Warnung vor US-Angriffen: Chamenei droht mit „geografisch uneingeschränkter Antwort“

Irans Oberster Führer warnt vor einer Ausweitung des Krieges. Derweil laufen diplomatische Bemühungen, eine erneute Eskalation zu verhindern, auf Hochtouren.
Foto: Vahid Salemi/AP/dpa
afp/ap/dpa/rtr | Irans Oberster Führer Modschtaba Chamenei hat die USA vor neuen Angriffen auf sein Land gewarnt und mit Vergeltung gedroht. „Auf jede Art von Bedrohung muss eine sofortige, wirkungsvolle und geografisch uneingeschränkte Antwort folgen“, erklärte Chamenei vor führenden iranischen Militärkommandanten, wie aus einer am Samstag veröffentlichten Erklärung hervorging. Sollte „der Feind“ den Iran attackieren und neue Auseinandersetzungen provozieren, werde Teheran „den Zeitpunkt und die Bedingungen für ihr Ende festlegen“.
Auch die iranische Armee warnte vor den Folgen neuer US-Angriffe. Sollte US-Präsident Donald Trump „erneut zu regionalen Abenteuern aufbrechen, werden die Flammen des Krieges zweifellos ein weitaus größeres geografisches Gebiet erfassen“, erklärte Armeesprecher Mohammed Akraminia im Onlinedienst X. Irans Außenminister Abbas Araghtschi erklärte derweil, dass „die mächtigen iranischen Streitkräfte gegen diejenigen vorgehen werden, die es wagen, unserem Volk Schaden zuzufügen“.
Der Iran-Krieg hatte Ende Februar mit Angriffen der USA und Israels auf den Iran begonnen. Nach dem Scheitern einer Vereinbarung zwischen Washington und Teheran im Juni waren die diplomatischen Bemühungen ins Stocken geraten. Zuletzt war über mögliche neue US-Angriffe auf den Iran nach den US-Kongresswahlen am kommenden Dienstag spekuliert worden.
Die diplomatischen Bemühungen, eine erneute Eskalation zu verhindern, laufen derzeit auf Hochtouren. Am Freitag traf eine katarische Delegation in Teheran zu Gesprächen mit hochrangigen iranischen Vertretern ein. Katar vermittelt zwischen den Kriegsparteien. Außerdem kontaktierte US-Vizepräsident JD Vance einem US-Medienbericht zufolge Irans Chef des Obersten Nationalen Sicherheitsrats. In dem Schreiben geht es dem „Wall Street Journal“ zufolge eher um einen „möglichen Verhandlungsrahmen“ als um Einzelheiten eines Friedensvorschlags. Teheran bestätigte den Erhalt des Briefes, gab bislang jedoch keine Antwort bekannt.
Modschtaba Chamenei ist der Nachfolger seines Vaters Ayatollah Ali Chamenei, der seit 1989 an der Spitze der Islamischen Republik gestanden hatte und am ersten Tag des US-israelischen Krieges gegen den Iran am 28. Februar getötet worden war. Modschtaba Chamenei ist seitdem noch nicht öffentlich aufgetreten. Es wurden bislang auch keine Audio- und Videoaufnahmen von ihm veröffentlicht.
Irans Außenminister: Keine Notwendigkeit für USA-Treffen
Die iranische Führung plant laut Außenminister Abbas Araghtschi derzeit kein Treffen mit US-Vertretern. Araghtschi sagte dem arabischen Sender Al Jazeera, unter den gegenwärtigen Umständen gebe es dafür keine Notwendigkeit. Die Bedingungen des Irans seien klar und die Beratungen mit Vermittlern dauerten an. Araghtschi bestätigte, dass die Führung in Teheran ein Schreiben von US-Vizepräsident JD Vance geprüft hat. Er bezeichnete den Versuch, die Tür für einen Dialog und ein umfassenderes Verständnis zu öffnen, als positiven Schritt. Sollte es aber das Ziel Washingtons sein, Zwietracht zu säen, wäre dies ein weiterer Fehler.
Nach Informationen des „Wall Street Journal“ sondiert Vance mit dem Schreiben an Mohsen Resai, den Generalsekretär des iranischen Sicherheitsrats, Möglichkeiten für Verhandlungen. Laut der Zeitung will die US-Regierung prüfen, ob sich geplante Militärschläge gegen den Iran diplomatisch abwenden lassen. Das US-Portal „Axios“ berichtete unter Berufung auf einen Regierungsbeamten, dass Vance die Einbeziehung des iranischen Atomprogramms zur Bedingung für Verhandlungen macht.
Ägypten warnt vor Eskalation – Pakistan ist vorsichtig optimistisch
Der ägyptische Außenminister Badr Abdelatty warnt vor massiven Folgen einer neuen Eskalation im Krieg zwischen den USA und dem Iran. Eine Fortsetzung der Kämpfe werde noch zerstörerischer verlaufen und weitreichende Konsequenzen haben, erklärte er auf einer Sicherheitskonferenz in Bahrain. „Wir müssen Lehren aus der Vergangenheit ziehen“, sagte Abdelatty beim „IISS Manama Dialog“.
Vermittler Pakistan äußerte sich hingegen verhalten optimistisch über die Erfolgsaussichten der jüngsten Bemühungen um eine diplomatische Lösung. Wenn es keine positiven Signale gäbe, wäre der pakistanische Chefunterhändler Asim Munir nicht zweimal im Oktober nach Teheran gereist, sagte ein Militärsprecher. Die Gespräche mit der iranischen Führung seien ein gutes Zeichen. Man sei stets „vorsichtig optimistisch“. Es gebe jedoch weiterhin „einflussreiche Störkräfte und Gegner“, die meinten, dass ihnen der Konflikt nütze. Wen er damit meinte, sagte der Sprecher nicht. Armeechef Munir war zuletzt am Montag in Begleitung von Vertretern aus Saudi-Arabien und der Türkei in Teheran. Auch Katar bemüht sich um eine Deeskalation und hatte kürzlich einen neuen Vorschlag zur Beilegung des Konflikts vorgelegt
Iran: US-Angriff auf Fischerboote nahe Insel Keschm
Die USA haben nach iranischen Angaben zwei Fischerboote nahe der Insel Keschm angegriffen. Dabei sei ein Fischer verletzt worden, berichtete der staatliche iranische Rundfunksender IRIB unter Berufung auf einen Vertreter der Provinz Hormosgan. Eine Bestätigung der USA lag zunächst nicht vor.
Iran weist Äußerungen von Kanzler Merz zurück
Irans Außenminister Abbas Araghtschi hat im Falle eines neuen Krieges mit massiven Militärschlägen und Schäden weit über 100 Milliarden Dollar gedroht. Araghtschi reagierte auf der Plattform X auf Äußerungen von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) während seines Südkorea-Besuches. Nach den Worten von Merz hat Deutschland ein starkes wirtschaftliches Interesse daran, dass der Iran-Konflikt so schnell wie möglich beendet werde. Die Verteuerung der Energiepreise habe alleine Europa über 100 Milliarden Euro gekostet. Araghtschi erklärte auf der Plattform X: „100 Milliarden Euro sind nichts im Vergleich zu dem vernichtenden Schlag, den die mächtigen Streitkräfte des Irans gegen diejenigen austeilen werden, die es wagen, unserem Volk Schaden zuzufügen.“ Rote Linien gehörten der Vergangenheit an.
Iran meldet brennenden Supertanker in der Straße von Hormus
In der Meerenge von Hormus ist iranischen Angaben zufolge erneut ein Supertanker auf eine Seemine gelaufen und nach einer Explosion in Brand geraten. Das Schiff mit mehr als zwei Millionen Barrel Öl an Bord sei auf einer nicht genehmigten Route gefahren, meldeten Staatsmedien am Freitag unter Berufung auf die Revolutionsgarde. Die Besatzung habe den brennenden Tanker an der Einfahrt zur Meerenge verlassen. Der Name des Schiffs wurde nicht genannt.
Außerdem meldeten Staatsmedien Brände auf drei Tankern, die ebenfalls auf Minen gefahren seien. Die Schiffe hätten ihre Navigations- und Ortungssysteme abgeschaltet und versucht, den Persischen Golf mit Unterstützung des US-Militärs über nicht genehmigte Routen zu verlassen. Wiederholte Funkwarnungen hätten sie ignoriert. Nähere Informationen über die Tanker und ihre Besatzungen teilte der Iran nicht mit.
Die Seehandelsaufsicht der britischen Marine (UKMTO) meldete, ein kleines Boot habe zwei Sprengsätze am Rumpf eines Tankers angebracht, der etwa 46 Kilometer nordöstlich von Chasab im Oman unterwegs gewesen sei. Die Explosionen hätten einen Brand im Maschinenraum ausgelöst und das Schiff vorübergehend manövrierunfähig gemacht. Das Feuer sei inzwischen gelöscht worden, das Schiff setze seine Fahrt fort. Die Besatzung sei in Sicherheit, die Umwelt nicht geschädigt worden. Wer für den Angriff verantwortlich ist, teilte die UKMTO nicht mit. Unklar blieb auch, ob der Vorfall mit den vom Iran gemeldeten Bränden zusammenhängt.
Oman bringt 25 Seeleute in Sicherheit
Der Oman meldete, ein unter panamaischer Flagge fahrender Tanker sei in der Straße von Hormus angegriffen worden und etwa drei Kilometer vor der Küste des Gouvernements Musandam in Brand geraten. 25 Besatzungsmitglieder seien in Sicherheit gebracht worden, teilte das omanische Zentrum für Meeressicherheit mit. Unklar war, ob der Vorfall mit den von iranischer und britischer Seite gemeldeten Bränden zusammenhängt.
Musandam liegt an der Südküste der Straße von Hormus. Der Iran hatte die Meerenge nach Beginn der israelisch-amerikanischen Angriffe Ende Februar praktisch gesperrt, durch die zu Friedenszeiten etwa ein Fünftel des weltweit geförderten Rohöls verschifft wird. Mittlerweile beansprucht er die Kontrolle über Durchfahrten und lehnt eine Route durch omanische Gewässer ab. Der Iran hat Schiffe wiederholt davor gewarnt, die Meerenge ohne die Genehmigung Teherans zu durchqueren. Er hat sich zu Angriffen auf Schiffe bekannt, die dies dennoch tun.
Neuer Angriff auf Iran in Vorbereitung Trump bespricht sich mit ranghohem US-Militär
Die Anzeichen verdichten sich, dass Trump und Netanjahu nach den Midterm Elections einen neuen militärischen Angriff auf Iran starten wollen.
Militärstrategien von USA und Iran Wie alte Mythen neue Kriege legitimieren
Gastkommentar von Pooyan Mokari
Vom antiken Persien bis Kerbela: Washington und Teheran nutzen historische Erzählungen, um den Gegner zu dämonisieren und Unterstützung zu mobilisieren.
Mehr Menschen betroffen Blockierte Handelswege verschärfen Hungerkrise
266 Millionen Menschen leiden unter akutem Hunger. Kriege, Extremwetter und blockierte Transportwege verschärfen die Situation, Hilfsgelder schrumpfen.
Von Christian Jakob
Die neue Sonderedition der LMd Modi und die Farbe der Macht
Mit seiner autoritären Politik gefährdet Indiens Premier Modi den gesellschaftlichen Zusammenhalt des Landes. Diese Sonderausgabe analysiert die Lage im bevölkerungsreichsten Land der Welt – wie immer bei Le Monde diplomatique mit Sorgfalt und Scharfsinn recherchiert.
Jetzt bestellen
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.