Missbrauch im Leistungssport: Zwei Turnerinnen und ihre Trainer

Kaylia Nemour und Helen Kevric haben mit Trainern gearbeitet, denen Missbrauch vorgeworfen wird. Ihr Umgang damit könnte unterschiedlicher nicht sein.
Kaylia Nemour und Helen Kevric haben einige Gemeinsamkeiten: Beide jungen Frauen sind hervorragende Turnerinnen, beide sind es insbesondere am Stufenbarren. Bei der Weltmeisterschaft in Rotterdam treffen sie an den Holmen am heutigen Samstag im Finale aufeinander. Die Olympiasiegerin von 2024, Nemour, ist klar favorisiert, die amtierende Europameisterin, Kevric, sehr ambitioniert.
Was sie jenseits der Barrenholme auch gemeinsam haben: Beide wurden in der Vergangenheit von Trainern betreut, gegen die schwere Vorwürfe psychischen und physischen Missbrauchs erhoben wurden. Mit so etwas müssen die Sportlerinnen umgehen und vor allem die Verbände. Und hier enden die Gemeinsamkeiten.
Rückblick: Vor fünf Jahren eskalieren die Auseinandersetzungen zwischen dem französischen Turnverband und dem Verein Avoine-Beamont, wo Nemour von Marc Chirilcenko und seiner Frau Gina – einst selbst Turnerin in Rumänien – betreut wird und Kaylias Mutter Vereinspräsidentin ist. Das Ergebnis: Nemour, die einen algerischen Vater hat, beantragt den Wechsel des Startrechts.
Olympiasieg unter neuer Flagge
Als sie sich zwei Jahre später für Algerien für die Olympischen Spiele in Paris qualifiziert, wird der Turnverband FFGym von einem beispiellosen Shitstorm überzogen: Wie kann man nur die größte Olympiahoffnung ziehen lassen? FFGym erklärt damals, er habe die Aufgabe, den Schutz von Kindern zu gewährleisten – olympische Medaille hin oder her. Nemour wird Olympiasiegerin für Algerien, betreut von Marc Chirilcenko.
In jenem olympischen Finale im Sommer 2024 wird Helen Kevric Sechste, damals gerade 16 Jahre alt, betreut von Giacomo Camiciotti, unter dem sie am Bundesstützpunkt Stuttgart trainiert. Die Frage, ob Verantwortlichen im Deutschen Turner-Bund (DTB) bereits zum Zeitpunkt seiner Nominierung Informationen zu missbräuchlichem Verhalten vorlagen, ist bis heute nicht endgültig geklärt.
Öffentlich bekannt wurden die Vorwürfe am Jahresende: Erniedrigungen, Drohungen, Terror, Training und Wettkämpfe mit Verletzungen bis hin zu gebrochenen Knochen, Essstörungen und Depressionen. Im Zuge der Aussagen vieler mutiger junger Frauen wurde auch bekannt, dass dem DTB und dem Schwäbischen Turnerbund (STB) ähnlich lautende Schilderungen aus Stuttgart bereits seit Frühjahr 2021 vorlagen.
Dieses Mal allerdings handelten die Verantwortlichen: Die Trainer wurden suspendiert, der Landesverband kündigte die Arbeitsverträge. Der DTB verpflichtete Aimee Boorman für den Stützpunkt Stuttgart: Die US-Amerikanerin, die Superstar Simone Biles das Turnen gelehrt hat, vertritt offensiv, dass es primär um die Entwicklung junger Menschen zu Persönlichkeiten geht, nicht um Medaillen.
Eine Frage des Vertrauens
Helen Kevric bezieht zu all dem im Frühjahr 2025 erstmals Position: Sie sei kein „Missbrauchsopfer“, sagt sie, sie wolle ihre „Trainer zurück“, und das Ganze sei „unfair“. Und mit Aimee Boorman wolle sie nicht trainieren. Nach einem Jahr trennt sich der DTB im März trotz eines Vertrages bis 2028 wieder von der US-Amerikanerin: Die Zusammenarbeit habe „nicht so funktioniert, wie es gewünscht“ gewesen wäre, heißt es.
Helen Kevric trainiert aktuell nach eigener Aussage zehn Tage pro Monat im italienischen Vercelli. Die dortige Cheftrainerin hatte bis 2017 mit Giacomo Camiciotti zusammengearbeitet. Dass er diese Aufenthalte finanziell unterstützt, bestätigt der DTB. Anhaltende Gerüchte, Vater Adnan Kevric drohe dem Verband mit einem Wechsel des Startrechts – er stammt aus Bosnien –, dementiert er.
Sie wünsche sich einen Trainer, so Helen Kevric im Sommer, „der auf meinem Niveau mithalten“ kann – und es besteht kein Zweifel, an wen sie dabei denkt. Als sie im August Europameisterin am Barren wird, gibt sie auf die Frage, wer ihre Trainingsprogramme schreibe, keine Antwort.
Ebenfalls im Frühjahr 2025 trennte sich Kaylia Nemour von ihrem Trainer Marc Chirilcenko. „Ich habe verstanden, dass ich diese schöne Olympiamedaille auch deshalb gewonnen habe, weil ich das Inakzeptable akzeptiert habe“, sagte sie der französischen Sportzeitung L’Équipe: „Wenn du da drinsteckst, dann weißt du nichts, du siehst nichts. Es war unser ganzes Leben, es schien normal.“ Aber sie habe begriffen, dass es auch anders geht.
Ermittlungen in Frankreich und Deutschland
Die Olympiasiegerin sagte, ebenso wie etliche andere ehemalige Turnerinnen und Eltern, vor den französischen Behörden aus. Die Vorwürfe gleichen jenen aus Stuttgart – und übrigens auch aus dem Rest der Welt. Der französische Verband sperrt die Chirilcenkos, obschon sie erneut ein großes Talent trainieren.
„Keine Medaille wird jemals Schweigen, Kompromisse oder Leid rechtfertigen“ erklärte FFGym-Präsidentin Dominique Merieux, die es offenbar nicht Minderjährigen überlässt, darüber zu befinden, ob Machtmissbrauch vorliegt oder nicht. Die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen gegen Marc und Gina Chirilcenko, die mittlerweile in Katar engagiert wurden, dauern an.
Auch in Deutschland ermittelt weiterhin die Staatsanwaltschaft Stuttgart gegen Giacomo Camiciotti und Marie-Luise Mai, und zwar in 25 Fällen wegen Nötigung und diverser Körperverletzungsdelikte; außerdem wegen Unterlassen gegen DTB-Präsident Alfons Hölzl, Sportvorstand Thomas Gutekunst sowie sieben weitere aktuelle und ehemalige Mitarbeiter beziehungsweise Funktionäre der Verbände.
Die arbeitsrechtlichen Auseinandersetzungen beider Trainer hingegen endeten zuletzt in zweiter Instanz mit einem Vergleich. Der Schwäbische Turnerbund zahlt Abfindungen, das Kunstturnforum in Stuttgart darf Camiciotti nicht mehr betreten. Über das Ende der juristischen Auseinandersetzung freut sie sich sehr, sagte Kevric vor der Abreise zur WM, ihr Ziel sei es, „dass ich wieder unter den Personen trainieren darf, denen ich vertraue“.
Aktuell läuft die Suche nach einer Trainingsstätte in Deutschland. Auf die Frage, ob er eine solche Wiederaufnahme des Trainings befürworte oder diese zu verhindern gedenke, antwortet der DTB kurz vor der WM nicht. Ziel sei es, „gemeinsam mit der Athletin die bestmögliche Lösung hinsichtlich ihrer Trainingssituation und -betreuung zu finden“, heißt es lediglich, und der Verband stehe „uneingeschränkt“ zu seinem Safe Sport Code.
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