Parlamentswahl in Israel: Netanjahu, Eisenkot und Zigaretten in Gaza

In Gaza gibt es in diesen Tagen kaum ein Gespräch, in dem es nicht um die israelischen Wahlen geht. Was erhoffen sich die Menschen? Unser Autor hat sich umgehört.
Foto: Tariq Mohammad/APA/picture alliance
In diesen Tagen verfolgen die Menschen in Gaza die Nachrichten zu den israelischen Wahlen mit solcher Spannung, dass bei keinem Treffen die unvermeidliche Frage ausbleibt: „Hat Netanjahu gewonnen?“
So war es auch am Mittwoch, einen Tag nach den israelischen Parlamentswahlen, in einem kleinen Laden in Mawasi, einem Stadtteil von Chan Yunis im südlichen Gazastreifen. Hier kann man nicht nur teure geschmuggelte, sondern auch billige Zigaretten kaufen – solche, die aus getrockneten Pflanzenblättern als Tabakersatz hergestellt wurden. Ich, der ich immer wieder für die taz berichte, sitze hier mit Bekannten und rauche.
„Also: Wer hat die Wahl gewonnen?“, fragt der Ladenbesitzer Ihab – das ist nicht sein richtiger Name, er will anonym bleiben. Er ist Ende zwanzig, verkauft geschmuggelte Zigaretten und fürchtet um sein Geschäft. Er glaubt, dass unter dem derzeitigen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu der Verkauf geschmuggelter Zigaretten weitergehen kann. Schließlich sind die Zigarettenpreise seit Kriegsbeginn in die Höhe geschossen: Eine Lieferung von vier großen Kisten – jede mit 50 Stangen – erreichte mitunter einen Wert von 250.000 Dollar. Was bedeutet: Eine einzelne Packung war bis zu 500 Dollar wert.
Angesichts der unklaren Wahlergebnisse weiß in diesem Laden noch niemand, wer die nächste israelische Regierung führen wird. Das Gespräch geht weiter und schweift von Hilfsorganisationen über Diebesbanden bis hin zur Korruption unter der Hamas und wieder zurück zu den Wahlen in Israel.
Die meisten hoffen auf Eisenkot
Zunächst höre ich schweigend zu. Dann sage ich doch etwas. Ich weise auf die komplexe Situation hin, auf Netanjahus heikle Lage. „Er würde sogar ein Bündnis mit Somalia eingehen, nur um sein politisches Überleben zu sichern“, sage ich. Ich verfolge ja die politischen Ränkespiele in Israel über die Medien und erzähle den anderen von möglichen Manövern – etwa dass Netanjahu ein Bündnis mit seinem Herausforderer Gadi Eisenkot schmieden könnte. Etwas aber gibt mir doch Hoffnung: Die arabischen Parteien könnten sich als entscheidender Faktor für einen Sieg Eisenkots erweisen.
Neben dem Ladenbesitzer Ihab gibt es noch eine weitere Person, die Netanjahu an der Spitze der israelischen Regierung sehen will. Doch die meisten anderen, die hier mit mir im Zigarettenrauch sitzen, hoffen auf Eisenkot – trotz seiner Karriere als ehemaliger Militärchef oder vielleicht gerade deswegen.
Ibrahim zum Beispiel, ein Angestellter der Palästinensischen Autonomiebehörde. Seit 17 Jahren, seit Beginn der Hamas-Herrschaft, hat er keine Arbeit mehr verrichtet, erhält aber weiterhin sein Gehalt von der PA – auch wenn es nicht ausreicht, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Er ist hoch verschuldet und lebt mit seinen Kindern in einem baufälligen Zelt. „Ich hoffe, dass Eisenkot gewinnt.“ Er glaubt, dass dieser die Hamas beseitigen könnte.
Yahya, der als Elektriker arbeitet, stimmt ihm zu. Ebenso Kamal, ein Mitarbeiter des Palästinenserhilfswerks der Vereinten Nationen, UNRWA. Sie hoffen auf eine Verbesserung der allgemeinen Lebensbedingungen, der Müllabfuhr, der Stromversorgung und der Dienstleistungen in den UNRWA-Lagern: „Wenn Eisenkot diese trostlose Realität, in der wir leben, ändern kann, dann hoffe ich, dass er eine Regierung bildet.“
„Soll doch brennen, was von Gaza übrig ist“
Fragt man vor dem Laden herum, ist die Stimmung ähnlich. Unter den Vertriebenen in den Flüchtlingslagern hofft fast jeder auf ein Ende der israelischen Likud-Regierung und möchte, dass Eisenkot dort die nächste Regierung anführt.
Auch die meisten der verbliebenen Hamas-Mitglieder sehen das so. Mahmoud, ein Sicherheitsbeamter in der Hamas-Regierung, dessen richtiger Name nicht veröffentlicht werden soll, ist überzeugt, dass Eisenkot die Hamas-Mitglieder am Leben lassen oder ihnen die Flucht aus dem Gazastreifen ermöglichen würde. Mohammed selbst würde in die Türkei gehen, wenn er könnte, und verweist auf den bedeutenden Einfluss der Hamas dort, sowie auf die Immobilieninvestitionen der Hamas, von denen die türkische Wirtschaft profitiere.
Ist die Hamas am Ende? Keineswegs, sagt er, ganz gleich, wer Israel in Zukunft regiert. „Solange die Steuern und der Geldfluss weitergehen, sind wir sicher. Aber Eisenkot wäre besser für uns als Netanjahu.“
Und dann gibt es noch die vielen Menschen in Gaza, die dort ohnehin keine Zukunft mehr sehen und einfach nur wegwollen. „Soll doch brennen, was von Gaza übrig ist“, sagt Iyad, ein Arzt bei der UNRWA. Man merkt, dass ihm seine eigenen Worte wehtun.
Den Küstenstreifen hinter sich lassen
Suli vom UN-Entwicklungsprogramm will in die Niederlande. Auch Mohammed, der bis zu Kriegsbeginn Mitarbeiter in Wasserentsalzungsanlagen in Israel geschult hatte, bereitet sich auf die Ausreise vor. Für ihn sehen beide Optionen – Eisenkot oder Netanjahu – düster aus. „Ich werde meine Frau und meine Kinder bei der ersten Gelegenheit aus dem Gazastreifen herausholen“, sagt er.
Ich nehme noch einen Zug von meiner Zigarette und blase den Rauch aus. Auch ich möchte den Gazastreifen so schnell wie möglich verlassen und nie wieder zurückkommen. Wenn Netanjahu Erfolg hat, wird er den Wiederaufbau verzögern, um sein eigenes politisches Überleben zu sichern, und uns damit für viele lange Jahre in diesem Elend gefangen halten – möglicherweise bis zur nächsten Wahl. Eisenkot ist kein Engel, aber ich hoffe dennoch darauf, dass er eine Regierung zusammenbekommt. Schon allein deshalb, weil mein Wunsch, diesen Küstenstreifen hinter mir zu lassen, unter Eisenkot Wirklichkeit werden könnte.
Mitarbeit: Judith Poppe
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