf den schwulen Chopin. Die Institution untersteht direkt der Politik und überblickt alles, was mit dem Komponisten in Verbindung steht. Am Institut zweifelte man an der Erkenntnis von Weber. Mit der Begründung, dass der schwärmerische Brief-Ton Konvention war. Die Vorwürfe, man habe Frauengeschichten erfunden oder absichtlich falsche Übersetzungen angebracht, weist man zurück. Doch, so hiess es auch beim Institut, seien jetzt Forschende gefragt, sich des Themas anzunehmen.
Sechs Jahre später
Der schwule Chopin war nicht aus dem Schneider. Und Moritz Weber legte im Juli 2026 nach, mit dem rund 500-seitigen Buch «Chopins Männer». Darin veröffentlicht er neues Material. Und deutlich mehr Fundament für die unveränderte Aussage: Chopin liebte Männer.
«Die Indizienlage ist klar. Es gibt bei Chopin nichts, das auf erotische oder romantische Beziehungen zu Frauen hindeutet», so Weber. Hingegen gäbe es viel Material, das auf Beziehungen zu Männern hinweist. Vor diesem Hintergrund ergebe es für Weber keinen Sinn, den alten Geschichten um den heterosexuellen Chopin nachzueifern.
Über das Buch «Chopins Männer»
Box aufklappen Box zuklappen
Im Buch «Chopins Männer» arbeitet Moritz Weber die These, dass Frédéric Chopin homosexuell war, im Detail auf. Dazu grub sich Weber durch verschiedene Archive, beispielsweise das Polizeiarchiv in Paris, und konnte insgesamt rund 200 neue Dokumente ausfindig machen, die bis dahin wenig oder keine Beachtung gefunden hatten. Akribisch arbeitet Weber im Buch diese Dokumente auf und zeichnet gleichzeitig ein Bild von Queerness und Homosexualität im 19. Jahrhundert, wie sie beispielsweise in den Pariser Salons stattgefunden hat. Ebenso behandelt er den zeitgenössischen Diskurs darum, weshalb derart lange Zeit nicht öffentlich über die These von der Homosexualität Chopins gesprochen wurde.
Moritz Weber: «Chopins Männer». Schwabe Verlag, 2026.
Beim Chopin-Institut heisst es auf die Frage, warum sich an ihrer Haltung seither nichts verändert hat: «Es fehlt nach wie vor an belastbaren Studien.» Das sagt Aleksander Laskowski, der Pressesprecher des Chopin-Instituts.
Das neue Buch habe man bislang nicht prüfen können. Doch nach wie vor sieht man vorrangig Universitäten am Zug, sich dem Thema zu widmen. Und: Das Thema habe keine Dringlichkeit. «Wir verstehen uns als Plattform für die Musik Chopins, nicht aber für eine so persönliche Frage», so Laskowski weiter.
Schwul oder nicht: Macht das für die Kunst einen Unterschied? Kunst ist menschengemacht und kann ein Ventil sein für Identität. Gerade wenn Gefühle unterdrückt werden müssen, weil sonst die gesellschaftliche Ächtung droht, kann das Werke tief beeinflussen. Und für moderne Interpretationen, musikalisch wie historisch, zum Schlüssel werden.
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.